Begegnungen über Grenzen hinweg

Weihnachtsfeier im Begegnungscafé Cadu in Backnang mit Geflüchteten und Einheimischen, Muslimen und Christen

Über alle kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg fand im Begegnungscafé im Backnanger Familienzentrum Famfutur eine fröhliche Weihnachtsfeier statt. Nach dem Prinzip „Alles kann, nichts muss“ gab es Punsch und syrischen Chai-Tee, Lebkuchen und arabisches Gebäck, deutsche und internationale Weihnachtslieder.

Lutz Heidebrecht versammelt einige Kinder um die Krippe, um gemeinsam mit ihnen die Holzfiguren anzuschauen. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG. Hope Joseph, den alle nur mit seinem Nachnamen Joseph rufen, ist Christ und kennt die Weihnachtstraditionen aus seiner Heimat Nigeria. Geschmückte Tannenbäume, der Weihnachtsmann, der gemeinsame Kirchgang mit der Familie: Das alles gehört auch bei ihm zu Hause an Weihnachten dazu. Allerdings leben Christen in Nigeria gefährlich, und Joseph hat Angst um seine Eltern und Geschwister, die dort geblieben sind, weil für sie die Flucht über das Mittelmeer zu gefährlich gewesen wäre. Der 24-Jährige macht eine Ausbildung zum Koch im Restaurant Tafelhaus und hatte in den vergangenen Wochen mit den vielen Firmenweihnachtsfeiern alle Hände voll zu tun.

Das Begegnungscafé, das die Stadt Backnang, der Verein Kinder- und Jugendhilfe und der Kreisjugendring gemeinsam betreiben, ist ein offenes Angebot für Geflüchtete und Einheimische. Es ist ein religionsneutraler Ort, betont Lutz Heidebrecht, Pfarrer und Flüchtlingskoordinator der Stadt Backnang.

Eine offene und herzliche Atmosphäre ist bei der Weihnachtsfeier zu spüren. Man sieht viele lachende Gesichter, an den Tischen sind lebhafte Gespräche im Gang, Kinder wuseln vergnügt herum, ein paar Frauen mit Kopftuch stehen an den Tischkickern. Thomas Brändle, pädagogischer Leiter des Familienzentrums, freut sich über die entspannte Stimmung: „Man kann sich überall dazu setzen und findet sofort Anschluss“.

Seit das Begegnungscafé im vergangenen September vom ehemaligen Hotel Holzwarth ins Familienzentrum Famfutur umgezogen ist, ist die Zahl der Besucher enorm gestiegen, berichtet Heike Brand, die die Arbeit der Ehrenamtlichen koordiniert. Neben den deutschen Helfern packen auch eine ganze Reihe Flüchtlinge mit an, zum Beispiel die 17-jährige Anila Niazi aus Afghanistan. Zum Programm trägt sie eine Geschichte bei, in der Weihnachtsplätzchen beim Gespräch belauscht werden. In ihrer Heimat wird Weihnachten zwar nicht gefeiert, erzählt die junge Frau, der 24. Dezember habe aber dennoch eine gewisse Bedeutung, denn im Islam werde Jesus als Prophet verehrt.

Fawaz Alshekh-Ahmad, ein 22-jähriger Kurde aus Syrien, engagiert sich ebenfalls im Café. An diesem Nachmittag hat er die Aufgabe übernommen, die zahlreichen Kinder zu betreuen, die im Foyer des Familienzentrums herumtollen. Lutz Heidebrecht hat einige von ihnen um die Krippe versammelt, die auf einem Tisch aufgebaut ist. Er nimmt die kleinen Holzfiguren in die Hand und fragt die Jungen und Mädchen: „Wer ist das?“. „Maria, das haben wir schon im Kindergarten gelernt.“ „Und wer ist der Mann neben ihr?“. „Mohammed“.

Die neunjährige Aljin Alshekh Ahmad und ihre ein Jahr jüngere Schwester Heva haben in der Schule die weihnachtlichen Traditionen kennengelernt. Auf die Frage, was sie besonders schön finden, berichten sie vom Besuch des Nikolaus, der eine Eisenbahn und Schokolade gebracht hat. Beim gemeinsamen Singen von Weihnachtsliedern sind sie mit Begeisterung dabei; textsicher schmettern sie „Oh du fröhliche“.

Weihnachten in Deutschland zu erleben, ist auch für Ruba Ajjour und ihren Mann Abdulhamid Hjazi Almidani eine neue Erfahrung. Die Lichterketten, wie sie in Backnang an den Häusern und Bäumen funkeln, kennen sie auch von den Christen in ihrer Heimat Syrien. Die Feiertage wollen die beiden zum Lernen nutzen. Im neuen Jahr steht für die junge Frau eine Deutschprüfung an, ihr Mann bereitet sich auf eine Prüfung im Rahmen seines Chemiestudiums vor.

Im kommenden Jahr soll das Angebot im Familienzentrum erweitert werden, berichtet Lutz Heidebrecht. Wenn die Fördergelder wie erhofft fließen, sollen unter dem Dach eines Weltcafés mehrmals in der Woche Veranstaltungen nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für Migranten angeboten werden, zum Beispiel Frauengruppen, Sprachkurse oder Veranstaltungen für Kinder.