Erfolgreicher Kampf gegen die Obrigkeit

Stationen aus 950 Jahren Stadtgeschichte (6): Im Backnanger Gänsekrieg (1606 bis 1612) setzen sich die Frauen durch

Heute gehört der Gänsekrieg zur Backnanger Geschichte wie die Daune zur Gans. Nach dem Verbot der Gänsehaltung 1606 war der Kampf streitbarer und unerschrockener Backnanger Weiber im Jahr 1612 belohnt und die Haltung von Gänsen wieder erlaubt worden. Es ist Dorothee Winter und einem Comic zu verdanken, dass dieser Kampf nicht in Vergessenheit geriet.

Der alljährliche Backnanger Gänsemarkt, der erstmals 1987 veranstaltet wurde, ist letztlich auch auf den Vortrag von Dorothee Winter beim Altstadtstammtisch zurückzuführen. Foto: E. Layher

Von Florian Muhl

 

BACKNANG. Dass Dorothee Winter sich so sehr für die Geschichte des Backnanger Gänsekrieges interessiert hat, kommt nicht von ungefähr. Die Stadträtin ist Feministin, wie sie bekennt. „Früher noch mehr als heute.“ Wie gefesselt war Winter von der Auseinandersetzung zu Beginn des 17. Jahrhunderts, die weniger ein heftiger Disput zwischen der armen Schicht und der Obrigkeit war, sondern zunächst viel mehr ein Streit von existenzieller Streit zwischen Frauen und Männern.

„Denn es waren Männer, die das Verbot im Jahr 1606 aussprachen. Es waren die reicheren und vornehmeren Männer, nämlich Bürgermeister, Gericht und Rat, die Verwaltung“, sagt Winter. Aber das erste Protestschreiben an den Herzog im Jahr 1610 haben zwei der vornehmsten und wohlhabendsten Bürgerinnen von Backnang unterschrieben. „Das zeigt uns doch, dass dadurch der Unmut der Frauen quer durch alle Schichten erregt war, vor allem der Frauen“, so die 64-Jährige.

Allerdings wusste die Sozialpädagogin noch gar nichts vom Gänsekrieg, als sie in der Stadt, in Backnang, wo sie aufgewachsen ist, wieder Fuß fasste und 1980 eine Buchhandlung gründete. Aber nicht nur ihr ging es so. „Die Geschichte des Backnanger Gänsekrieges war zu der Zeit den Bürgern in Backnang eher als Anekdote bekannt, viele kannten sie überhaupt nicht“, erinnert sich Winter. Und sie selber? Wie kam sie auf das spannende Thema?

„Alles fing damit an“, sagt die heutige Mediatorin und zieht eine läpprige DIN-A-4-Seite hervor, einen Ausriss aus einer Zeitschrift. Auf grünem Hintergrund ist ein ganzseitiger Comic zu sehen. Die Überschrift lautet „Landesgeschichte, wie sie nicht im Schulbuch steht“. Im Vorspann wird dann rasch klar, um was es dabei geht: „Die Treue der Weiber von Weinsberg und der Mut der Weiber von Schorndorf werden allenthalben gewürdigt und zitiert. Weniger bekannt ist die aufopferungsvolle Tierliebe der Weiber von Backnang, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einer als Gänsekrieg bekannten Auseinandersetzung die Kleintierhaltung ihrer Stadtverwaltung abtrotzten.“

Den Comic aus der Zeitschrift „Schulzeit“, damals herausgegeben vom Kultusministerium, hat die Wahlbacknangerin 1980 erhalten. „Den hat mir meine Tante aus Leonberg, die Schulsekretärin war, zugeschickt, weil sie dachte, ich wohne doch in Backnang. Da wird mich dieses Thema sicher interessieren.“ Daraufhin wuchs die Neugierde. Winter begann zu recherchieren, wobei ihr der damalige Lehrer am Max-Born-Gymnasium Gerhard Fritz half. Und sie stieß auf beeindruckende Tatsachen: „Erst, wie die Frauen damals in den Knast kamen, haben sich die Männer eingeschaltet. Und das fand ich Anfang des 17. Jahrhunderts, wo’s noch die letzten Hexenverbrennungen hier im Schwäbischen gab, besonders mutig, dass die Frauen es gewagt haben, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen.“ Winter überlegt: „Die hätten auch auf dem Scheiterhaufen enden können, wenn’s dumm gelaufen wäre.“

Ebenfalls im Jahr 1980, im Dezember, entschließt sich der Gemeinderat nach langem Hin und Her und bei acht Gegenstimmen und acht Enthaltungen, auf den Brunnen vor dem Rathaus, dessen Bau bereits Monate zuvor beschlossen worden war, als Figur keinen Löwen, sondern die Gänseliesel zu setzen, ein Entwurf von Bildhauer Kirstein aus Winnenden.

Die Einweihung des Gänsebrunnens war Ende November 1981. Fünf Monate später hielt Winter ihren Gänsekriegvortrag zusammen mit ihrer damaligen Freundin Sabine Philipp beim 13. Altstadtstammtisch im Helferhaus. Ein Riesenerfolg war das. Nie zuvor hatte ein Referat beim Altstadtstammtisch so viel Anklang gefunden. Und dann ist ihr folgender Satz über die Lippen gekommen: „Die Frauen haben damals das Kinderkriegen unter sich ausgemacht.“ Heute schmunzelt Winter über diesen Ausrutscher und erklärt: „Ich wollte sagen, dass bei den Geburten keine Ärzte anwesend waren, sondern Nachbarinnen kamen und Hebammen. Das Publikum hat schallend gelacht. Da war der Bann gebrochen und ich hatte damit meinen Einstand als öffentliche Rednerin.“