„Ich will halt einfach tanzen“

Zwei Schülerinnen der Tanzschule Liane werden an der John-Cranko-Schule in Stuttgart ausgebildet

Seit sie vier Jahre alt ist, nimmt Janina Roggel aus Rudersberg Ballettunterricht bei Liane Martinez. Nun hat sie die Aufnahmeprüfung an der John-Cranko-Schule in Stuttgart geschafft. Vier Jahre Ballettunterricht liegen hinter ihr. Jenny Müller aus Weissach im Tal ist schon etwas weiter. Die 12-Jährige wird bereits fünf Jahre in Stuttgart in klassischem Bühnentanz ausgebildet.

Sie erlebt ihre Jugend anders als andere Kinder: Jenny Müller geht in die Cranko-Schule. Wenn sie beispielsweise in den Ferien einmal zu Hause ist, sind Grund- und Dehnübungen Pflicht.

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Janina geht in die zweite Klasse der Grundschule in Rudersberg. Zum Ballettunterricht kam die 8-Jährige einmal die Woche zu Liane Martinez nach Backnang, nach den Sommerferien startet der Unterricht an der John-Cranko-Schule in Stuttgart. Zunächst steht Unterricht dreimal die Woche an.

„Dieses Jahr waren wir mit drei Kindern bei der Prüfung, von denen es nur die Janina geschafft hat“, erzählt Liane Martinez, die seit 1. Januar 1996 ihre Ballettschule in Backnang betreibt und Mitglied im Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik ist. Erfolge dieser Art sieht sie durchaus mit gemischten Gefühlen. Es sei „immer besonders schwer“, abzuwägen, welche Kinder sie auf ihre Begabung anspricht und welche nicht. „Weil man nie weiß, ob man sie glücklich macht oder nicht.“ Für Jenny Müller allerdings scheint der Weg genau der Richtige zu sein. Selbstbewusst und sich des Fürs und Widers durchaus bewusst, steht sie voll und ganz zu ihrer Entscheidung, sich auf ein Leben einzustellen, in dem es vor allem um Bühnentanz geht. Doch das war nicht immer so. Auch Jenny hatte mit vier Jahren begonnen, erste klassische Tanzschritte zu üben. „Wir haben die ganze Ausstattung gekauft, und dann hat es ihr gar keinen Spaß gemacht“, schmunzelt Mutter Beate Müller. Das hat sich aber bald grundlegend geändert.

Auch im Bereich des Tanzes gibt es zwei Seiten. Dies zeigt sich schon bei der Aufnahmeprüfung. Zum einen sei es absolut verständlich, dass die Schule nach harten Kriterien vorgehen müsse, meint Liane Martinez. Allerdings sei es für Eltern und Lehrer ebenso hart, „wenn man sieht, dass ihre Schützlinge nach reinen körperlichen Verbiegungskünsten kategorisiert und überprüft werden“. Angesichts der Fokussierung auf rein körperliche Aspekte könne man glatt vergessen, dass es sich beim Ballett um eine hohe Kunst, um Ausdrucksformen, um die Schönheit der Bewegung und Choreografie handle. Wenn die Ausbildung etwa auch von staatlich geprüften Tanzpädagogen auf der körperlichen Eignung zum Bühnentänzer basiere, bleibe so manches Talent unentdeckt.

„Zwei Frauen haben mit uns Übungen gemacht“, erzählt Janina Roggel. Spagat, Seitenspagat, Füße strecken – die Grenzen wurden ausgelotet. „Aus allem wurde ein Spiel gemacht“, so Mutter Nicole Roggel. Wer die erste Hürde geschafft hat, wurde danach von einer Orthopädin, einer Ärztin aus Gelsenkirchen, unter die Lupe genommen. Diese kommt einmal im Jahr zu den Aufnahmeprüfungen nach Stuttgart. Obwohl sich Janina auf ihre ersten Tanzschritte an der Schule freut, schwang im ersten Moment ihres Erfolgs vor allem Traurigkeit in ihren Worten mit: „Dann gehe ich ja gar nicht mehr zu dir ins Ballett“, zitiert Liane Martinez Janina. Für die Tanzpädagogin, die die Prüfung mit allen Schülerinnen im Unterricht nachgespielt hat, ist das das höchste Lob.

