Ein Kulturträger von Schellack bis Vinyl

Der 150. Vortrag im Technikforum behandelt die Geschichte der Schallplatte in Bild und Ton

Diplom-Ingenieur Albrecht Häfner aus Baden-Baden hat jüngst auf Einladung des Fördervereins zum zweiten Mal im Backnanger Technikforum referiert. Lange Zeit war er Leiter des Archivs beim Südwestrundfunk. Sein Thema: Die Geschichte der Schallplatte.

Diplom-Ingenieur Albrecht Häfner aus Baden-Baden kennt die Geschichte der Schallplatte vom sogenannten Phonographen bis hin zum Übergang zur CD. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Wie er auf die „krumme Zahl“ 130 gekommen sei, erklärte Albrecht Häfner eingangs selber damit, dass der Vortrag vor 30 Jahren eben „100 Jahre Schallplatte“ geheißen habe. Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass er die rasante Entwicklung des Tonträgers seit den 1960er-Jahren fast vollständig aussparte und beispielsweise die CD erst auf Nachfrage aus dem Publikum thematisierte. Der Referent konzentrierte sich vielmehr auf die Schallplatte als Objekt technischer Entwicklung von der Mitte des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts und streifte dabei auch die Aspekte ihrer Funktion als Kulturträger, Massenmedium und Wirtschaftsgut. Veranschaulicht wurde der Vortrag durch Bildmaterial, das die historischen Geräte in Skizzen und Fotografien zeigte sowie durch die Einspielung zahlreicher Tonbeispiele. Deren Klang- und Qualitätsspektrum erwies sich als enorm. Vollkommen unverständlichen Aufnahmen folgten solche von mehr oder weniger starkem Rauschen überlagerte und schließlich relativ klare und angenehm vernehmbare. Ausgewählt hatte Albrecht Häfner hierfür beispielsweise „Au claire de la lune“ vom 9. April 1860 als älteste bekannte Tonaufnahme, die schon besser erkennbare „Lorelei“ von 1890, mit einer Caruso-Aufnahme den ersten Verkaufsschlager (1902), das besondere Heiterkeit auslösende „Putt putt putt, mein Hühnchen“ (1903), weiterhin Claire Waldorf: „Die Berliner Pflanze“ (1913) und auch diverse Ansprachen.

Der Referent beleuchtete die Entwicklung von der Erfindung eines Mikrofons durch Emil Berliner über die Patentanmeldung eines Phonographen durch Edison und dessen Konkurrenz in Form eines Grafofons, das aussah wie eine alte Nähmaschine und dem er 1888 mit dem „Perfect Phonograph“, einer Walze aus Hartwachs, antwortete, bis hin zu Berliners erstem und zweitem Patent (1887 und 1888), die bereits mit Platten arbeiteten. Diese waren zunächst aus Glas, das berußt und beölt wurde, später aus gewachstem Zink, Zelluloid, Hartgummi und schließlich dem relativ widerstandsfähigen Schellack – jedoch: Das Rauschen blieb. Es wurde mit den ersten Saphiren (die man übrigens noch mit 300 Gramm beschwerte) weniger. Aufschlussreiche Bildaufnahmen der verschiedensten Grammofone hatte Albrecht Häfner beim Deutschen Rundfunkarchiv erworben und mitgebracht: Da gab es Münzgrammofone, Trichter- und Resonanztrichtergrammofone Koffergrammofone, Tischgrammofone und Stiltruhen, Lampen- und Spinettgrammofone, Luxusschrankgrammofone und Kleinstgrammofone fürs Picknick, luxuriöse Kamerafone, schließlich Spielzeuggrammofone und herrliche Schalltrichter, zum Beispiel mit Spiegeln oder Jugendstilmotiven, denn das Tongerät hat man auch als Möbelstück verstanden. Bald darauf wurde die Schallplatte elektrisch und bekam Konkurrenz vom Rundfunk. Es stellte sich aber heraus, dass beide Medien einander (bis heute) ergänzen, zumal das Radio die Raumdimension, die Schallplatte aber die Zeitdimension überbrückt. Weitere Meilensteine ihrer Entwicklung war die LP, die sich ab Ende der 40er-Jahre durchsetzte, natürlich die Verwendung von Vinyl und die Stereofonie, die Häfner zufolge so alt ist wie die Phonographie. Hierzu gab es ein Tonbeispiel mit einem 1935 eingespielten Tschaikowski-Thema. Verhältnismäßig abrupt brach der Vortrag ab. Die naheliegende Frage nach den Qualitätsunterschieden zwischen Vinylplatte und CD beantwortete Albrecht Häfner undifferenziert und rigoros zugunsten der CD und bezeichnete das gegenwärtige Comeback der Schallplatte als „auf Einbildung beruhende Nostalgie“.