Die Rückkehr der Wildheit

Interview: Isegrims Anwalt: Ulrich Wotschikowsky setzt sich als bekanntester deutscher Wolfsexperte für den Erhalt der Tiere ein

Nicht erst seit Rotkäppchen scheint der Wolf ein Imageproblem zu haben: Mehr als 200 Jahre lang war er aus deutschen Wäldern verschwunden. Kaum ist er zurück, wird über Obergrenzen diskutiert. Woher die Angst vorm großen bösen Wolf kommt und was wir dadurch verpassen, weiß Wildbiologe Ulrich Wotschikowsky. Der Experte aus Oberammergau ist heute zu Gast bei der Kreisjägervereinigung in Sulzbach an der Murr.

Von Bianca Walf

Herr Wotschikowsky, noch stehen Wölfe in Deutschland unter Naturschutz. Dennoch werden wachsende Populationen kontrovers diskutiert. Hat der Wolf schlicht ein Imageproblem?

Ulrich Wotschikowsky: Das kann man sagen. Die Vorgeschichte dazu ist allerdings mehrere Tausend Jahre alt. Sie stammt aus der Zeit, als die Menschen noch hauptsächlich von der Viehzucht lebten. Da es viel weniger Wildtiere gab als heute, machten die Wölfe Jagd auf Haustiere. Das Vieh und somit die wirtschaftliche Existenz der Menschen ließ sich nur schwer vor ihnen schützen. Darüber hinaus stellten tollwütige Wölfe eine besondere Gefahr für den Menschen dar.

Heute gefährdet eher der Mensch den Wolf als umgekehrt. Was also fürchten wir noch?

Ulrich Wotschikowsky: Die Angst vor dem Wolf ist keine rationale. Sie sitzt tiefer. Dazu hat sicher auch die katholische Kirche beigetragen, als sie den Wolf zu Zeiten der Inquisition zum Stellvertreter des Bösen auf Erden, zum Symbol des Satans stilisierte und zum Sündenbock für die Not und den Hunger der Menschen machte, um sie in die Kirche zu holen. Dieses Bild, das über Jahrhunderte überliefert wurde, ist nur schwer zu korrigieren.

Vom Wolf geht also keine reale Gefahr für den Menschen aus?

Ulrich Wotschikowsky: Ich möchte das nicht auf null reden. Der Wolf ist so gefährlich, wie es wilde Tiere eben sein können. Es gibt für den Menschen aber wesentlich bedrohlichere Arten wie zum Beispiel Löwen, Tiger oder sogar Nilpferde – darüber redet nur niemand. Zurzeit gibt es etwa 12000 Wölfe in Europa. In den vergangenen 40 Jahren wurde hier aber kein einziger Mensch von Wölfen getötet oder auch nur schwer verletzt. Wölfe suchen die Nähe des Menschen nicht. Sie laufen aber auch nicht davon. Sie sind selbstbewusste Tiere. Dennoch respektieren sie den Menschen, der ihnen in seiner aufrechten Gestalt ungewöhnlich erscheint. Sie mustern ihn aufmerksam und neugierig, als würden sie denken: Was ist das denn für einer?

Sie haben bei Ihren Forschungsreisen vielfach wild lebende Wölfen beobachtet. Was hat Ihre Faszination für die Tiere geprägt?

Ulrich Wotschikowsky: Einem Wolf in freier Wildbahn zu begegnen, ist nicht so einfach. Ich bin in Kanada viele Meilen in Schneeschuhen durch ihr Territorium gewandert, ohne je einen zu treffen. Als ich meinem ersten Wolf begegnet bin, hat mich das zutiefst berührt. Ein Wolf ist anders als andere Wildtiere, anders als etwa ein Hirsch. Er verkörpert so viel an Wildheit, so viel, das unserer Welt verloren gegangen ist. Wölfe haben ein unglaubliches Charisma. Sie haben etwas Magisches. Natürlich liegt darin auch ein Funken Bedrohlichkeit, davon kann nicht einmal ich mich freimachen.

