Die Geschwätzigkeit der Farbe

Serie: 30 Jahre Backnanger Künstlergruppe Peter Wolf inszeniert kleine Dinge ganz groß

Auch die kleinen, vermeintlich unscheinbaren Dinge bewusst zu sehen und mit fotografischen und grafischen Mitteln künstlerisch umzusetzen, ist das Metier des Designers Peter Wolf. Alltägliches, auf den ersten Blick Banales, bekommt eine andere Realität. Der Mittelfranke, für den Backnang zur Heimat geworden ist, ist seit 2008 Mitglied der Backnanger Künstlergruppe.

Fotografiken gehören zu den künstlerischen Ausdrucksmitteln des studierten Fotodesigners Peter Wolf. Foto: E. Layher

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Bereits als Kind fasziniert Peter Wolf das malerische Spiel mit Farbfeldern. Vorwiegend die Elementarfarben Rot, Gelb und Blau tauchen in seinen geometrischen Zeichnungen auf. Schon damals wird eine Formensprache deutlich, die später in seinen Arbeiten immer wieder auftaucht. Der Umgang mit Farbe, Lichteffekten und der Blick auf Details sollten den gebürtigen Ansbacher ein Leben lang begleiten. Seine frühen Fotografien sind gegenständlicher Natur. Doch 1986 lichtet er zerknautschte Kissen mit allen ihren Falten nicht einfach ab, sondern macht eine Serie mit 60 Einzel-Polaroids daraus, die eine ganz neue, ästhetische Bildsprache ergeben.

In späteren Arbeiten löst Peter Wolf das Gegenständliche immer mehr auf. Eine Serie von Gebäuden und Landschaften in Schwarz-Weiß kommt hinzu: „Schwarz-Weiß hat immer etwas Abstraktes, es lichtet nicht die Wirklichkeit ab“, unterstreicht der Fotograf und Grafiker. Grelles Licht, das in eine dunkle Backnanger Straßenunterführung fällt, inspiriert ihn zu der grafischen Umsetzung des Fotos „To Heaven“, in der sich die schwarzen Konturen aus der dunklen Tiefe heraus im weißen, gleißenden Licht verlieren. In der Serie „Kaffeehaus“ lassen die Detailaufnahmen wie etwa Regentropfen auf einem Bistrotisch oder Ausschnitte von Barhockern die wahren Motive nur erahnen. Das Licht muss entsprechend sein, damit der Transfer ins Grafische auch so wird, wie sich Peter Wolf das fertige Bild vorstellt. Manchmal geht eine lange Beobachtungsphase voraus wie bei der Serie „Sonnenseite“, in der Wolf Gebäude bei starker Sonneneinstrahlung fotografiert und später grafisch in Schwarz-Weiß umsetzt. Der Fotograf besinnt sich aber auch immer wieder auf die „bunte Geschwätzigkeit der Farbe“, wie er sich ausdrückt. Dass sogar Industriefotografie, eines der Steckenpferde des Wahl-Backnangers, farbenfroh und künstlerisch ausdrucksstark sein kann, zeigt Peter Wolf in der Serie „Maschinengesichter“, für die ihn der Weg in verschiedene Industrie- und Technikmuseen geführt hat. Kleinste Maschinenteile werden in Szene gesetzt und aus dem Gesamtkontext herausgelöst. Was eigentlich nur dazu da ist, um zu funktionieren, führt plötzlich in der Welt der Ästhetik ein Eigenleben.

Bei den Scanogrammen

spielt auch der Humor eine Rolle

Achtlos Weggeworfenem oder einfach unbeachtet Existierendem gibt Peter Wolf mit seinen „Scanogrammen“ ein Gesicht. Mit den Titeln ist meist eine humorvolle Aussage verbunden. „Du bist aber alt geworden!“, heißt das Bild eines zertretenen, teils noch farbigen, teils schon völlig verrosteten Kronkorken-Paars. Das eingescannte Überbleibsel eines kaputten blauen Luftballons trägt den Titel „Zerplatzte Träume“. Oder ein verbogenes Stück Draht erinnert an eine Backnanger Persönlichkeit. Erst in Kombination mit den Aufschriften wird den Motiven ein spezieller Sinn verliehen.

In seinen neuen Arbeiten geht Peter Wolf einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion. Das Gegenständliche löst sich in seinen „Fotografiken“ auf, in denen er die beiden Metiers Fotografie und Grafik verbindet. Schwarz-Weiß-Aufnahmen werden von Hand koloriert, sodass etwas Neues und vom eigentlichen Motiv Losgelöstes entsteht. Das Detail auf einem Schrottplatz, das Wolf ablichtet und bearbeitet, ist nicht mehr als solches zu erkennen. Serien entstehen, die – als Einzelbilder gerahmt – beliebig zusammengesetzt werden können und so unterschiedliche, abstrakte Formen ergeben. „Fotografiken sind die Reduktion auf das notwendigste Bildelement. Durch Kolorierung wird das wieder aufgehoben und das Bild bekommt einen neuen Charakter durch die Farbigkeit“, erklärt Peter Wolf den künstlerischen Ansatz.

Auch eine Reihe mit Selbstporträts darf bei dem Fotografen nicht fehlen. Es ist „der Versuch einer Annäherung an eine Stadt“, beschreibt Peter Wolf die Serie, mit der er bei der Künstlergruppenausstellung 1996 im italienischen Chioggia zunächst als Gast dabei ist. Die großen Fotobahnen, auf denen er dort zu sehen ist, hatte er an markanten Stellen Backnangs platziert und fotografiert, beispielsweise am Stadtturm. Andere Selbstporträts verwischte er mit einem Schwamm mit Entwicklerflüssigkeit und erzielte so besondere Effekte. Die Serie der Selbstporträts entwickelt er derzeit weiter. Jetzt tauchen nur Schatten seiner Person im Backnanger Stadtbild auf.

Zu seiner schwäbischen Wahlheimat hat der Mittelfranke eine spezielle Verbundenheit aufgebaut. Mit seiner Fotoreihe „Backnang im Zeitspiegel“, die viermal im Jahr im Helferhaus ausgestellt wird (jetzt wieder neu ab Sonntag), arbeitet er akribisch historische Themen oder Ansichten von Stadtgebieten auf, die bei vielen Backnangern Erinnerungen wecken. Im Gespräch mit den Backnangern sammelt er zudem Geschichten. So sind bereits auch die Bücher „Arbeit und Leben in Backnang“ (2006) und „Streifzüge durch Backnang in historischen Fotografien“ (2016) entstanden.