Den Notarzt zahlt die Kasse immer

Für selbst verschuldete oder unnötige Einsätze muss ein Patient nicht selbst aufkommen – Knödler: „Dr. Google“ redet ein gewichtiges Wort mit

Ein sturzbetrunkenes Ehepaar stürzt, der Rettungsdienst muss kommen. Wer zahlt? Die Frage ist schnell beantwortet: Für solche Einsätze kommt die Solidargemeinschaft auf, sprich die Krankenkasse trägt die Kosten. Das gilt auch dann, wenn jemand den Notarzt ruft und hinterher stellt sich heraus: Ein Schnupfen war der Grund für die Atemnot.

Sven Knödler

Von Andrea Wüstholz

WAIBLINGEN. Notfallrettung zahlt die Krankenkasse immer. „Ausnahmen davon gibt es nicht“, erläutert Joachim Härle von der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr. Es kommt nicht darauf an, weshalb jemand in eine Notlage geraten ist – und das ist gut so, betont Sven Knödler, Geschäftsführer des Roten Kreuzes im Rems-Murr-Kreis. Wo fange man an, wo höre man auf, wolle man ein eigenes Verschulden, etwa Trunkenheit, bewerten und Betroffene später zur Kasse bitten? Das geht nicht, findet Knödler. Hin und wieder werden Stimmen laut, etwa Raucher, Risikosportler oder stark Übergewichtige sollten sich an den Kosten für die gesundheitlichen Folgen ihres Verhaltens zumindest beteiligen. Man mag sich nicht ausmalen, welche Art Kämpfe folgen würden. In der gesetzlichen Krankenversicherung gilt das Solidaritätsprinzip. Jeder Versicherte kann Leistungen in Anspruch nehmen, ganz unabhängig davon, warum er sie braucht. Im Sozialgesetzbuch ist geregelt, welche Leistungen die gesetzlichen Kassen gewähren müssen. Einsätze eines Notarztes gehören definitiv dazu. Das Rote Kreuz erhält ein Budget, damit es zu jeder Zeit den Rettungsdienst bereithalten kann, unabhängig davon, ob er gebraucht wird oder nicht, erläutert Sven Knödler. Niemand wird zudem einen Anrufer zur Kasse bitten, der den Notruf wählt – und nachher zeigt sich, das wäre nicht nötig gewesen.

Das kommt immer wieder vor. Sven Knödler nennt ein Beispiel: Ein Kleinkind kriegt nachts schwer Luft, die Eltern sorgen sich immer mehr – und rufen schließlich den Notarzt. Er stellt fest, das Kind leidet lediglich an einem grippalen Infekt, das geht vorbei. „Auch solche Einsätze bekommen wir von den Krankenkassen finanziert“, sagt Sven Knödler. Oder jemand gerät wegen eines Ziehens im Arm des Nachts in Panik, weil er einen Herzinfarkt fürchtet: Der Betreffende muss den Notarzt rufen können, ohne sich wegen der Finanzen zu sorgen, sagt der Rot-Kreuz-Geschäftsführer. Weil er sonst vielleicht nächstes Mal nicht mehr anruft – und dann entpuppt sich tatsächlich als Herzinfarkt, was beim ersten Mal nur das Symptom einer harmlosen Zerrung war. Ein anderer Fall: Ein Autofahrer wird Zeuge eines Unfalls, hält an und ruft sofort die 112. Für ihn sah es so aus, als habe sich jemand verletzt. Der Rettungswagen kommt – und der vermeintlich Verletzte beharrt darauf, das sei überhaupt nicht nötig gewesen, die Rettungskräfte dürften wieder abziehen. Der Anrufer muss den Einsatz nicht bezahlen. Alles andere wäre fatal, betont Sven Knödler.

Der Rot-Kreuz-Geschäftsführer äußert allerdings einen Wunsch: Säße in der Leitstelle, welche die Notrufe entgegennimmt, begleitend ein Arzt, ließe sich zuweilen die Situation vorab besser einschätzen. Das Anrufverhalten hat sich verändert. Krankenhäuser und Notfallpraxen wurden geschlossen – „das wirkt sich aus“, sagt der Geschäftsführer. Ferner redet heute „Dr. Google“ ein gewichtiges Wort mit, das heißt: Menschen neigen dazu, bei Beschwerden zunächst die Suchmaschine „Google“ im Internet zu befragen. Vielleicht spuckt sie Gräuliches aus. Besser einmal zu viel als einmal zu wenig anrufen. Allerdings wählt hin und wieder ein Tunichtgut die 112 aus einem einzigen Grund: Er sieht gern Blaulicht. Nur so. „Das kommt sehr selten vor“, versichert Sven Knödler. Wenn der Verdacht bestehe, dass jemand die Notfallnummer 112 vorsätzlich missbraucht, werde diesem nachgegangen. Im Falle des sturzbetrunkenen betagten Ehepaares in Schorndorf war tatsächlich medizinischer Beistand nötig. Ende November hatte ein Senior des Nachts über Notruf um Hilfe gebeten. Die Polizei eilte herbei und fand den Betrunkenen mit oberflächlichen Schürfwunden am Boden liegend – neben seiner ebenfalls betrunkenen Ehefrau. Der Mann hatte sich übergeben und klagte über Schmerzen, hieß es seinerzeit im Polizeibericht. Die Frau hatte sich „vermutlich durch den rauschbedingten Sturz“ eine Verletzung im Gesicht zugezogen. Ein Rettungsdienst brachte beide ins Krankenhaus. Sollten die zwei privat krankenversichert sein, werden sie für den Transport ebenfalls nicht aufkommen müssen: Sobald eine medizinische Notwendigkeit vorliegt, übernimmt auch die private Versicherung die Kosten für den Transport, erläutert Bianca Boss, Sprecherin des Bundes der Versicherten. „Es ist unabhängig davon, ob es sich um einen durch zum Beispiel Trunkenheit selbst verschuldeten Einsatz handelt oder um einen Unfall eines Risikosportlers oder eines Rauchers oder, oder.“