Fürsorge für die Mitarbeiter großgeschrieben

Die Backnanger Firma Adolff hielt ein großes Sozialprogramm für ihre Beschäftigten bereit – Antje Hagen vom Technikforum zeigt die Fülle an Leistungen auf

Die Backnanger Firma Adolff hielt für ihre Mitarbeiter ein breit angelegtes Sozialprogramm bereit. Ihre freiwilligen Angebote gingen weit über den Umfang der gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen hinaus. Sie dienten dazu, das Betriebsklima zu verbessern, die Motivation der Mitarbeiter zu fördern und ihre Bindung ans Unternehmen zu stärken.

Hat sich durch einen Berg von Material durchgekämpft: Antje Hagen in der Spinnerei-Abteilung des Technikforums Backnang. Fotos: E. Layher/privat

Von Armin Fechter

BACKNANG. Antje Hagen, Mitarbeiterin des Technikforums, hat sich des umfangreichen Themas angenommen. Sie hat Zeitzeugen befragt, unter anderem die einstige Betriebsratsvorsitzende Ilse Eisenmann, sie hat Quellen studiert, beispielsweise das betriebseigene Magazin „Werk und Feierabend“, und sie hat sich auf die mühevolle Suche nach Bildmaterial begeben. Daraus ergab sich schließlich ein stattlicher Fundus an Material, der in einen Beitrag im jüngst erschienenen Band 24 des Backnanger Jahrbuchs eingeflossen ist. Dort gibt sie Einblick in das Sozialprogramm der Spinnerei, das sie auch anlässlich eines Altstadtstammtisches öffentlich vorgestellt hat.

„Mich fasziniert die Fülle der freiwilligen Sozialleistungen bei Adolff“, erklärt Antje Hagen, die von Haus aus gar keine Historikerin ist. Nach dem Abitur am Max-Born-Gymnasium 1986 absolvierte die in Auenwald aufgewachsene junge Frau, die sich im Leistungskurs bei Ernst Hövelborn für die bildende Kunst hatte begeistern lassen, in Hildesheim ein Studium zur Diplom-Kulturpädagogin. Ihre Disziplin läuft heute unter dem Begriff angewandte Kulturwissenschaften. 2012 absolvierte sie zudem ein Kontaktstudium Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg.

Arbeit in der Techniksammlung schafft Bezug zum Unternehmen

Nach einer ersten beruflichen Station in München kam Hagen zur Stadt Backnang, die damals eine Kraft für die städtische Galerie und die Techniksammlung suchte. Das entsprechende Inserat war ihr während eines Urlaubs am Strand in Italien beim Blättern in der Backnanger Kreiszeitung ins Auge gestochen.

Ab 2002 baute Antje Hagen dann die Techniksammlung mit auf. Zu den Aufgaben gehörte einerseits die wissenschaftliche Aufbereitung, andererseits aber auch die Organisation von Veranstaltungen wie Kaelble-Oldtimertreff und Ledertag. Sie organisierte Führungen, baute die Museumspädagogik auf und entwickelte spezielle Aktivitäten für Kinder. Ein besonderes Anliegen war ihr, das Wissen der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Techniksammlung – die ins Technikforum übergegangen ist – zu erhalten und durch gefilmte Führungen und Interviews dauerhaft zu dokumentieren.

Das lenkte ihren Blick auch auf die Firma Adolff. Besonders fiel ihr auf, dass die Leute ganz offenkundig mit ihrer Arbeit dort zufrieden waren. „Ich habe mich gefragt, wie es kommt, dass ich nie was Schlechtes gehört habe“, blickt die Kulturwissenschaftlerin auf die Gespräche mit früheren Mitarbeitern zurück. Ein ganz wesentlicher Grund dürfte, so die Erkenntnis, darin liegen, dass für die Mitarbeiter ein umfassendes Paket an Sozialleistungen geboten wurde. Die Aufwendungen dafür überstiegen sogar die gesetzlichen Sozialabgaben.