Inwieweit können Sie die Kritik an wachsenden Wolfspopulationen in Deutschland nachvollziehen?

Ulrich Wotschikowsky: Ich kann nachvollziehen, dass Landwirte sich den Wolf wegwünschen. Für sie bedeutet er schlicht materielle Verluste. Was ich aber nur schwer akzeptieren kann, ist, dass Entscheidungsträger wie beispielsweise Politiker sich hinter diese Anspruchsgruppen stellen, ohne an andere Werte als an materielle zu appellieren. Geschöpfe wie den Wolf einfach auszuradieren, kann nicht die Lösung sein.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Gibt es
in dieser Frage aus Ihrer Sicht einen realistischen Kompromiss?

Ulrich Wotschikowsky: Durchaus. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Herden der Landwirte gut geschützt werden. Zum Beispiel durch Elektrozäune und Hunde. Für Schäden, die trotzdem nicht vermieden werden können, müssten die Landwirte entschädigt werden. So könnten 90 Prozent der Probleme beseitigt werden. Das muss der Staat finanzieren. Die Mehrheit der Steuerzahler will den Wolf zurückhaben.

Eine Obergrenze einzuführen, ist für Sie demnach kein sinnvoller Ansatz?

Ulrich Wotschikowsky: Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Wenn es in einem Landkreis drei Rudel mit je acht Tieren gibt und man aus jedem drei herausnimmt, dann tut das Rudel trotzdem, was es tut. Ein Rudel mit fünf Wölfen richtet den gleichen Schaden an wie ein Rudel mit acht Wölfen. Entweder es gibt Wölfe oder es gibt keine.

Was ist dann gemeint, wenn vom sogenannten Problemwolf die Rede ist?

Ulrich Wotschikowsky: Ein Problemwolf ist ein Wolf, der die Scheu vor dem Menschen verloren und gelernt hat, ihn mit einer Nahrungsquelle zu verbinden. Das geschieht dann, wenn Menschen wild lebende Wölfe über längere Zeit füttern. Der Problemwolf ist ein Produkt menschlichen Fehlverhaltens. Das lässt sich leider nicht mehr umkehren. Diese Tiere können dem Menschen gefährlich werden. Hier ist es tatsächlich sinnvoll, sie aus dem Verkehr zu ziehen.

Heute Abend sprechen Sie in Sulzbach an der Murr auf Einladung der Kreisjägervereinigung. Auch unter Jägern gibt es immer wieder Kritik am Wolf. Wie begegnen Sie dem?

Ulrich Wotschikowsky: Ich bin selbst seit mehr als 50 Jahren Jäger. Meiner Erfahrung nach müssten gerade Jäger den Wolf herbeibeten. Seine Anwesenheit sorgt für fitteres, gesünderes, raffinierteres Wild und macht das Hobby so wesentlich spannender. Eventuell kann der Wolf die Jäger sogar beim Erfüllen ihrer Abschusspläne entlasten. Einen ernst zu nehmenden quantitativen Beitrag sehe ich hier aber nicht. Dafür fressen Wölfe einfach zu wenig.

Bisher war die Rückkehr des Wolfes vor allem im Nordosten der Republik ein Thema. Nun verstärkt auch in Bayern. Kommt der Wolf als Nächstes nach Baden-Württemberg?

Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge können wir in weniger als zehn Jahren von einer flächendeckenden Verbreitung des Wolfes ausgehen. Derzeit gibt es etwa 80 Rudel, die sich im Nordosten konzentrieren. Das sind um die 700 Wölfe. Sie vermehren sich jedes Jahr um 30Prozent. Das heißt aber nicht etwa, dass bald hinter jeder Hausecke ein Wolf sitzt. Nur ein Drittel der Fläche in Deutschland ist als Lebensraum geeignet. Das Territorium eines Rudels umfasst 250 Quadratkilometer. Darin lebt ein Verbund von sechs bis acht Wölfen. Fremde werden nicht geduldet. Wölfe lassen sich nicht aufeinanderpacken. Das bedeutet also drei Wölfe auf 100 Quadratkilometer. Nicht gerade viel.