„Jesus würde in die Belinda gehen“

Sulzbacher Rockdiscothek ist vorerst gerettet: Mischung aus Tradition und Innovation soll Kultkessel frischen Wind einhauchen

Seit mehr als 40 Jahren ist die Belinda eine Institution in Sulzbach. Generationen von Rockfans zog es über die Jahre in den „Kessel“. Knapp entging die Rockdiscothek ihrem endgültigen Todesurteil: Vier mutige Männer haben sich der Aufgabe angenommen, der Belinda wieder Leben einzuhauchen.

Neue Pächter der Discothek Belinda (von links): Andreas Schroeder, Willi Beck, Hansjörg Martin (es fehlt Ullrich Martin). Foto: J. Fiedler

Von Sarah Schwellinger

SULZBACH AN DER MURR. Im Innern hat sich bislang nichts verändert: Steinerne Stufen führen hinab ins dunkle Innere. Rechts die lange gemauerte Theke, geradeaus das überdimensionierte Plattencover von Deep Purples „In Rock“. Tische und Bänke stehen unverrückbar am Boden verschraubt am immer selben Platz. Mehr als 40 Jahre lang war die Belinda mit Leben gefüllt, hier wurden mehr als 40 Jahre Geschichte geschrieben, Generationen kamen hierher.

Anfang des Jahres stand die Rockdiscothek bereits zum zweiten Mal kurz vor dem Aus. Nachdem im Jahr 2014 Georg Neumann den Schlüssel an Andreas Walz weitergegeben hatte, hatte dieser bereits im Herbst 2016 überlegt, die Belinda zu verpachten oder etwas anderes daraus zu machen.

Seit Kurzem gibt es neue Hoffnung: Willi Beck, Andreas Schroeder, Hansjörg Martin und Ullrich Martin wollen die Tradition nicht abbrechen lassen und sind seit Anfang Mai Gesellschafter der „Begegnungs- und Kulturzentrum Sulzbach Akzente UG (haftungsbeschränkt)“.

„Wir sind allesamt leidenschaftliche Rockfans und eben auch leidenschaftliche Christen“, sagt Willi Beck. Seit knapp 35 Jahren wohnt er in Sulzbach, war immer gerne Gast in der Belinda. „Und vor allem wollen wir die Belinda als Begegnungs- und Kulturstätte für Sulzbach und Umgebung erhalten.“

Als Beck davon hörte, wie schlecht es um die Belinda steht, hat er sich mehr und mehr in die Idee, die Belinda zu neuem Leben zu erwecken, verliebt. Die Kultdiscothek sollte zum 30. März schließen, da mussten die vier schnell agieren. „Wir wollten die Belinda nicht ganz schließen und wieder öffnen. Das hätte einen Bruch und einen schweren neuen Start bedeutet.“

Ohne Ehrenamtler oder Spenden wäre das Projekt nicht umzusetzen

Willi Beck ist nicht nur einer der Pächter der Sulzbacher Rockdiskothek, sondern auch Diakon der evangelischen Kirchengemeinde und Leiter der Akzente-Gemeinde. Beck, Schroeder, Hansjörg und Ullrich Martin kennen sich aus der Akzente-Gemeinde, die Beck getrost als kleine Rockgemeinde bezeichnet: „Viele gingen und gehen immer noch in die Belinda und haben bis heute eine hohe Affinität mit der Sulzbacher Institution.“

Nachdem Beck so in seine Idee vernarrt war, fragte er bei seiner Gemeinde nach, ob man sich der Sache annehmen solle, fragte nach Unterstützung und Kritik. Andreas Schroeder, Hansjörg und Ullrich Martin waren gleich überzeugt von der Idee, viele andere auch skeptisch und zögerlich. „Zum Glück haben viele Gemeindemitglieder aber ihre Spenden oder ehrenamtliche Hilfe zugesagt, sonst wäre das alles nicht möglich.“

Der Kultkessel und die Akzente-Gemeinde – wie passt das denn zusammen, wird sich manch einer fragen. „Keine Angst“, sagt Beck lachend, „es muss keiner am Eingang das Vaterunser sprechen.“ Doch die Akzente-Gemeinde sei eine Gemeinschaft, in der Glaube und alltägliches Leben verknüpft werden sollen: Beruf, Alltag und Leben wird mit Glauben zusammengebracht. Und dazu gehört für die vier Gesellschafter eben auch gute Rockmusik und die Belinda sowieso. „Ich bin mir sicher, wenn Jesus heute wiederkommen würde, er würde in die Belinda gehen“, sagt Beck überzeugt und lacht. Hier geht es klar um die Kultur, die Gemeinschaft und die Begegnungsstätte, die sich über Jahre hinweg in Sulzbach und der größeren Umgebung etabliert hat. Warum die Belinda in den letzten Jahren gescheitert ist, darauf hat Beck keine Antwort.

