Fahrgäste fahren nicht auf neue Züge ab

Einerseits freuen sich Passagiere über den Halbstundentakt, andererseits werden die wenigen Sitzplätze bemängelt

Zuerst wurden die neuen Talentzüge auf der Murrbahn hoch gelobt. Doch die Pendler, die täglich auf die Bahn angewiesen sind, finden viele Kritikpunkte. Zu stark frequentierten Zeiten seien zu wenig Sitzplätze vorhanden, manche Haltestellen würden zu bestimmten Zeiten nicht angefahren. Begrüßt werden die Fahrtzeiten im Halbstundentakt.

Mit lobenden Worten wurden die neuen Talentzüge angepriesen, schnell stellte sich bei den Fahrgästen im Berufsverkehr Ernüchterung ein. Foto: A. Becher

Von Sarah Schwellinger

BACKNANG. Überfüllte Waggons, Wartezeiten und Haltausfälle – das alles sollte mit den neuen Talentzügen, die seit Sonntag, 10. Dezember auf der Murrbahn eingesetzt werden, nicht mehr passieren. Die Inbetriebnahme des neuen Angebots zum Fahrplanwechsel bedeute, wie Landrat Richard Sigel erklärte, für die Murrbahn einen „Quantensprung in Sachen Raum, Komfort, Sicherheit und Optik“.

Doch noch nicht einmal eine Woche waren die neuen Züge im Einsatz, da wurde schon erste Kritik laut: Die Sitze seien zu hart, die Klappsitze zu schmal, die Waggons zu Hauptverkehrszeiten völlig überfüllt und wer aus Fornsbach oder Fichtenberg kommt, der muss zu manchen Zeiten zu den Bahnhöfen in Gaildorf oder Murrhardt pendeln, denn nicht jede Bahn hält an den Bahnhöfen zwischen den beiden Städten.

„Es ist immer sehr voll“, erklärt Anni Schultes, die jeden Tag von Fornsbach nach Stuttgart pendelt und fast täglich in einem der Talentzüge mit zwei Waggons sitzt, „ab Murrhardt wird es mit Sitzplätzen schon kritisch, spätestens ab Oppenweiler müssen die ersten Fahrgäste stehen, ab Backnang erst recht.“ Das ist zu den Hauptverkehrszeiten ein allgemeines Problem – in den neuen wie in den älteren Regionalbahnen. Denn auch in den älteren Doppeldecker-Modellen müssen die Fahrgäste stehen. „In den neuen Zügen kann man in den Gängen und zwischen den Sitzplätzen eigentlich gar nicht stehen, deshalb staut sich alles an den Türen“, so Schultes weiter. So wie die 17-Jährige fragen sich auch weitere Fahrgäste: Warum kann man nicht zu den Hauptverkehrszeiten einen Waggon mehr anhängen?

Diese Frage formulierte auch der SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber in seiner Kleinen Anfrage an Landesverkehrsminister Winfried Hermann: „Ohne ausreichend Sitzplätze verfehlt der Schienenpersonennahverkehr seinen Zweck“, schreibt Gruber. Weiter kritisiert er: „In der Hauptverkehrszeit wird das Zugangebot nicht ausgeweitet und das Sitzplatzangebot unter Umständen sogar verknappt.“

Während von der Pressestelle des Verkehrsministeriums bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu bekommen war, hat die Pressestelle der Bahn eine mögliche Erklärung für dieses Problem parat: „Man kann nicht einfach so einen Zug anhängen. Momentan fahren die Züge in Doppeltraktion, das bedeutet mehr als 140 Meter Länge.“ Hänge man einfach einen Zug an, sei dieser insgesamt über 200 Meter lang. „Es gibt Bahnsteige auf der Strecke, die gar nicht so lang sind“, so ein Sprecher der Bahn. „Alle Türen müssen jedoch am Bahnsteig stehen, denn die werden bei Halt alle automatisch geöffnet.“

Bessere Ausstattung aber

zu harte Sitze

Von den Fahrzeugen wurde eine bessere Ausstattung, mehr Komfort versprochen. Der Raum ist in den Hauptverkehrszeiten zu gering, dafür trumpft die Bahn mit mehr Luxus als in den Vorgängerregionalbahnen auf: Klimaanlage, Klapptische, Steckdosen, WLAN, Fläche für Kinderwagen und Rollstühle. Alles vorhanden, auch das WLAN funktioniert. Doch der Schein von mehr Komfort trügt: Fahrgäste bemängeln die Sitze. So auch Andreas Wurst aus Gaildorf: „Im Gegensatz zu vorher sind die Sitze richtig unbequem. Für eine Fahrzeit von fast einer Stunde nicht wirklich angenehm. Man sitzt wie auf Holz.“ Waren vorher komfortable Bänke eingebaut, sind es jetzt Sitzflächen vergleichbar mit denen aus den S-Bahnen.

Bei manchen Punkten sind sich die Fahrgäste jedoch einig: „Ich finde es super, dass Züge jetzt jede halbe Stunde fahren – und das bis in den Abend“, lobt Isabelle Jahnel aus Fornsbach. „Eines der wenigen Dinge, die wirklich gut sind an den neuen Zügen, ist der Ansatz, dass Züge zu den Hauptzeiten zweimal in der Stunde fahren“, findet auch Anni Schultes.

Eine Sache jedoch bleibt den beiden Fornsbacherinnen ein Rätsel: Wieso hält gerade der Zug um 15.55 Uhr ab Stuttgart nicht in Fornsbach und Fichtenberg? Ausgerechnet um diese Zeit seien viele Schüler aus Stuttgart und Waiblingen unterwegs, auch bereits der erste Schwung an Berufstätigen. „Die müssen dann alle in Murrhardt aus dem Zug in einen Bus umsteigen, der dann natürlich total überfüllt ist. Und dann sollen auch noch die Preise steigen“, so Schultes. Das bestätigt die Pressestelle des VVS: „Die Verkehrsunternehmen im VVS haben beschlossen, den Tarif ab 1. Januar 2018 um durchschnittlich 1,9 Prozent zu erhöhen.“