Vom Pech verfolgt, vom Glück begleitet

Team Turborostig hat immer wieder mit Hindernissen zu kämpfen, schlägt sich aber dennoch bis in den Süden nach Antalya durch

Wildschweinschaden, Alphornblasen in Istanbul und ein Rennen auf Zeit: Team Turborostig hat bei der Allgäu-Orient-Rallye auch in den vergangenen Tagen einige Abenteuer erlebt.

Bei diesem Anblick sind die Mühen und Strapazen der aufregenden Reise wie weggefegt: Der Ausblick über einen Vorort Istanbuls. Fotos: F. Muhl

Von Sarah Schwellinger

BACKNANG/ANTALYA. Das erste Ziel, gemeinsam in Istanbul anzukommen, hat Team Turborostig erfolgreich gemeistert. Auch wenn es an der Grenze Probleme wegen der Fahrzeugpapiere gab. Warum? Weil die Originale praktischerweise auf dem Wohnzimmertisch zu Hause liegen, eigentlich bereit zur Mitnahme. Nur die Kopie – und viel Glück – retten das Team über die Grenzen. Und wie Urlaub hört sich diese Rallye sicherlich nicht an, BKZ-Redakteur Florian Muhl wirkt ganz schön gestresst – aber glücklich. Duschen wird zur Herausforderung, das morgendliche Anzieh- und Zahnputz-Prozedere scheint ziemlich umständlich zu sein.

Team Turborostig hat Istanbul erreicht. Am Treffpunkt, dem Taksim-Platz, stehen bereits einige Teams. Das Fußballspiel zwischen einer Auswahl der Rallyeteams und der türkischen Mannschaft, die aus aktuellen und ehemaligen Nationalspielern besteht, steht bevor. Mit Polizeieskorte geht es für die rund 120 Fahrzeuge zum Trainingslager des türkischen Fußballverbands. Nach einem Halbzeitstand von 1:0 nehmen die Rallyeteams den 4:0-Sieg mit nach Hause. „Böse Zungen behaupten, die türkischen Gastgeber hätten ,uns‘ gewinnen lassen“, schreibt Muhl dazu in seinem Blog. Danach erfüllen alle Teams eine Aufgabe: Sie verteilen die mitgebrachten Bälle und Trikots der Heimatfußballvereine. Am Abend wird eine weitere Aufgabe erledigt: Im Fahrerlager holen alle ihre Musikinstrumente hervor und spielen ihre eigene Version von Bruder Jakob.

Im Herzen Istanbuls ein

Ständchen mit dem Alphorn

Duschen ist auch am nächsten Tag in den Anlagen des türkischen Fußballverbands nicht drin. Dafür stellen die Pförtner unserem Redakteur WLAN und eine Steckdose für den Laptop zur Verfügung. Und dann wird es Muhl auf einen Schlag ganz heiß: Da machten die Kollegen zu Hause noch Scherze über einen deutschen Journalisten in der Türkei, und nun das: Auf dem Monitor erscheint das Startbild eines Nachrichtenkanals. Zu sehen ist Erdogan und dazu die Meldung: Deutscher Tourist in der Türkei verhaftet. „So schnell habe ich noch nie meinen Laptopdeckel zugeklappt“, erzählt Muhl.

Punkt 8.30 Uhr stellen sich alle zum Start auf, im Konvoi geht’s zur Blauen Moschee. Vom Hippodrom-Platz aus, zieht es Team Turborostig auf den Platz vor der Hagia Sophia. Dort gibt Uta Siemer ein Lied mit ihrem Alphorn zum Besten, das sich teleskopartig zusammenschieben lässt. Dann animiert sie zu aller Überraschung eine vollverschleierte Muslima und deren Mann, es ebenfalls einmal zu versuchen – mit Erfolg.

