Techniksaurier auf dem City-Laufsteg

Dritter Kaelble-Oldtimer-Treff fasziniert erneut – Schaulustige säumten die Straßen – Methusaleme konnten besichtigt werden

Zum dritten Mal hat die Techniksammlung der Stadt zum Kaelble-Oldtimer-Treff geladen und wieder schnauften viele der Methusaleme auch aus anderen Teilen der Republik nach Backnang. Höchstgeschwindigkeit der schnelleren Gefährte: 62 Kilometer pro Stunde.

Nicht zum Schönsein, sondern zum Schaffen gebaut: Kaelble-Lastkraftwagen vergangener Tage. Aber auch die alten Formen haben etwas.Fotos: E. Layher

Von Monika Degner

 

BACKNANG. Graziös sehen die Techniksaurier der Gattung Nutzfahrzeuge nicht aus. Die schwerfälligen Dampfwalzen, Lastkraftwagen, Feuerwehrautos und Zugmaschinen rollen vor dem Rathaus zwar wie auf dem Laufsteg vorbei, wurden ursprünglich aber nicht zum Schönsein, sondern zum Schaffen gebaut.

Punkt 13 Uhr säumen Schaulustige aller Altersklassen die Marktstraße. Die Objekte der Begierde sind noch nicht in Sicht. Noch wartet man vergebens auf das charakteristische Brummen alter Dieselmotoren, auf den Sound eines Zweitakters, die Sirene eines Feuerwehrveteranen. Möglicherweise hat Backnang anlässlich dieser Ralley der Spitzengeschwindigkeiten schon mehr Besucher gesehen, aber es regnet nun mal. Der Herbst ist auf seine Art mit kräftigen Güssen an den Start gegangen. Über den Köpfen der Zuschauer schaukelt so mancher Regenschirm, über Kameras werden Plastikhüllen gezogen oder große Gaststättenschirme aufgespannt. Aber immerhin: Schirmbewehrte vom Schleckermarkt bis zum Kriegerdenkmal und die Treppe zur Stiftskirche hinauf. Dann hört man’s endlich brummen. Es ist der Sound zweier Dampfwalzen, die größere designed 1941, die kleinere ist noch älter und kaum größer als ein Rasenmäher zum Draufsitzen, ein Liliputaner der Backnanger Techniksammlung. Diesen Schnellsten der Schnellen folgt ein sonnenblumenbesteckter Treckerveteran, Baujahr 1949, gesteuert von einem weißbärtigen Fahrer, der sein Fahrzeug, was das Alter anbelangt, selbst gebaut haben könnte. Es folgen ein Kaelble Schaufellader von 1965 und eine Zugmaschine mit der Laufstegnummer 24, Baujahr 1935, 36 Pferdestärken. Dies ist ein echtes Schnauferl unter den Zugmaschinen. Behäbig, mit außen angebrachten Hupen, rollt es vorwärts und vermittelt ein ungeheures Gefühl von Geschwindigkeit, äh, Gemütlichkeit, vergleicht man das zierliche Nutzfahrzeug mit den entsprechenden Kolossen von heute.

Kaelble ist, besser sollte man sagen, war eine Marke, ein Begriff. Das signalisiert auch die Markenaufschrift, die quer über etliche der bulligen Kühlerschnauzen appliziert ist. Irgendwo versteckt, mit rostenden Schauben befestigt, dürfte man auch Typenschilder entdecken: Carl Kaelble GmbH. Backnang Motoren- und Maschinenfabrik. Der Betrieb, Jahrzehnte lang einer der größten Arbeitgeber der Stadt, begann 1895 Maschinen zu produzieren. 1965 hatte das Unternehmen 2500 Beschäftigte und produzierte den damals größten Radlader der Welt. 1983 übernahm die libysche Firma Labico die Mehrheit, bald wurden Stellen abgebaut. 1995 wurde gegen Kaelble wegen Konkursverschleppung ermittelt und 2004 übernahm die US-Firma Terex Kaelble, das Werk in Backnang wurde geschlossen.

Pausenlos defilieren sie vorbei. Der Dieselgestank wird langsam intensiver, eines der Fahrzeuge bewegt sich nur unter Auspuffknallen vorwärts. Außer Kaelble-Fahrzeugen sind solche der Firmen Magirus Deutz, Mercedes, Henschel, M.A.N., Hanomag unterwegs. Ein Magirus Deutz mit Kaelble-Motor aus dem Jahre 1968 hat sich sozusagen „fein“ gemacht und extra Holz geladen. Andere Fahrzeuge wurden sehr attraktiv in den Originalfarben restauriert. Immer wieder erstaunt es, wie human die Lastkraftwagen der 50er und 60er-Jahre aussahen. Gutmütig runde Kühler oder huckepack aufgesetzte hölzerne Lastbehältnisse. Der LKW mit der Aufschrift „Sepp Niedermayer, Kraftverkehr München“ mit Anhänger von 1954 würde wohl komplett in den Anhänger eines Lasters von heute passen.

Dann dampfen sie weiter. Die Veteranen erhalten noch Auslauf bis Unterweissach, dann kehren sie nach Backnang zurück, um auf dem Tesat-Parkplatz zur Besichtigung freigegeben zu werden. Jetzt lässt’s sich weiter bummeln und gegen 18 Uhr zur Ausstellungseröffnung in die Kaelblehalle eilen, wo Kulturamtsleiter Martin Schick sozusagen den wissenschaftlichen Teil dieses Technik-Wochenendes eröffnet, die Ausstellung „Kaelble und Knapp – eine Backnanger Erfolgsgeschichte im Fahrzeugbau“. Die sehenswerte Schau beantwortet so manche Frage, die sich angesichts des Veteranen-Korsos erhob. Die Einführung hält Eberhard Krumm. Und sonntags schließlich, zum Tag der Offenen Tür, herrscht wirklich Riesenandrang. Noch bis zum Nachmittag stehen die Oldtimer auf dem Parkplatz, erst nach drei Uhr tuckern die letzten ab Richtung Heimat. Derweil strömen immer noch Menschen herbei. Wieder ist es laut, als zum Beispiel 8-Zylinder-Kaelble-Motoren vorgeführt werden.