„Wir wollen Helden sein“

Integrationsprojekt: Schüler der Vorbereitungsklassen am Bize studieren Theaterstück ein

„Ich weiß, was ich sagen muss“, lacht Jusuf und spricht seinen auswendig gelernten Text. Theaterpädagogin Juliane Putzmann unterbricht ihn und verbessert seine Aussprache. Im Bandhaus-Theater wurde ein deutsch-arabisches Theaterstück im Rahmen des Förderprojekts Kicken&Lesen mit insgesamt 14 Jungen einstudiert, dass gestern vorgespielt wurde. Der Großteil der 10- bis 15-Jährigen stammt aus den Vorbereitungsklassen (VKL) des Bildungszentrums Weissacher Tal (Bize).

Theaterpädagogin Juliane Putzmann vom Bandhaus-Theater probt mit den Jungen das Stück und greift auf der Bühnen auch mal ein.

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG/WEISSACH IM TAL. „Es ist ein ganz wuseliger Haufen, wenn es losgeht, sind sie ungehalten“, sagt Bize-Lehrerin Gabriele Simon. 14 Jungen stehen auf der Bühne des Bandhaus-Theaters und sprechen durcheinander. Theaterpädagogin und die Leiterin des Bandhaus-Theaters, Juliane Putzmann, sorgt für Ruhe und bittet: „Zieht eure Kostüme an.“

Die jungen Darsteller, zum Großteil aus den VKL-Klassen des Bize (zwei der Darsteller sind aus der sechsten Klasse des Gymnasiums), lachen, postieren sich auf der Bühne und warten auf das Kommando, bis die Probe beginnt. Schüler der VKL-Klassen sind in Regel Flüchtlingskinder mit Bleiberecht, die beim Lesen und Sprechen in deutscher Sprache erheblichen Förderbedarf haben.

Vor diesem Hintergrund werden muttersprachliche Kinder sowie Kinder mit Deutsch als Zweitsprache zum gemeinsamen Lernen motiviert. So auch mit diesem Integrationsprojekt im Theater. Bereits zum dritten Mal nimmt das Bildungszentrum Weissacher Tal am Förderprojekt Kicken&Lesen teil. Getragen von der Baden-Württemberg-Stiftung ist die Zielsetzung des Projekts, die Lesekompetenz von Jungen über ihre Begeisterung für Fußball zu verbessern.

Dabei erhält es durch Kooperationspartner wie beispielsweise dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg prominente Unterstützung. Ein Teil davon ist auch der Umgang mit der Sprache in einem Theaterstück. „Es ist das zweite Modul in diesem Projekt. Das erste war ein Tandemlesen, das dritte Modul wird sich um das Thema Helden im Sport drehen“, sagt Simon. Apropos Helden: Bewusst haben sich die Jungen für den zweiten Teil des deutsch-arabischen Stückes mit dem Titel „Prinzessin Sharifa und der mutige Walter“ entschieden.

In diesem Buch ist einiges anders: Es kann von rechts nach links oder von links nach rechts, auf Deutsch oder auf Arabisch gelesen werden. In der Mitte treffen sich die zwei alten Geschichten aus der arabischen und der westlichen Welt: jene von Sharifa, der furchtlosen Prinzessin, und jene von Walter, dem Sohn von Wilhelm Tell. Simon: „Da die meisten kein Arabisch sprechen, hat man sofort gesagt: Wir machen das auf Deutsch.“ Allerdings ohne eine Prinzessin. „Die Jungen wollten Helden sein.“

Auf der Bühne geht es mittlerweile tumultartig zu. Michael sitzt in einem Ohrensessel, er ist der Erzähler der Geschichte. „Halt! Stehen geblieben“, ruft Matey, der den zweiten Bodyguard des Königs spielt.

Kurze Stille, alle blicken sich an. „Wer ist jetzt dran?“, fragt Aryan. Dann lacht er. Er mimt Lawli Sing, den dritten Bodyguard des Königs, und hat seinen Einsatz verpasst. „Macht nichts“, sagt Juliane Putzmann, „einfach noch mal.“

Sie sitzt an einem Laptop und spielt zu unterschiedlichen Szenen Musik ein. Dann folgt die bekannte Apfelszene Tells. Der böse König, dessen Rolle René übernommen hat, spricht zu Jusuf, Vater des mutigen Walters: „Nimm diesen Apfel und setz ihn deinem Sohn auf den Kopf. Triffst du – bist du frei. Triffst du nicht, wirst du bestraft.“ Nur hin und wieder muss Juliane Putzmann eingreifen, manche Worte verbessert sie, weil sie nicht einwandfrei zu verstehen sind. Aber beim zweiten Mal klappt es.

Kurz bevor es zum Apfelschuss kommt, betritt Imad, der die Mutter von Walter spielt und mit Perücke und Blumenkleid passend gestylt ist, die Bühne und ruft „oh Gott, oh Gott“. Der Vater von Walter bleibt gelassen.

Der Pfeil in der Hand schwebt

in Richtung Apfel

Der Bogen wird gespannt, in Zeitlupe soll der Pfeil seinen Weg finden. Die Theaterpädagogin führt es vor und erlaubt sich einen Scherz: Sie lässt den Pfeil in ihrer Hand in Richtung Apfel schweben und lässt ihn dann in ihrer Hand wieder wenden: „Das geht nicht, aber es ist lustig.“ Alle lachen. Also noch mal auf Anfang. Bogen spannen, Pfeil „abfeuern“ – der Apfel fällt vom Kopf. Jubel auf der Bühne. Der mutige Walter, gespielt von Fahim, ruft: „Vater, ich wusste, dass du den Apfel triffst! Du bist der Beste.“

Dann treten zwei Helden auf – Ristem und Hadi. Sie kommen mit stampfenden Schritten auf die Bühne und stellen sich vor: „Ich bin Rey Mysterio“ und „Ich bin Migos.“ Stopp – wieder schreitet Putzmann ein. „Präsentiert euch erst mal vor dem Publikum. Um so langsamer ihr das macht, um so cooler wirkt es.“ Die Szene wird zum zweiten Mal geprobt. Aber auch diese sitzt dann.

Gabriele Simon lobt die Zusammenarbeit mit dem Bandhaus-Theater: „Es ist ganz toll, wie sich Juliane Putzmann mit den Kindern, die ja doch am Rande der Gesellschaft stehen, umgeht. Man sieht, wie sie den Spaß am Schauspielen vermittelt.“

Als Alternative zum Theaterprojekt konnten Schüler, die mit der Sprachförderung noch nicht so weit sind, gestern die Stadt Backnang und ihre kulturellen Einrichtungen kennenlernen.