Bald sehnt sich Team Turborostig nach einem Navi. Sie irren, wie einige andere Teams, durch die Straßen Istanbuls. Irgendwo im Istanbuler Stadtteil Sancaktepe muss in der Camhurryet Cadesi der Allgäu-Orient-Rallye-Park liegen. Passanten zu fragen, bringt die Truppe nicht unbedingt weiter. Gaby, Sigrid Holdschiks Schwester, verfolgt das Ganze von zu Hause aus per GPS-Tracker und gibt per SMS wertvolle Richtungstipps.

Einen Tag später geht es Richtung Izmit, ein Abstecher am Schwarzen Meer ist auch noch drin, da sind sich alle einig. Endlich ein Tag am Meer, die Füße in den kalten Wellen abkühlen. In einem Lokal am Strand wird die türkische Speisekarte zum Buch mit sieben Siegeln, das Essen ein kleines Abenteuer – aber lecker.

Weiter geht’s auf der Schnellstraße D100. Noch 230 Kilometer bis nach Ankara, beim Verlassen des Ortes Gerede liegen mehr als 3000 Kilometer seit dem Start in Oberstaufen hinter dem Team.

Im türkischen Verkehr heißt es für Team Turborostig mitschwimmen, um nicht unterzugehen

Durch die bergige Landschaft kommen Felsenwohnungen und Formationen wie sie in Kappadokien vorkommen, zum Vorschein. Die Straßenverhältnisse lassen eine wesentlich höhere Geschwindigkeit zu, als es das Tempolimit erlaubt. Die Truppe passt sich den türkischen Fahrgewohnheiten an. „Demnach ist mindestens Faktor zwei erlaubt. Das heißt: Bei erlaubten 60 km/h klettert unsere Tachonadel schon mal auf 120. Nicht, dass wir rasen wollen. Unser Begehr ist es vielmehr, nicht als deutsche Verkehrshindernisse unterwegs sein zu wollen. ,Mitschwimmen‘ heißt deshalb seit Übertritt über die türkische Grenze fortan unsere Devise“, so die Worte des BKZ-Redakteurs.

Die folgende Nacht ist kurz, denn Uta ist Frühaufsteherin. Sie schnappt sich ihr Alphorn, läuft hoch zur Burg und spielt dem Fahrerlager, in dem sich noch wenig rührt, von oben einen Morgengruß. Start ist Punkt 10 Uhr. „Heute wird es ein entspannter Tag, heißt es. Nur 300 Kilometer sind hinter uns zu bringen.“ Auf holprigen, staubigen Sträßchen geht es durch die Dörfer Yazir und Saricicek. Die hügelige Landschaft erstrahlt in den unterschiedlichsten Grüntönen. Simon verschenkt Zigaretten an die Männer, die im Feld arbeiten. Einer davon kommt auf einem Esel dahergeritten. Die Gegend wird immer einsamer. „Staubwolken hinter uns lassend suchen wir unseren Weg nach Ankara. Wir rätseln, wie es weitergeht, fahren inzwischen nach Kompass.“

Um 15 Uhr ist Le-Mans-Start

in Ankara

Irgendwann sind es nur noch 35 Kilometer bis Ankara. Dort ist um 15 Uhr Le-Mans-Start auf der alten Rennstrecke angesagt. Zwar ist Team Turborostig eine viertel Stunde zu spät, das Rennen hat aber noch nicht angefangen. Alle Fahrzeuge stehen Seite an Seite, alle Fahrer und Beifahrer gegenüber, etwa in 50 Metern Entfernung. Fällt der Startschuss, laufen alle los zu ihren Autos, steigen ein und rasen los. Von Redakteur Muhl mit dem Gütesigel „Ein Höhepunkt der Rallye“ ausgezeichnet.

Team Turborostig bleibt allerdings auch vom Pech verfolgt: Nach einem Zusammenprall mit einem Wildschwein fehlt nicht nur das rechte Licht, auch die Antenne bleibt am Baum hängen und an Tag acht platzt ein Reifen. Da heißt es weiterhin Daumen drücken. Gestern Abend hat das Team Antalya erreicht.