Radeln unter Strom birgt Risiken

Immer mehr Unfälle mit Pedelecs und E-Bikes – Häufig unterschätzen Verkehrsteilnehmer deren Geschwindigkeit

Mit der Beliebtheit von Pedelecs undE-Bikes steigen auch die Unfallzahlen. In der Osterwoche sind im Landkreis gleich zwei Menschen auf ihrem elektrischen Fahrrad verunglückt. Riskant sind nach Expertenmeinung jedoch weniger die Gefährte selbst als die mangelnde Erfahrung der Verkehrsteilnehmer.

Ein Zusammenstoß zwischen Auto und Fahrrad kann im schlimmsten Fall tödlich enden – Autofahrer können die Geschwindigkeit der elektrischen Räder oft schwer einschätzen. Fotos: Fotolia

Von Bianca Walf

WAIBLINGEN. Komfortabel, umweltfreundlich, hip – das elektrische Radfahren liegt im Trend. Vor allem sogenannte Pedelecs, die mit Tretunterstützung rund 25 Stundenkilometer schnell fahren, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit: „Bei uns machen Pedelecs mittlerweile 40 bis 50 Prozent der verkauften Räder aus“, sagt Fahrradexperte Timur Selvi von der Firma Bikes’n’Boards in Backnang. Es seien längst nicht nur ältere Menschen, die den Hype ums motorisierte Radeln mitmachen: „Es kommen zwar sehr viele Senioren zu uns, die sich für Pedelecs interessieren, aber auch junge Paare, bei denen einer ein bisschen fitter ist als der andere und die trotzdem gemeinsam fahren wollen“, berichtet Selvi.

Mehr Pedelecs bedeuten
automatisch mehr Unfälle

Proportional zur Popularität der neuen Fahrradklasse stieg in den vergangenen fünf Jahren jedoch auch die Zahl der Unfälle. Nur ein einziger Pedelecfahrer verunglückte noch 2012 im Rems-Murr-Kreis. Im vergangenen Jahr ereigneten sich bereits 27 Unfälle. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl der Fahrradunfälle stieg im gleichen Zeitraum um 7,5 Prozent von 280 auf 301. Für dieses Jahr hat die Radsaison noch nicht einmal begonnen und doch gab es bereits mehrere schwere Unfälle: Am Karfreitag verunglückte in Fellbach eine 51-jährige Pedelecfahrerin. Durch eine Bodenwelle verlor sie die Kontrolle über ihr Fahrzeug und zog sich, trotz Helms, schwere Verletzungen zu. Nur wenige Tage zuvor starb in Aspach ein 85-jähriger E-Biker an den Folgen eines Zusammenstoßes mit einem Auto. In Waiblingen-Hegnach musste Anfang Februar ein 76 Jahre alter Mann reanimiert werden. Der Senior war mit dem Pedelec gestürzt und hatte sich ohne Helm eine Kopfverletzung zugezogen.

Ursachenforschung: Erfahrung

mit neuer Technik fehlt

„Auf den ersten Blick sieht das wie ein überproportionaler Anstieg der Unfälle mit Pedelecs aus“, so Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier. Das müsse man jedoch relativieren. Dass das Pedelecfahren pauschal gefährlicher ist als mechanisches Radfahren, sehe er nicht. Die Zahl der Pedelecs sei in den vergangenen fünf Jahren einfach wesentlich stärker gestiegen als die der Fahrräder. Auch Timur Selvi meint: „In unserer Radwerkstatt haben wir kaum Pedelecs, die bei Unfällen beschädigt wurden. Ich denke, dass normales Radfahren und Pedelecfahren etwa gleich gefährlich oder ungefährlich ist. Jemand, der fit ist und sportlich Rad fährt, schafft auch ohne Elektroantrieb locker 25 Stundenkilometer.“

Laut Biehlmaier sei allerdings davon auszugehen, dass mit Pedelecs im Schnitt längere Strecken zurückgelegt werden als mit Fahrrädern, da das Fitnesslevel des Fahrers nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Probleme sieht er primär aufseiten der Fahrer: „Pedelecs werden überwiegend von älteren Personen genutzt. Da auch weite Strecken zurückgelegt werden können, kommen sie möglicherweise schneller an ihre konditionellen Grenzen. Das wiederum beeinträchtigt die Konzentration und führt so unter Umständen zu einem höheren Unfallrisiko. Möglicherweise steigen auch Menschen auf das Pedelec, die das Radfahren schon vor Längerem aufgegeben haben und dementsprechend ungeübt sind.“ Zusätzlich gibt Selvi zu bedenken: „Reguläre Fahrräder und Pedelecs sind auf den allerersten Blick kaum zu unterscheiden. Autofahrer schätzen die Geschwindigkeit deshalb oft falsch ein. Sie denken, eine ältere Dame auf dem Fahrrad braucht verhältnismäßig lange, bis sie näherkommt, aber auf dem Pedelec kann sich die Distanz schnell verringern. Weil die Technik noch verhältnismäßig neu ist, fehlt hier einfach die Erfahrung.“