Arbeiten mit Vanilleblüten aus La Réunion

Serie: 30 Jahre Backnanger Künstlergruppe Die Collagenexpertin, Kulturaktivistin und Kulturfunktionärin Elke Vetter

Elke Vetter gehört zu den Gründungsmitgliedern der Backnanger Künstlergruppe. Seit 1991 ist sie Vorsitzende. Für ihre mit unterschiedlichsten Werkstoffen fein austarierten Kompositionen in Collagetechnik ist sie bekannt. Ihre Ausgangsmaterialien reichen von Lavendelsamen bis hin zu Kaffeefiltern oder alten Kartoffelsäcken. Beim Neujahrsempfang bekam die experimentierfreudige Künstlerin und hoch engagierte Botschafterin in Sachen Kultur den Ehrenteller der Stadt Backnang.

Um neue Ideen ist Elke Vetter nie verlegen: Zurzeit arbeitet sie an Objektkästen für die Ausstellung zum 30-Jährigen der Künstlergruppe in der Galerie der Stadt Backnang. Foto: E. Layher

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Elke Vetter blättert in einem Büchlein und schmunzelt: „Da ist ein Tag bei Oma und Opa beschrieben.“ Es sind reizende Bilder-Geschichten mit ihr im Alter von ungefähr drei Jahren und ihrem Bruder als Hauptfiguren – sie stammen von ihrer Tante, der Malerin und Grafikerin Marieluise Quade, bestimmt für die Mutter von Elke Vetter. Aufgewachsen ist Vetter nämlich bei ihren Großeltern in Lüdenscheid. Aus ihrer Geburtsstadt Bonn hatten diese ihre Enkel gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu sich geholt, „weil man wusste, Bonn wird bombardiert“.

Dass Elke Vetter schon sehr früh eine Affinität zur Kunst bekam, lag an eben jener Tante. Auch Marieluise Quade wohnte im Haus von Vetters Großeltern in Lüdenscheid und hatte dort ein Atelier. „Man musste immer ganz still sein im Atelier“, erinnert sich die seit Anfang der 1960er-Jahre in Backnang wohnende Künstlerin. Bei Wandmalereien durfte sie richtig mithelfen. Quade vergrößerte ihre Entwürfe für die Kunst am Bau 1 : 1. Vetter: „Den Vergrößerungsapparat habe ich noch im Keller. „Ich habe das eigentlich von der Pike auf gelernt.“ Und sie zeigt eine Fotografie des kubischen Kunstwerks am Geschwister-Scholl-Gymnasium, an dem Quade Kunstlehrerin war. Die Wandmalerei verschwand allerdings bei einer energetischen Sanierung hinter der Fassaden-Verkleidung.

Ihre Reisen in ferne Länder, Bergwanderungen, Kletter- und Gletschertouren inspirierten Elke Vetter für viele, meist abstrahierte Kunstwerke. Zuweilen sind noch Landschaften zu erkennen. Vetter spielt in ihren stark grafisch geprägten Arbeiten mit Formen, die sich aus ihren Naturerinnerungen oder ihrer Freude am Experimentieren in puncto Techniken ergeben. Linol-, Karton- oder Siebdruck sowie Monotypien gehörten lange zu ihren bevorzugten Techniken. Ihr Künstlerinnendasein ist aber vor allem von einer großen Entdeckerlust geprägt.

Experimentierfreude

und Erfindergeist

Da konnte es schon einmal sein, dass Vetter eine „Arztspritze“ mit Druckfarbe füllte und damit Umrisse zog. Oder sie verwendete Wachsmalstifte und bearbeitete ein Bild noch mit Nitroverdünnung, um besondere Strukturen zu erzeugen. Bald wusste sie aber: „Das gibt Dämpfe und geht auf die Leber.“ Nach einer ärztlichen Untersuchung gehörte das Arbeiten mit Nitroverdünnung der Vergangenheit an. Jetzt war ihr von einem Mediziner eine Spritzenkur verordnet worden.

Eine Zeit lang faszinierte Vetter die Décalcomanie, jenes von Max Ernst entwickelte Farbabzugsverfahren. „Auf diese Art habe ich unheimlich viele Bilder gemacht“, so die Künstlerin. Sie arbeitete etwa mit Makulaturpapierbahnen und kombinierte die Décalcomanie mit ihrer speziellen Collagier-Methode. Heute ist die durch Farbe und Zufallsstrukturen geprägte Vorgehensweise, bekannt auch unter dem Begriff Abklatschtechnik, für sie kein allzu großes Thema mehr.

Eines ist auf jeden Fall geblieben: Wenn Elke Vetter ein Bild in Angriff nimmt, folgen zahlreiche Arbeitsschritte. Alte Kartoffelsäcke, Bettlaken, Frotteestoffe, Geschenkpapier, Künstlerkataloge oder Verbandsmaterialien werden bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet und in die Welt der Kunst überführt. Das Ausgangsmaterial wird bemalt, geklebt, auseinandergezogen oder -gerissen und übereinandergeschichtet. Naturmaterialien wie Lavendelsamen, Sand, Kaffeemehl oder Vanilleblüten aus La Réunion werden hinzugefügt. Mit unterschiedlichen Kaffeesorten getränktes Filterpapier wird bedruckt, angemalt und angekokelt – eines speziellen grafischen Effekts wegen.

„Es ist irgendwie immer behandelt, es gibt keine saubere Fläche“, ist so ein typischer Satz der Künstlerin. Oder: „Es muss immer etwas passieren.“ Dann sagt Vetter lachend: „Ich sammle schon viel Zeugs.“ Das viele „Zeugs“ kann sie auch für ihre Objektkästen gut gebrauchen, an denen sie gerade für die Ausstellung zum 30-jährigen Bestehen der Künstlergruppe vom 7. bis 29. Juli in der Galerie der Stadt arbeitet. Alle fünf Jahre darf die Gruppe dort ausstellen – schließlich hat sie auf Anregung des damaligen Kulturamtsleiters Klaus Erlekamm 1993 das Haus mit ihrer Kulturbaustelle erst für die Kunst ins Gespräch gebracht.

Serielles Arbeiten wie bei den Objektkästen liegt Vetter. Zu ihren Serien gehören auch die Collagen mit dem Titel „Frau vom Hofe gewidmet“, deren Ursprung Gedichte sind, die Vetters Großmutter 1910/1911 abgeschrieben hat. Der Text und die übrigen Bildelemente verschmelzen ineinander.

Bei der Übergabe des Ehrentellers der Stadt Backnang beim Neujahrsempfang 2017 hob Oberbürgermeister Frank Nopper die Sonderstellung Vetters als „Künstlerin, Kulturaktivistin und Kulturfunktionärin“ hervor. Die Künstlergruppen-Vorsitzende spiele als Multifunktionärin auf der gesamten Klaviatur von Kunst und Kultur in Backnang. „Ohne Elke Vetter geht in der Backnanger Kunst- und Kulturszene fast nichts, mit Elke Vetter geht fast alles. Es gibt das berühmte Sprichwort, dass man einen Vetter im Himmel haben müsse. Wir hätten auch gern einen Vetter im Himmel, uns hat aber schon eine Vetter in Backnang sehr viel gebracht.“