Der Abenteuer-Tagesvater

Nikolai Pommerer ist Tagesvater beim Verein Kinder- und Jugendhilfe: Kindertagespflege ist für ihn eine Erfüllung

Die Kinder dürfen auf einen Baum raufklettern und runterfallen. So hat es Nikolai Pommerer in seiner Imagemappe beim Verein Kinder- und Jugendhilfe formuliert. Dort ist der 32-Jährige als Tagesvater geführt. Als Mann ist er ein Exot in dem Job.

Feuer und Flamme: Bei Nikolai Pommerer ist die Begeisterung fürs Tagesvatersein entfacht. Der Funke springt auf die Kinder über. Sie lieben es, mit ihrem Tagespapa und Hündin Kira durchs Gelände zu streifen, Baumhäuser oder einen Ofen zum Pizzabacken zu bauen. Foto: A. Becher

Von Nicola Scharpf

GROSSERLACH/BACKNANG. Das Klischee: Eine Frau wird Mama, betreut ihr eigenes Kleinkind ohnehin zu Hause und kümmert sich als Tagesmutter zusätzlich um weitere Kinder. Im heimischen Wohnzimmer liest sie ihnen vor, spielt mit ihnen Gesellschaftsspiele, sitzt im Garten am Rand des Sandkastens und lässt sich von den Kleinen Gematschtes in Förmchen servieren, bis die Eltern ihre Sprösslinge abholen.

Der Kontrast: Ein Mann wird Papa, tauscht seine feste Arbeitsstelle an der Hochschule gegen die Selbstständigkeit, um seine kleine Tochter zu Hause betreuen zu können und kümmert sich als Tagesvater zusätzlich um weitere drei Kinder. Im waldigen Gelände beim Haus baut er mit ihnen ein Baumhaus, klettert Böschungen mit ihnen rauf und runter, hält sich meist am Rande des Geschehens und lässt die Kleinen das machen, was ihnen ihr Herz in dem Moment sagt. Bevor die Eltern ihre Kinder abholen, spritzt er die Matschgarderobe mit dem Gartenschlauch ab.

Nikolai Pommerer arbeitet seit etwa zwei Jahren als Tagesvater und ist als solcher beim Backnanger Verein Kinder- und Jugendhilfe geführt. Er sieht sich als Gegenpol zu den Eltern, sagt der 32-Jährige. Beispielsweise ist er eine Art Vaterfigur für eines seiner Tageskinder, das daheim von der Mutter alleine erzogen wird. Und die Kinder sollen keine Grenzen im Kopf haben, sagt er über sein pädagogisches Konzept. „Die Kinder dürfen viel bei mir. Sie dürfen ihre Erfahrungen selbst machen.“ In seiner Imagemappe bei der Tageselternvermittlung, in der sich Nikolai Pommerer selbst vorstellt, steht: Die Kinder dürfen auf einen Baum raufklettern und runterfallen. „Nichts ist unmöglich. Gott sei Dank – wem sonst?“ Diesen Spruch hat Nikolai Pommerer gegenüber der Zeitung als sein Lebensmotto genannt. Das war vor 13 Jahren, als der damals 19-Jährige sein Freiwilliges Soziales Jahr im Jugendzentrum der evangelischen Kirchengemeinde Fornsbach antrat. Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen hatte er schon gesammelt in der Jugendarbeit der Großerlacher Kirchengemeinde. Der Pommer’sche Garten ist wild und hat Aussagekraft. Das Gewächshaus ist Terrain des Salates. Dahinter wuchern Bohnen, Zucchini, Kürbisse. Es gedeihen Brombeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Erdbeeren, sibirische Honigbeeren, Johannisbeeren, Holunder, Pfirsiche. Das kniehohe Gras durchziehen Trampelpfade. „Wenn die Pflanzen unbedingt reguliert werden müssen, greifen wir ein. Ansonsten lassen wir sie selbst wachsen und gucken, was kommt“, sagt Pommerer beim Rundgang durchs Gelände.

„Ich bringe ihnen nicht das bei,

von dem die Erwachsenen meinen, die Kinder müssen es wissen“

Töchterchen Noa, fünf Jahre und im Spiegelberger Waldkindergarten angemeldet, streift durchs Grün, erntet allerlei und bindet bunte Blumen mit Grashalmen zu Sträußchen. „Kinder bringen so viel Potenzial mit“, sagt ihr Vater. „Ich bin überzeugt, dass man sie nicht in Muster pressen soll.“ Die Flora und Fauna bringt Nikolai Pommerer seinen Tageskindern nicht bewusst näher. „Ich beantworte ihnen die Fragen, die sie mir stellen, und bringe ihnen nicht das bei, von dem die Erwachsenen meinen, die Kinder müssen es wissen.“ Stattdessen bieten die Wiesen und Wälder, in denen der Tagesvater die Nachmittage mit seiner Viererbande plus Hündin Kira verbringt, Raum für Abenteuer. Die jungen Wilden kraxeln in Schluchten und haben Erfolgserlebnisse, wenn sie von oben auf den steilen Hang hinunterblicken, den sie bewältigt haben. Um einen Pizzaofen zu bauen, haben sie dicke, schwere Steine gemeinsam aus dem Wald gezogen und geschoben und haben Lehm aus der Lehmgrube geholt. Ein Baumhaus haben sie gemeinsam errichtet – ausschließlich aus Material, das verrottet. Kein einziger Nagel hält die Konstruktion zusammen, nur Schnur. Einen festen Rhythmus haben die Tageskinder bei ihrem Tagesvater nicht. Manchmal – wenn sie wollen – spielen sie auch im Haus: mit den Musikinstrumenten, die Nikolai Pommerer und seine Frau besitzen. Er spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Geige – Bass und Gitarre kamen hinzu. Es gibt ein Klavier. „Warum soll ich mit den Kindern ein Spiel spielen, das ich selbst nicht kann?“

Von den Kindern bekommt der Tagesvater viel gute Resonanz, sagt er. Auch von fast allen anderen Seiten erfährt er „Wahnsinns viel Positives“ über seine Tätigkeit in der Kindertagespflege. „Ich kann an den Nachmittagen auch selbst Kind sein“, freut sich Pommerer.

Die Arbeit als Tagesvater „ist eine Erfüllung“. Zugleich nimmt sie Druck: Der gelernte Schreiner und Innenarchitekt hatte früher eine feste Stelle an der Hochschule für Technik in Stuttgart, die er kündigte. Seit seine Frau das Kunststudium angefangen hat, ist er mehrgleisig und selbstständig unterwegs – als Dozent für Möbelbau an der Hochschule, als Lichtplaner, als Tagesvater, als Papa. „Ich habe seitdem nicht mehr den Trott, dieses dauerhafte Powern. Das ist eine wahnsinnige Befreiung.“ Die Ausbildung, die werdende Tageseltern absolvieren, bevor sie Tageskinder betreuen dürfen, bringe sehr viel für das Verständnis kindlichen Handelns und gebe viele Denkanstöße mit, findet Pommerer und legt es jedem nahe, diese Qualifizierung zu durchlaufen. Er würde gerne in Vollzeit als Tagesvater arbeiten. Aber dann, so seine Befürchtung, ginge der Zeit mit den Tageskindern ihr besonderer Stellenwert verloren.