Carsharing nimmt Fahrt auf

Stadtmobil-Angebot in Backnang wird rege genutzt – Konkurrenz durch andere Unternehmen gibt es jedoch nicht

Barbara und Dirk Jerusalem setzen sich seit elf Jahren für Carsharing in Backnang und Umgebung ein. Mit Erfolg. Der Verband Stadtmobil stockt den Fuhrpark in Backnang um ein weiteres Fahrzeug auf. Der Rems-Murr-Kreis liegt im Bereich der Gemeinschaftsautos dennoch hinten.

Zugangscode eingeben und los geht’s: Barbara und Dirk Jerusalem nutzen Carsharing regelmäßig. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

 

BACKNANG. In Großstädten sind sie bereits ein häufiger Anblick: Carsharing- Fahrzeuge. In Stuttgart allein stehen an 135 Stationen Autos von Stadtmobil, Car 2 Go hat im Geschäftsgebiet Stuttgart, zu dem auch Sindelfingen, Böblingen und Esslingen zählen, 550 Fahrzeuge im Einsatz. Im Backnanger Raum fällt das Angebot bescheidener aus: Car 2 go verkehrt hier überhaupt nicht und plant auch nicht, das Geschäftsgebiet in näherer Zukunft zu vergrößern. Ebenso wenig sind das Konkurrenzunternehmen Drive- Now von BMW oder die Flinkster-Wagen der Deutschen Bahn präsent. Allein Stadtmobil verkehrt von den größeren Anbietern auch in Backnang, mit momentan zwei Autos, die am Bahnhof stehen.
Zurückzuführen ist das auf die Anstrengungen von Barbara und Dirk Jerusalem. Als das Paar 2004 von Stuttgart nach Backnang zog, fanden sie eine Brachlandschaft vor was Carsharing angeht. „Wir hatten bereits in Stuttgart Stadtmobil genutzt“, erzählt Barbara Jerusalem. Die Familie war so auch völlig ohne ein eigenes Auto ausgekommen. Die nächstgelegene Stadtmobil-Station war zu diesem Zeitpunkt jedoch Waiblingen. – also ein ganzes Stück weit entfernt. Das sollte sich ändern. Das Ehepaar Jerusalem schrieb an Stadtmobil, betreute Infostände, warb Interessierte. „Es war das berühmte Henne-Ei-Problem“, erklärt Dirk Jerusalem. Um für ein Carsharing- Unternehmen rentabel zu sein, müssen genügend Interessenten da sein. Aber wer will sich schon auf etwas festnageln lassen, das er nicht kennt und nicht im Alltag testen kann?