Als Beispiel verweist Hagen auf das Geschäftsjahr 1951/52. Da betrugen die gesetzlichen Sozialabgaben für die 2593 Beschäftigten 587000 Mark. Die freiwilligen Sozialleistungen summierten sich hingegen auf 773000 Mark. Zusätzlich zahlte das Unternehmen in dem betreffenden Jahr noch fast 200000 Mark für Baudarlehen und den Bau und die Instandhaltung von Werkswohnungen. Überdies gewährte die 1938 eingerichtete Unterstützungskasse Adolff-Hilfe fast 84000 Mark für Mitarbeiter, die durch längere Krankheit oder Betriebsunfälle unverschuldet in Not geraten waren.

Die Firma räumte den Mitarbeitern finanzielle Zuwendungen ein, zum Beispiel Zusatzrenten, Weihnachtsgratifikationen, Wirtschaftsbeihilfe oder auch Kinderbeihilfe für kinderreiche Familien und Fahrtkostenzuschüsse. Daneben konnten die Beschäftigten von vielen Vergünstigungen profitieren: günstige Werkswohnungen, zinslose Baudarlehen, aber auch Werksbäder und – für den Nachwuchs – Krippe, Hort und Kindergarten.

„Ganz spannend“ findet Antje Hagen in diesem Zusammenhang das „Gartenland“, das die Firma bei der früheren Bahnhaltestelle Spinnerei bereitstellte. Es handelte sich anfangs um ein in den 1940er-Jahren erworbenes, 180 Ar großes Grundstück, das durch weitere Grundstücke noch vergrößert wurde. Die Fläche wurde in Parzellen von vier bis acht Ar aufgeteilt, mit je einem Gartenhäuschen und Wasseranschluss ausgestattet und günstig an die Mitarbeiter verpachtet, damit sie dort Obst und Gemüse selbst anbauen konnten.

Hunderte von Wohnungen
für die Beschäftigten

Mit dem Bau eines Sechsfamilienhauses in der Eugen-Adolff-Straße 100 stieg die Firma 1901 in die Bereitstellung von Wohnraum für Mitarbeiter ein. Später entstand unter anderem auch ein Wohnheim in der Walksteige für italienische und griechische Familien. Die Zahl der Werkswohnungen überstieg in den 60er-Jahren die Marke von 300. Zudem gab es an die 1000 Wohnheimplätze.

Eine Betriebsfürsorgerin – das legendäre Fräulein Rebmann – kümmerte sich um die sozialen Belange der Belegschaft. Sie hielt Sprechstunden zur Beratung und betreute werdende Mütter. Es gab eine eigene Krankenstation mit Werksarzt, Arzthelferin und zwei Fachkräften für die Heilbehandlung. Erholungsbedürftige mit längerer Betriebszugehörigkeit durften auf Firmenkosten Urlaub im Schwarzwald machen – allein im Jahr 1957 waren dies 71 Mitarbeiter.

Die ab 1952 erscheinende Werkszeitung vermittelte nicht nur betriebsinterne Informationen, sondern diente auch als Firmenchronik. Breiten Raum hatten Themen aus den Bereichen Soziales, Arbeitsrecht, Unterhaltung und Mode. „Etwa 50 Prozent“, so Hagen, waren inhaltlich nicht betriebsspezifisch orientiert. 1941 richtete das Unternehmen eine eigene Bücherei ein. Kantine, Werksküchen und Getränkeautomaten standen zur Verfügung. 1966 wurde sogar ein eigener Supermarkt eröffnet, der den Betriebsangehörigen Preisvorteile einräumte, weil das Unternehmen damit keine Gewinnerzielungsabsichten verfolgte.

