Wegbereiter, mit Blick auf die Nachfolger

Serie: Zwei Generationen, ein Sport Patrick Heinzelmann profitiert von dem, was Rudi Felger einst für die Leichtathletik leistete

Da schaut der 14-Jährige schon ein klein wenig überrascht. Gerade hat Patrick Heinzelmann erfahren, dass der ältere Herr rechts mitverantwortlich für die positive Entwicklung des Leichtathletiktalents ist. Nach seiner erfolgreichen Karriere hat Rudi Felger als Trainer und Funktionär dafür gekämpft, den Sportlern gute Trainingsbedingungen zu bieten.

Nutzen heutzutage Trainingsmöglichkeiten, die der frühere Meister-Hürdenläufer der TSG Backnang Rudi Felger (rechts) vor vielen Jahren mit auf den Weg gebracht hat: Der heutige Landestrainer Marlon Odom und der talentierte Maubacher Nachwuchssprinter Patrick Heinzelmann. Foto: T. Sellmaier

Von Uwe Flegel

Der Treffpunkt fürs Gespräch zwischen dem einstigen Klassesprinter und dem talentierten Nachwuchsläufer ist geradezu ideal. Im Olympiastützpunkt in Stuttgart sitzen der aus Backnang stammende und seit vielen Jahren in Sindelfingen lebende 81-Jährige sowie der junge Maubacher zusammen. Mit dem Namen Rudi Felger kann der süddeutsche M-14-Vizemeister über 80 Meter Hürden nicht viel anfangen. 60 Jahre ist es her, dass Felger deutscher 60-Meter-Hürden-Hallenmeister wurde. Drei Jahre später scheiterte der TSG-Athlet nur knapp daran, seinen Traum vom Olympiastart in Rom zu verwirklichen. In der Qualifikation in Erfurt musste der Backnanger unter anderem dem Kölner 110-Meter-Hürden-Weltrekordler Martin Lauer den Vortritt lassen.

Patrick Heinzelmann hört aufmerksam zu. Vor allem, als die Sprache auf die Molly-Schaufele-Halle kommt, in der für den 14-Jährigen heute noch Übungseinheiten bei Landestrainer Marlon Odom anstehen. Der immer noch schlanke und sportliche Mann neben ihm war nämlich entscheidend mit daran beteiligt, dass es in Stuttgart einen Olympiastützpunkt und eine Halle gibt, in der dank eines sogenannten Laufschlauchs 110 Meter über Hürden gesprintet werden kann. „Es wurde damals schon heftig diskutiert“, erzählt der ehemalige Leiter des Sport- und Bäderamts der Stadt Sindelfingen, dass nicht jeder von der Notwendigkeit eines solchen Trainingszentrums überzeugt war. Dass sich sein Kampf gelohnt hat, bekommt Felger von seinem 67 Jahre jüngeren Gesprächspartner bestätigt: „Scho recht so. Die Halle ist genial.“

Asche und Schlacke,

wo heute Tartan

und genügend Platz sind

Der ehemalige WLV-Chef- und Bundestrainer lächelt. Erst recht, wenn er kurz die Bedingungen beschreibt, unter denen sie in den Fünfzigern und Sechzigern ihr Training und die Wettkämpfe bestreiten mussten. Statt auf Tartan- und Kunststoffbahnen ging es damals auf Asche und Schlacke zu Werke. Wenn es stark geregnet hatte, ging es ab und an auch nicht mehr darum, Rekordzeiten zu laufen, sondern nicht stecken zu bleiben. „Bei einem Länderkampf in Krefeld war meine Bahn vom Einlauf der Mannschaften so zertreten, dass ich auf dem tiefen Boden eingesunken und gefallen bin“, erzählt Felger. Auch die Übungsmöglichkeiten waren mit heutigen Maßstäben nicht zu vergleichen. „Im Freien habe ich auf der Aschenbahn auf dem Hagenbach trainiert, die war immerhin 105 Meter lang.“ Ging’s unters Dach, musste der Backnanger mit der Stadthalle vorlieb nehmen. „Zwei Hürden hintereinander konnten wir stellen, mehr ging nicht. Wenn wir mal drei gestellt haben, dann brauchten wir Matten als Aufprallschutz an der Wand, weil der Platz zum bremsen nicht mehr gereicht hat.“ Dafür war die Zuschauerresonanz in jenen Jahren deutlich größer. Waren’s bei der deutschen Meisterschaft in Erfurt dieses Jahr gerade mal 12500, berichtet Felger von Länderkämpfen, zu denen in seiner Zeit als Aktiver und als Trainer bis zu 80000 Besucher ins Stadion strömten.

Der junge Maubacher, der für die SV Winnenden startet, schaut etwas ungläubig und schmunzelt dann, als Felger erzählt: „Zum Aufwärmen sind wir um die Halle gelaufen und haben dabei immer ein Lied gesungen.“ Und dass sein Nebenmann nicht nur Leichtathletik auf höchstem Niveau betrieben hat, sondern nebenher „noch bei der TSG in der Oberliga Basketball gespielt“ und als Jugendlicher zudem bei den TSG-Kickern auch noch Fußball gespielt hat, ist nicht mehr vorstellbar angesichts des Trainingspensums, das ein talentierter 14-Jähriger heutzutage hinter sich bringen muss, um vorwärtszukommen.

Tägliches Training,

um möglichst schnell

an die Spitze zu kommen

Fünfmal pro Woche übt der Backnanger Realschüler bei Landestrainer Odom oder seiner Heimtrainerin Silvia Wundel, damit er möglichst schnell über die Hürden sprintet. Hinzu kommen die Wettkämpfe am Wochenende. 11,56 Sekunden lautet Heinzelmanns Bestzeit seit der süddeutschen Meisterschaft im Sommer. Mit 11,81 Sekunden als persönlichem Rekord war er nach Ingolstadt angereist. „Dann habe ich mich im ersten und zweiten Lauf erst auf 11,78 und dann auf 11,72 Sekunden gesteigert“, erzählt der Junge und fügt sichtlich stolz an, dass er im Endlauf noch einmal 16 Hundertstel weniger benötigte, um die 80 Meter mit Hindernissen zu bewältigen.

„Das zeigt, dass du noch Reserven hast“, urteilt der erfahrene Ex-Trainer, der auch in Sindelfingen mitbekommen hat, welches Hürdentalent in seiner alten Heimat heranwächst: „Das freut mich natürlich.“ Rudi Felger hat kein Problem damit, dass der junge Backnanger mangels Perspektive in der TSG-Leichtathletik von Anfang an für die SV Winnenden gestartet ist. Wichtiger ist ihm, dass da jemand ist, dem Leichtathletik Spaß macht und der erfolgreich ist. Und ein wenig stolz macht den ehemaligen Klasse-Sprinter, dass irgendwie auch er einen kleinen Anteil dazu beisteuern konnte.

  Im Rahmen dieser Serie bittet unsere Zeitung Vertreter verschiedener Generationen aus einer Sportart zum Erfahrungsaustausch.