Das Unhörbare wird hörbar gemacht

Professor Pröpstl präsentierte neue Musik für chinesische Instrumente Klangerlebnisse jenseits der Hörgewohnheiten

Sinogerman Sounds heißt das interkulturelle Musikprojekt, dessen renommierte Protagonistinnen Gregor Oehmann nach Backnang holte. Die Stuttgarter Saxofonistin Nikola Lutz begleitete die gebürtigen Chinesinnen Zhenfang Zhang und Ya Dong an der Erhu und an der Pipa.

Interkulturelles Musikprojekt: Nikola Lutz mit Zhenfang Zhang und Ya Dong. Foto: E. Layher

BACKNANG. Seit mehr als 20 Jahren leben Zhenfang Zang und Ya Dong in Deutschland, und sie gehören zu den wenigen, die das Spiel traditioneller chinesischer Instrumente beherrschen und zugleich in der Lage sind, westliche Partituren zu lesen. Beide spielen mit renommiertesten Orchestern und Ensembles zusammen und haben sich neben der Pflege der chinesischen Tradition zeitgenössischer Klassik im Crossover zwischen Ost und West verschrieben.

Hier kommt die Dritte im Bunde ins Spiel. Nikola Lutz, Dozentin für klassisches Saxofon an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, hat ihr Instrumentarium allmählich um Elektronik erweitert. Seit elf Jahren beschäftigt sie sich auch mit dem Computer als Musikinstrument und der Mehrkanaltechnik. Mit diesen drei Musikerinnen hat sich eine Konstellation zusammengefunden, die ungewöhnliche musikalische Erlebnisse zaubert und den Zuhörer in die Welt des bislang Ungehörten entführen kann. Zunächst stellte Ya Dong ihr Instrument vor. Die Pipa ist eine Verwandte der deutschen Laute mit 2000-jähriger Geschichte und Kultur, ein Zupfinstrument mit vier Saiten, die meist auf a, d, e, a gestimmt sind.

Ya Dong begann mit einem traditionellen Tanzmusikstück der Yi, das ein nächtliches Feuerfest beschrieb und außerordentlich kunstvoll und dynamisch vorgetragen wurde. Exotische Klänge zwar, aber etwas, das das europäische Ohr schon hier und da gehört hat, ein harmonisches Spektrum, das uns vertraut ist. Anders verhielt es sich mit den folgenden im Trio dargebotenen Earth Sounds der jungen englischen Komponistin Sophie Pope. Deren Hintergrund besteht darin, dass wir immer von Frequenzen umgeben sind, zu jeder Zeit und an jedem Ort, diese aber nicht alle wahrnehmen, und dass es Geräte gibt, die sie hörbar machen können. Sophie Pope hat sich damit beschäftigt und in ihrer Komposition das Unhörbare in die Reichweite unserer Wahrnehmung geholt.

Das Trio produzierte hier Klangbilder, die, zumindest für Laien, keine Musik im bisher geläufigen Sinne, zum Fantasieren über die Geräuschquellen oder zum Staunen über unkonventionelle Wege der Lauterzeugung einluden.

Mit dem traditionellen chinesischen Stück Nacht bei Vollmond, einem romantisch-harmonischen Werk, das Zhenfang Zhan auf der chinesischen Geige (Erhu) wunderschön spielte, wurden die Zuhörer zurück in vertrautere Gefilde geholt. Die Erhu ist ein zweisaitiges Instrument, das hierzulande oft als Kniegeige bezeichnet wird. Der Bogen ist dem europäischen Geigenbogen ähnlich, die Rosshaarbespannung befindet sich aber zwischen den Saiten. So kann zwar der Bogen nicht vom Instrument abgehoben werden, dennoch sind beide Saiten einzeln oder auch gleichzeitig spielbar.

Mit dem Stück Tuntu, was so viel wie Ein- und Ausatmen oder Ziehen und Pusten bedeutet, kam wieder das Trio zum Zuge. Auf dem Baritonsaxofon beziehungsweise elektronisch erzeugte Nikola Lutz Klänge wie Rascheln, Gurgeln, Flattern und vieles andere, manches auch sprachlich kaum Definierbare bis hin zur Body Percussion. Ein weiterer Höhepunkt des Konzerts war das von einem Lao-Tse-Zitat inspirierte Stück San (übersetzt: Drei). Die ebenfalls anwesende ganz junge Komponistin Yiran Zhao erläuterte, dass diese Zahl die Quelle aller Möglichkeiten in sich berge. Lao Tse etwa: Die Eins ist das Kind des himmlischen Gesetzes, nach der Eins kommt die Zwei, und nach der Drei kommt alles.

Die sich anschließende Improvisation über ein chinesisches Volkslied begann im Sinne unserer Hörgewohnheiten kaum melodisch, ließ aber allmählich Motive erkennen und einen relativ vertrauten asiatischen Klangteppich vernehmen. Zu guter Letzt regte ein Stück von Hui Hui Cheng dazu an, sich einen Mönch beim Schreiben vorzustellen, denn der Titel der Komposition bezieht sich auf die Geräusche, die beim Reiben der Tusche für chinesische Kalligrafie entstehen. Auch dies ein Werk, das der Fantasie Raum gab.