Das Unternehmen stärkte die Identifikation der Belegschaft mit der Firma aber noch durch eine ganze Reihe anderer Leistungen. So gab es bereits ab dem Jahr 1896 Betriebsausflüge. Nach einem Bericht im Murrtal-Boten ging es damals zur Landschaftsausstellung nach Bad Cannstatt. Je weiter das Unternehmen wuchs, desto aufwendiger wurden auch die Exkursionen. So ließ die Firma 1937 zwei Sonderzüge an den Bodensee rollen, wo auf die Mitarbeiter eine Seerundfahrt mit zwei Schiffen wartete. 1938 folgte ein Ausflug zum Oktoberfest nach München. In einer eindrucksvollen Kolonne zogen die Adolffianer damals durch die Stadt. In den 50er-Jahren wuchs die Belegschaft allerdings so stark an, dass diese Ausflüge verkehrstechnisch nicht mehr zu bewältigen waren. Stattdessen bekamen die Leute jetzt ein Ausflugsgeld in Höhe von 20 Mark ausgezahlt. Ab 1962 gab es dann Betriebsfeste auf dem Stuttgarter Killesberg, zu denen die rund 2500 Mitarbeiter in drei Sonderzügen aus Backnang und Ehingen anreisten.

Eigene Bahnstation erleichtert

Pendlern den Weg zur Arbeit

Um den auswärtigen Mitarbeitern den Weg zur Arbeit zu erleichtern, wurde 1912 der Spinnerei-Bahnhof eingerichtet. Das Unternehmen trug einen großen Teil der Baukosten. Bis 1982 blieb die Haltestelle in Betrieb. Das Unternehmen bot den Beschäftigten auch die Möglichkeit, in einer Werkskapelle mitzuwirken. Sie spielte bei den Betriebs- und Jubilarfeiern. Seit 1924 gab es ferner eine Werksfeuerwehr; offiziell als solche anerkannt wurde sie 1962, nachdem sie alle Auflagen erfüllt hatte.

Auch auf sportlichem Gebiet eröffnete die Firma ihren Mitarbeitern neue Möglichkeiten. 1941 wurde ein betriebseigener Sportplatz eingeweiht, auf dem später bundesweite Vergleichswettkämpfe stattfanden. Auch eine Turnhalle stand für den Betriebssport zur Verfügung. Leichtathletik wurde betrieben, Gymnastik, Mannschafts- und Ballsportarten, aber auch Tischtennis. Und sogar die Kegelbahn in der Fabrikantenvilla „Haus am Berg“, auf der unter anderem 1957 der damalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard die Kugel zum Rollen und die Kegel zum Wanken brachte, stand den Mitarbeitern zur Verfügung.

Antje Hagen, die alle diese unterschiedlichen Aktivitäten aufgespürt und festgehalten hat, findet aber auch die Geschichten interessant, die sich in den vielen Jahrzehnten rund um die Firma ergeben haben. Schmunzelnd denkt sie dabei an die Zusammenarbeit des weltbekannten Verpackungskünstlers Christo mit Adolff. In Miami plante er damals ein Projekt, bei dem er unter dem Titel „Surrounded Islands“ eine schwimmende Folie um eine Reihe von kleinen Inseln herum aufs Wasser legen wollte. Doch bei der Suche nach dem geeigneten Material stieß er an Grenzen. Fündig wurde er schließlich bei Adolff: Erst die gewieften Techniker aus dem Schwabenland konnten das mit kleinen Luftbläschen an der Unterseite bestückte Bändchengewebe herstellen, von dem er 62 Tonnen in der Farbe Pink orderte.

Auch bei einer Arbeit am Pont Neuf, der ältesten im Originalzustand erhaltenen Brücke über die Seine in Paris, baute Christo auf Adolff. Desgleichen plante der Künstler, den Reichstag in Berlin zu verhüllen. Doch bis das Vorhaben zur Ausführung kam, war die Firma Adolff in Konkurs gegangen, und Christo musste andere Lieferanten suchen.