Das eigene Auto aufzugeben ist ein Schritt, der vielen Angst macht

Nach langem Hin und Her war es 2006 so weit: Mit einem roten Opel Corsa ging Stadtmobil in Vereinsform in Backnang an den Start, 2009 kam ein zweites Auto hinzu. Die Jerusalems sehen Carsharing als Ergänzung zum ÖPNV, wenn man etwa größere Einkäufe zu erledigen hat oder ein weniger gut angebundenes Ziel anfährt. So sei es auch vom Mutterkonzern gewollt – ein Grund, weshalb im Norden und Osten des Rems-Murr-Kreises bisher so wenig passiert. „Hier ist die Bus- und Bahnanbindung schlechter, sodass es den Menschen schwerer fällt, auf das eigene Auto zu verzichten“, sagt Dirk Jerusalem. Seit die S-Bahn-Linie 4 bis nach Backnang fährt, sei auch die Zahl der Nutzer zwischen Backnang und Marbach am Neckar – etwa in Burgstall – angestiegen.
Die meisten Nutzer des Carsharings hatten auch zuvor kein Auto. Das eigene Fahrzeug geben nur wenige zugunsten von Carsharing auf, haben die Jerusalems beobachtet. „Das ist ein großer Schritt, vor dem sich viele fürchten“, sagt Barbara Jerusalem. Die Stadtmobil-Beauftragte für Backnang und ihre Familie sind das hingegen seit vielen Jahren gewohnt. Einkaufen fahren sie mit dem Fahrrad, nutzen ansonsten die öffentlichen Verkehrsmittel – oder eben das geteilte Auto. Schwierig sei es nur dann geworden, wenn die Kinder vom Verein aus zu Turnieren gefahren werden mussten. Aber auch das sei immer irgendwie gegangen. Der Nutzen des Carsharings überwiegt für die Familie die kleinen Unannehmlichkeiten. Denn die meisten Autos sind alles andere als effizient genutzt, sie stehen mehr als sie fahren. Ein Carsharing- Auto ersetzt laut Stadtmobil im Schnitt sieben bis neun private Pkw – so wird das Teilen der Autos ein Beitrag zum Umweltschutz.
Neben den gängigen Anbietern mit eigenem Fuhrpark gibt es aber auch Unternehmen für privates Carsharing, wie beispielsweise Drivy und Tamyca (kurz für Take my car – nimm mein Auto). Bei Tamyca findet man direkt in Backnang nur ein Angebot: Ein Nutzer verleiht seinen Renault Vel Satis. Die Versicherung des Wagens kostet pro Tag 5,39 Euro, hinzu kommt eine Pauschale von 22,20 Euro je vier Stunden Leihzeit. Der nächst gelegene Wagen steht in Leutenbach. Etwas besser sieht es bei Drivy aus: In Backnang stehen vier Privatautos zur Verfügung, ein weiteres in Weissach im Tal, eines in Murrhardt und zwei in Winnenden. Hier gibt es auch schon Bewertungen von anderen Nutzern, wenn auch sehr wenige. Die angegebenen Preise gelten pro Tag und schwanken zwischen 15 und 45 Euro. „Ein guter Gedanke“, findet Dirk Jerusalem. Er würde es wohl genauso machen, wenn er ein Auto hätte, sagt er. Im Verein sei der Autoverleih aber professionalisiert, man müsse nicht erst mit dem Besitzer die Nutzungszeiten besprechen. Dennoch: Auch bei Stadtmobil könne es vorkommen, dass ein Nutzer Pech hat und kein Auto mehr bekommt. „Wichtiges plant man ja aber sowieso länger im Voraus und im Zweifelsfall habe ich auch schon ein Auto in Waiblingen oder Winnenden abgeholt“, sagt Dirk Jerusalem. Winnenden habe beispielsweise nach Backnang mit dem Carsharing angefangen, die ehemalige Gerberstadt inzwischen aber überholt.
Das Angebot ist jedoch auch hier gefragt: Die Auslastung der beiden bisherigen Stadtmobil-Flitzer in Backnang liegt bei durchschnittlich 35 Prozent, das entspricht etwa acht Stunden am Tag. Das ist so gut, dass ab dem 18. August am Bahnhof ein drittes Auto stehen wird. Die Stellplätze am Bahnhof gehören der Stadt. Dirk Jerusalem ist froh, dass die Verwaltung mit dem Verein kooperiert. Zwischendurch habe es bereits ein drittes Auto nahe des Christkönig-Gemeindehauses gegeben, dieses wurde aber nicht genügend genutzt und deshalb wieder abgezogen. Wahrscheinlich sei der Stellplatz nicht gut genug sichtbar gewesen, vermuten die Jerusalems. Das regelmäßige Kontrollieren und Sauberhalten der Fahrzeuge übernehmen ehrenamtliche Wagenwarte. Auch für das neue Auto habe sich schon jemand gefunden, sagt Barbara Jerusalem erfreut. Interesse an einer eigenen Station zeigten auch viele Nutzer, bisher kämpften sie jedoch wie die Jerusalems zuvor, mit der Skepsis des Bundesverbands Stadtmobil. „Eventuell müssen die Interessierten das Unternehmen selbst in die Hand nehmen. Auch das geht“, ist sich die Stadtmobil-Beauftragte sicher.
In den Schnupperwochen ab September können Interessierte Stadtmobil ohne Monatsgebühr testen. Mehr Informationen dazu gibt es telefonisch bei Barbara Jerusalem unter 0 71 91 / 89 95 59 oder per E-Mail an backnang@stadtmobil-ev.de.