Die Möglichkeit, der Belinda wieder neues Leben einzuhauchen, ist für das Quartett eine Fahrt ins Ungewisse, in die sie ihre Hoffnung, ihren Mut, Energie und auch Geld stecken.

Ihr „Spielgeld“ nennt es Beck ganz lapidar. Der Einsatz ist hoch, das Risiko auch. Das wissen die Pächter genau. Doch hängt ihr Herz an der Rockdisco, sie sehen Potenzial. „Uns ist klar, dass wir in der ersten Zeit Minusbeträge machen werden.“ Bis Oktober sollen dann die notwendigen Strukturen stehen. Denn ist der Sommer erst einmal überstanden, kann im Herbst die erste Bilanz gezogen werden. Bis dahin befindet sich die Belinda in einer Probierphase, irgendwo zwischen Stammpublikum und Interesse der Jugend wecken. „Uns ist klar, dass allein mit dem Stammpublikum die Belinda sich auf Dauer nicht mehr halten kann“, erläutert Beck. Deshalb will er ein breiteres Publikum ansprechen, will Alt und Jung verbinden, den Spagat schaffen zwischen Tradition und Moderne – eine Mammutaufgabe.

Die Räumlichkeiten sollen weitestgehend so erhalten bleiben, das Inventar sowieso. Am Platz der kleineren Bar wollen die Pächter den Raucherraum einrichten, so kann der Raum oben abgetrennt bleiben. „Dann bleiben die Besucher näher zusammen und es sitzen nicht welche unten und ein paar oben.“ Das obere Café kann dann auch vermietet werden, beispielsweise für offene Jugendarbeit oder auch Geburtstage, schlägt Beck vor.

„Zunächst wird es den bisherigen Belinda-Betrieb, dienstags und samstags, geben“, erklärt Beck. Der Dienstagabend bleibt beim klassischen Belinda-Rock. An den Samstagen werden verschiedene Formate angeboten. Am ersten Samstag des Monats ist die Discothek geöffnet für Ü-30-Rocker, am zweiten Samstag bestreiten zwei DJs die „Good-Mood-Party“, am dritten Samstag findet die Ü-31-Ladies-Night statt, am vierten Samstag ist Mixed Music angesagt. Sollte es einen fünften Samstag geben, dann gibt’s die „Belinda History Party“, bei der Musik gespielt wird, die auch schon früher im Kultkessel lief.

Das Programm sei aber laut Beck erst vorläufig so angelegt: „Wir müssen jetzt halt schauen, was besser und was schlechter ankommt und unser Programm dann weiterentwickeln.“

Außerdem wird die Belinda anderen Institutionen zur Verfügung gestellt. Auch die Akzente-Gemeinde will die Räumlichkeiten für spirituelle Veranstaltungen wie Rockgottesdienste nutzen. „Wir wollen Rocken und Glaube verknüpfen. Es ist doch interessant, die Kirche aus ihrem traditionellen Kontext rauszulocken.“ Auch in diesem Zusammenhang wollen die Pächter über den Tellerrand hinausschauen: „Wir wollen in Zukunft auch verschiedene Formate ausprobieren.“

Trotzdem möchten die Pächter der Linie der Belinda treu bleiben. Deshalb haben sie auch alle Mitarbeiter übernommen. „Das ist eine super Mannschaft, die motiviert ist und was bewegen will“, lobt Beck die rund 15 Belinda-Mitarbeiter, vom Türsteher bis zur Barfrau. Unterstützt werden diese von Ehrenamtlichen, die mitanpacken, wenn Not am Mann ist. Für das Team soll’s immer wieder Gespräche geben – so auch mit den Gästen. „Das Miteinanderschwätzen ist für uns wichtig, wir wollen regelmäßig Bedarf und Kritik abfragen.“ Denn Wertschätzung hat bei Beck, Schroeder, Hansjörg und Ullrich Martin einen hohen Stellenwert. „Es soll authentisch zugehen und wir wollen die Gemeinschaft stärken“, betont Beck.

Begeistert von der Vision,

etwas machen zu können

Dass aller Anfang schwer ist, war den vieren bewusst. Doch dass es so schwer wird, damit hatten sie nicht gerechnet. „Wenn wir alles gewusst hätten, was da auf uns zukommt, hätten wir es wohl nicht gemacht.“ Dies solle aber nicht bedeuten, dass Beck die Entscheidung bereue. „Keineswegs, wir sehen das Ganze als ein Abenteuer. Wenn es klappt, ist es wunderbar. Wenn es nicht klappt, haben wir es wenigstens versucht.“ Die Belinda ist trotz Rückendeckung der Gemeinde und vielen Ehrenamtlichen aller Altersklassen eine Herausforderung. Doch was für die Gesellschafter zählt, ist die Aktion: „Wir sind begeistert von der Vision, etwas machen zu können.“