Wort zum Sonntag

Und dann hörten alle ihre leise Stimme

Johannes Wegner

Von Pastor Johannes Wegner

Liebenzeller Gemeinschaft Backnang

Es war im kommunistischen Osten. Der Kommunismus setzte alles daran, die verbliebene Volksfrömmigkeit auszuradieren. Notfalls, oder gar nicht nur notfalls, mit Gewalt. Doch an Weihnachten wurden bei manchen die alten Sitten wach und die Frömmigkeit mancherorts wieder lebendig. Die Staatspolizei war angehalten, strenge Kontrollen durchzuführen. Am Heiligen Abend durchsuchten Patrouillen die Dörfer, um die Menschen womöglich beim heimlichen Weihnachtsfest zu ergreifen. Aus dieser Zeit gibt es einen Erfahrungsbericht von hinter dem Ural.

Auch in unser Dorf drangen sie ein. Sie stürmten zuerst in die Kirche. Aber sie war leer. Zornig zerstörten die Männer, was ihnen unter die Hände kam. Dann begannen sie eine Hausdurchsuchung. Aber auch die Häuser waren leer, denn alle Dorfbewohner waren in einer Scheune versammelt. Sie entdeckten uns. Wie Furien sprangen die Staatsbeamten hinein. Rücksichtslos trieben sie uns zur Seite und kesselten uns ein. Roh stießen sie mit Gewehrkolben ins Heu, hinter Vorhänge, unter Kisten und Bänke. Aber nirgends ein Kreuz. Nirgends eine Bibel.

Wütend forderte der Anführer Rechenschaft über unsere Dorfversammlung. Aber trotz brutaler Übergriffe war keinem der Anwesenden ein Bekenntnis zu entlocken. Da versammelte der Kommandant ein paar Männer um sich. Jeder wusste, nun wird ein böser Plan ausgeheckt. Alle Dorfbewohner, Bauern, Handwerker, Kinder ahnten und spürten das Unheimliche. In diesem Augenblick furchtbarer Stille löste sich ein altes Mütterchen aus der Gruppe. Langsam ging sie zu den bewaffneten Männern hinüber. Dort verbeugte sie sich tief und würdevoll vor dem Anführer. Dieser senkte seine Pistole, ein paar seiner Untergebenen traten, wie von höherer Gewalt bewegt, zurück. Und dann hörten alle in der Scheune ihre leise Stimme. Die Frau erhob die Hand, segnete alle mit dem Zeichen des Kreuzes und sagte: „Geliebte, uns ist heute der Heiland geboren.“ Im Raum war es still. Der Kommandant war wie gelähmt. Dann sagte das Mütterchen zu den Soldaten: „Geht heim zu eurer Mutter, Geliebte, geht heim. Denn auch euch, ihr Lieben, auch euch ist heute der Heiland geboren.“

Die harten Männer standen wie erstarrt. Manche hatten ihr Kinn trotzig zur Brust gesenkt, um ihre Ergriffenheit zu verbergen. Sekundenlang dauerte das Schweigen. Da bewegten sich die Lippen ihres Befehlshabers, und er flüsterte, nur der Alten vernehmlich: „Mutter, Mutter.“ Dann gab er einen Schuss ab ins Gebälk der Scheune und trieb mit wüstem Geschrei, um seine Erschütterung nicht zu zeigen, seine Männer hinaus.

„Geliebte, euch ist heute der Heiland geboren.“ Ich wünsche Ihnen fröhliche Weihnachten.