„Dicke Oberarme allein zählen an der Wand nicht“

Starke Strategen mit Fingerspitzengefühl: Der Trendsport Bouldern besticht durch Vielseitigkeit

Ein bisschen Herkules, ein bisschen Ballerina – wer beim Bouldern sein Ziel erreichen will, muss Kraft, Ausdauer, Koordination und Kreativität gekonnt kombinieren. Sportlehrer Oliver Winkelmann trainiert seit mehr als zehn Jahren an der Wand und sagt: „Der Sport wird niemals langweilig.“

„Dicke Oberarme allein zählen an der Wand nicht“

Von Bianca Walf

 

ALLMERSBACH IM TAL. Gut gebräunt, durchtrainiert, lässig gekleidet in Shorts und Tanktop könnte man Oliver Winkelmann auf den ersten Blick für einen Surfer halten. Statt eines Bretts trägt der erfahrene Boulderer aber eine zusammengeklappte Schaumstoffmatte, ein geheimnisvolles Säckchen und ein Bürste – zu groß für die Zähne, zu klein für die Haare – bei sich, wenn er zum Training geht. Der Kletterparcours im Sport- und Erlebnispark Allmersbach – ein künstlicher Fels, der unter Boulderern schlicht Block genannt wird – hält auch für Profis wie Winkelmann noch die eine oder andere Herausforderung bereit. Farbige Griffe, über die es die Vertikale zu erklimmen gilt, markieren den Schwierigkeitsgrad der unterschiedlichen Routen. Ziel ist es stets, mit beiden Händen den obersten Griff zu erreichen.

„Bouldern ersetzt locker

die Hantelbank“

 

„Das Tolle am Bouldern ist, dass Anfänger, Fortgeschrittene und Profis, Sportliche und weniger Sportliche gemeinsam trainieren und gemeinsam Spaß haben können. Der Sport ist sehr gesellig und wird niemals langweilig“, erklärt Winkelmann. Das merke der Sport- und Englischlehrer am Backnanger Max-Born-Gymnasium auch immer wieder, wenn er am Ausflugstag mit seinen Schülern zum Bouldern geht. „Viele sind auf Anhieb begeistert und überrascht, wie schnell sie Fortschritte machen.“

Er selbst habe das Bouldern während des Studiums für sich entdeckt. „Damals habe ich nebenher im Fitnessstudio gejobbt und viel allein vor mich hin trainiert. Irgendwann hat es mich dann in die Kletterhalle verschlagen. Da habe ich gemerkt, dass das locker die Hantelbank ersetzen kann und dabei viel mehr Spaß macht“, erzählt der 37-Jährige. Heute trainiert er etwa dreimal pro Woche. „Wenn ich alleine konzentriert klettere und richtig Gas gebe, bin ich nach eineinhalb Stunden ausgepowert. Zusammen mit Kumpels kann sich so eine Trainingseinheit aber auch mal drei oder vier Stunden hinziehen. Da gibt es dann viel zu gucken und zu fachsimpeln“, sagt er.

Im Gegensatz zu klassischen Kletterern kommen Boulderer ohne Gurte, Seile und Sicherungshaken aus. Geklettert wird frei und stets in Absprunghöhe. „Das Verletzungsrisiko ist relativ gering“, so Oliver Winkelmann. Angst vor einem Sturz habe er nie gehabt. Wer denkt, dass Bouldern deshalb weniger anspruchsvoll ist als das Klettern in schwindelnder Höhe, irrt jedoch. Selbst die leichtesten Routen, die entlang des Blocks mit gelben Griffen markiert sind, weisen Amateure beim ersten Versuch schnell in ihre Schranken – da helfen auch Muskelberge nicht weiter: „Kraft ist beim Bouldern zwar kein Fehler, im Grunde muss man aber sagen: Dicke Oberarme allein zählen an der Wand nicht. Man ist immer nur so stark wie seine Fingerspitzen, mit denen man sich am Griff festhält.“ Die müssen beim Bouldern mitunter nahezu das komplette Körpergewicht halten können. „Das schafft kaum einer besonders lange“, weiß Oliver Winkelmann.

Deshalb zählen neben starken Muskeln auch Ausdauer, Schnelligkeit und eine gute Koordination: „Ich habe festgestellt, dass beispielsweise Tänzer oft gute Boulderer sind, weil sie viel Körperbeherrschung, Flexibilität und einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn mitbringen“, erzählt Winkelmann. Dann fehle nur noch das passende Vorstellungsvermögen: „Fortgeschrittene Boulderer schauen sich den Fels oder die Wand an und entwerfen im Kopf einen Schlachtplan, wie sie es am besten nach oben schaffen. Es kommt also auch auf Strategie und vor allem die richtige Technik an.“

Die eignen Anfänger sich am besten auf Kunstanlagen wie beispielsweise in Allmersbach an. Später lässt sich das Gelernte dann in der Natur anwenden. „Am Fels, wo keine Griffe vorgegeben sind, ist das Bouldern natürlich besonders spannend, oft aber auch besonders schwierig.“ Hier kommt die Schaumstoffmatte ins Spiel. Weil Stürze draußen nicht von künstlichem Untergrund wie etwa Matten oder Kies abgefedert werden, schützt dort das sogenannte Crashpad den Boulderer vor Verletzungen. Auch das geheimnisvolle Säckchen – gefüllt mit Magnesia-Pulver, das die Hände trocken halten soll – und das kleine Bürstchen, mit dessen Hilfe sich Griffe und Felsvorsprünge von Schmutz, Moos oder auch Pulverrückständen des Vorkletterers befreien lassen, dienen der Sicherheit.

Frauenpower am

Block ist gefragt

 

Darüber hinaus braucht es beim Bouldern nur noch das richtige Schuhwerk: Hauteng muss es sein und an Zehen und Versen verstärkt. „So ermöglichen die Schuhe es, sich mit der Hacke oder Fußspitze einzuhängen und sein Gewicht besser zu verteilen. Wenn man irgendwann fast kopfüber am Block hängt, geht es nicht mehr ohne“, so Winkelmann.

Für den Anfang brauche es aber nicht viel, um den Trendsport zu testen. „Turnschuhe reichen erst mal aus“, meint Winkelmann. In Allmersbach können sich Interessierte sogar völlig kostenlos am Block versuchen. Die Anlage wird von der Stadt verwaltet und von Freiwilligen gepflegt. „Das finde ich super, weil so viele ganz unterschiedliche Menschen die Chance haben, den Sport auszuprobieren“, betont Winkelmann. Denn auch wenn Bouldern längst Trend ist, kann der Sport noch Nachwuchs vertragen. „Vor allem ein paar Mädels und Frauen könnten nicht schaden“, meint er. Aktuell sei die Bouldergemeinde nämlich noch zu etwa 70 Prozent männlich.

 

  Weitere Informationen gibt es online auf www.8block.de und der offiziellen Internetseite der Gemeinde Allmersbach www.allmersbach.de.