Abschied nacheinem halben Jahrhundert

Volksbank-Chef Werner Schmidgall geht in den Ruhestand –1968 hat er in Backnang seine Lehre begonnen

Nach dem Backnanger Silvesterlauf wird Werner Schmidgall auch in diesem Jahr wieder als Vertreter des Hauptsponsors die Preise und Urkunden an die Sieger überreichen. Es ist zugleich Schmidgalls letzte Amtshandlung, denn zum Jahresende geht der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Backnang in den Ruhestand. Es ist das Ende einer bemerkenswerten Karriere, denn der 65-Jährige war fast50 Jahre bei der Volksbank.

Der Abschied von seiner Volksbank fällt Werner Schmidgall nicht leicht: Seit 1968 arbeitet der heutige Vorstandsvorsitzende für die Genossenschaftsbank. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

 

Manche können es kaum erwarten, bis sie endlich in Rente gehen dürfen, bei Werner Schmidgall ist das anders. Wenige Tage vor seinem Abschied ist ihm anzumerken, dass es ihm schwer fällt zu gehen. Deshalb arbeitet er auch bis zum allerletzten Tag. „Ein schöner Abschnitt geht zu Ende“, sagt der 65-Jährige. Ein Leben ohne Volksbank – das scheint für einen wie ihn kaum vorstellbar. Schließlich hat Werner Schmidgall schon dort gearbeitet, als die meisten seiner heutigen Mitarbeiter noch gar nicht geboren waren. Als 16-Jähriger begann der gebürtige Backnanger 1968 seine Ausbildung. Es war eine Zeit, in der viele Arbeitnehmer noch gar keine Girokonten hatten und ihr Gehalt in bar in der Lohntüte bekamen. Diese zu füllen, war eine der Aufgaben für den „Stift“, wie Auszubildende damals genannt wurden. Allerdings stellte sich der Junge so gut an, dass man ihm bald anspruchsvollere Aufgaben anvertraute. „Im letzten Lehrjahr wurde mir bereits die Führung der zweiten Kasse übertragen“, erinnert sich Schmidgall. Als er ausgelernt hatte, durfte er in Allmersbach im Tal eine neue Ein-Mann-Geschäftsstelle aufbauen.

Aufstieg ohne
Karriereplan

 

Rückblickend ist Werner Schmidgall froh, dass er den Beruf von der Pike auf gelernt hat. „So wusste ich in allen Bereichen, wie das Geschäft funktioniert“. Und im Gegensatz zu manchem jüngeren Kollegen kann er die Zinsen, wenn‘s sein muss, auch heute noch ohne Computer berechnen. Allerdings waren es weniger die Zahlen, für die sich Schmidgall in seinem Beruf begeistert hat, sondern die Möglichkeit, Menschen zu beraten und ihnen zu helfen. Bis heute kommt es vor, dass ihn Leute auf der Straße ansprechen und sagen: „Sie haben doch damals unser Haus finanziert“. Das macht Schmidgall stolz und zufrieden.

Karriere zu machen, war nicht sein primäres Ziel, das hat sich eher ergeben. Schmidgall übernahm die Leitung der Kreditabteilung, wurde Bereichsleiter des Firmenkundengeschäfts und 1989 Mitglied des Vorstands. 2001 beerbte er schließlich Werner Göppinger an der Spitze des Kreditinstituts. „Ich wollte gerne gestalten“, sagt der scheidende Vorstandsvorsitzende und dazu hatte er reichlich Gelegenheit. In seine Amtszeit vielen nicht nur etliche Fusionen mit kleineren Genossenschaftsbanken aus dem Umland, sondern auch der Wandel von einer traditionellen Filialbank zu einem modernen Institut, das seine Dienstleistungen heute natürlich auch online, telefonisch oder per App anbietet.

An Schmidgalls Grundüberzeugung hat sich dennoch in all den Jahren nichts geändert: „Bankgeschäft ist ein persönliches Geschäft“. Vielleicht nicht zwingend, wenn es um Girokonto oder Festgeld geht, aber spätestens bei einer Baufinanzierung sei es wichtig, dass der Berater den Kunden kennt und weiß, wo das Haus gebaut werden soll. Denn nur dann könne er die bestmögliche Finanzierung anbieten. Das Gleiche gilt auch für Geldanlagen: Schmidgall erinnert sich noch an den Aktienhype am Neuen Markt um die Jahrtausendwende: „Damals bin ich ausgelacht worden, wenn ich einem Kunden einen Immobilienfonds mit sechs Prozent Rendite verkaufen wollte.“ Aber Schmidgall ist nicht der Typ fürs Casino : „Ich habe mich bei der Beratung immer gefragt: Was würde ich selbst in dieser Situation tun.“

Noch keine konkreten
Pläne für die Rente

 

Dass der Begriff „Banker“ in Folge der Finanzkrise beinahe zum Schimpfwort wurde, hat ihn deshalb tief getroffen: „Das tut schon weh“, sagt er. Während Großbanken mit Steuergeldern gerettet wurden, musste die Volksbank vor Ort die Scherben aufkehren. Vielen Firmen, die unter der Krise zu leiden hatten, habe man damals mit Krediten geholfen, erinnert sich der Vorstandschef. Denn er ist der Überzeugung: „Wenn es schwierig ist, darf man den Schirm nicht einklappen“. Dass der Gesetzgeber zum Dank die Regionalbanken im gleichen Maße reguliert hat wie die großen Institute, die die Krise zu verantworten hatten, kann er nicht verstehen. Der Aufwand sei immens. Die Zeit würde er lieber für den Kontakt mit den Kunden nutzen.

Was nach dem Beruf kommen wird, weiß Werner Schmidgall noch nicht genau: „Ich will auch weiterhin etwas bewegen und Leuten helfen“, sagt er. Wie und wo, das will er erst im neuen Jahr entscheiden. Auf jeden Fall wird man ihn auch künftig im Stadion der SG Sonnenhof Großaspach sehen, bei der er im Aufsichtsrat sitzt. Und vielleicht auch wieder etwas häufiger auf dem Schießstand, denn Sportschießen ist schon lange sein Hobby. Bei der Volksbank ist indes Kontinuität garantiert: Wieder rückt in Jürgen Beerkircher der bisherige Stellvertreter auf den Chefsessel. Werner Schmidgall ist froh darüber: „Ein Chef von außen, das hätte nicht gepasst.“