Jenny Müller geht mittlerweile in Stuttgart ins Gymnasium: Das Königin-Katharina-Stift ist eine Kooperationsschule der John-Cranko-Schule, die etwa zehn Gehminuten vom Gymnasium entfernt liegt. In der Cranko-Schule sind unter der Woche jeden Nachmittag rund zwei Stunden Training angesagt. Vor dem Unterricht müssen sich die Primaballerinen in spe rund eine halbe Stunde aufwärmen, damit es keine Verletzungen beim Training gibt. Auch die Ballettfrisur, der Dutt, muss sitzen. Für Hausaufgaben bleibt nicht allzu viel Zeit. Schon früh schärft dies das Talent zum Zeitmanagement. Auch für Freunde ist der Freiraum rar. „Freunde hat man natürlich in der Schule“, sagt Jenny. Doch man weiß auch: „Ballett ist kein Mannschaftsport, sondern ein Einzelkampf“ (Martinez). Von Jennys ursprünglicher Klasse sind heute von zehn Mädchen zwei übrig. Für acht endete die Karriere, bevor sie richtig beginnen konnte. „Von Anfang an wird den Mädchen klargemacht, wie schwer der Beruf ist. Da wird einem nichts vorgemacht“, weiß Beate Müller.

Nun gilt es für Janina, genauso wie für Jenny, die verschiedenen Stufen der Cranko-Schule zu durchlaufen. Und immer wieder gibt’s zwischendurch Prüfungen, die das Aus der Ballettkarriere bedeuten könnten. Liane Martinez war selbst vier Jahre lang an der Cranko-Schule. Später studierte sie vier Jahre an der Akademie des Tanzes in Mannheim und schloss ihre Ausbildung mit einem Diplom im Laien- und Profitanz ab. Damals wurde nach dem englischen System unterrichtet, heute ist es das russische – was auf einem für den Tanz absolut perfekten Körper basiert. Wer sich den Strapazen dieser Ausbildung und dieses Berufs aussetzt, weiß aber auch: „Wenn andere eine Basis geschaffen haben mit 35 Jahren, dann fängt man wieder neu an“, wie Liane Martinez zu bedenken gibt. Die Zeit davor kann einen jedoch für vieles entschädigen. Jenny Müller zum Beispiel schwärmt davon, wie sie mit 11 Jahren schon auf der großen Bühne im Großen Haus in Stuttgart stand. Die Atmosphäre hinter den Kulissen beschreibt sie als „energiegeladen“. Einmal habe sie mit anderen Schülern sogar vor den Solisten tanzen dürfen. Das wird sie nie vergessen. Ihr großes Vorbild ist die Tänzerin Sue-Jing-Kang.

Das nächste Mal steht sie bei den Aufführungen der John-Cranko-Schule am 7. und 14. Juli im Stuttgarter Opernhaus auf der Bühne. Und das wird mit Sicherheit anstrengend. Auch wenn „nur“ ein Drei-Minuten-Stück getanzt wird. Jenny Müller: „Man kann sich kaum vorstellen, dass drei Minuten lang sein können.“ Dennoch kommt für sie nur eines infrage: „Ich will halt einfach tanzen. Mir ist es egal, in welcher Kompanie.“ Die Hauptsache sei, dass die Leute sich darüber freuen. „Es bringt nichts, wenn du erster Solist bist, und man denkt: Jetzt kommt die wieder... Es ist schon wichtig, dass einen die Leute mögen.“

Dafür lohnt es sich, auf andere Sportarten zu verzichten, wie es gefordert wird. Auch vom Schulsport ist Jenny Müller befreit. Ihr Augenmerk richtet sie indes auf Sprachen. Zum Beispiel auf russisch. Der russischen Lehrer wegen. „Auch die Klavierspielerin ist russisch.“ Und sie fügt an: „Ich kann teilweise koreanisch.“ Angehörige von über 20 Nationen tanzen derzeit beim Stuttgarter Ballett. Da ist Weltoffenheit Pflicht. Auch Liane Martinez weiß: „Du bist als Balletttänzerin auf der ganzen Welt zu Hause.“ Auch sie selbst war beispielsweise schon in Japan und verständigte sich mit der Sprache des Tanzes...