Spezieller Reiz für schnelles Pärchen

Hanna Klein und Marcel Fehr lieben die Atmosphäre beim Backnanger Silvesterlauf, den sie erneut gewinnen wollen

Vieles spricht dafür, dass die Sieger des 32. Backnanger Silvesterlaufs am Sonntagabend in familiärer Runde auf ihre Triumphe anstoßen können. Hanna Klein und Marcel Fehr gelten nämlich nicht nur als die Topfavoriten bei den Frauen und Männern, sondern das schnelle Duo ist auch privat ein Paar. Umso toller finden es die Sportler der SG Schorndorf, zum Ausklang eines erfolgreichen Jahres ein stimmungsvolles Rennen quasi vor der eigenen Haustür bestreiten zu können.

Eilte im vergangenen Jahr in Backnang zu einem neuen Streckenrekord und gilt auch am kommenden Sonntag als erster Sieganwärter: Marcel Fehr von der SG Schorndorf.Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Es klingt ehrlich und auf keinen Fall nach Bauchpinselei, wenn Marcel Fehr die Veranstaltung in Backnang über den Schellenkönig lobt. „Es ist für mich kein Rennen wie jedes andere, sondern hat einen besonderen Reiz“, sagt der 25-Jährige und hat dafür mehrere Erklärungen. Zum einen ist es für den mit seiner Freundin in Urbach lebenden und für Schorndorf an den Start gehenden Sportler so etwas wie ein Heimspiel: „Auch viele Bekannte laufen mit oder feuern uns an und es hat den Vorteil, dass wir Silvester danach zu Hause mit Freunden feiern können.“ Das wäre ungleich schwieriger, würde das Paar zum Beispiel in Trier mitmischen. Zum anderen sei die Stimmung in Backnang immer „gigantisch, das hat man als Bahnläufer sonst allenfalls bei der deutschen Meisterschaft“. Ähnlich sieht es Hanna Klein, für die der Wettkampf in der Murr-Metropole „etwas Spezielles hat, weil die Zuschauer so dicht dran sind. Es ist ein Spektakel und macht immer wieder Spaß.“ Reizvoll sei das Rennen zudem deshalb, weil viele Schorndorfer Klubkameraden dabei sind und so der Zusammenhalt gestärkt wird.

Sollte Fehr gewinnen, wäre es sein dritter Sieg nach 2012, 2013 und 2016, doch „ich werde die Kontrahenten nicht unterschätzen. Backnang war nie eine klare Geschichte für mich und ich musste immer hart kämpfen. Die Strecke ist für Überraschungen gut.“ Vor allem das Duo, das sich im vergangenen Jahr hinter ihm den zweiten Platz teilte und erneut seinen Hut in den Ring wirft, hat der Remstaler auf dem Zettel. „Ich weiß noch, wie Joseph Katib und Heiko Baier aufs Tempo gedrückt haben und ich etwas Muffensausen bekam“, erinnert sich Fehr, der am Ende aber doch ein Polster von 47 Sekunden hatte und in 29:47 Minuten den Streckenrekord verbesserte. Eigentlich glaube er schon, dass diese Marke noch einmal zu unterbieten ist, „aber mein Gefühl sagt mir, dass es nicht dieses Jahr passieren wird“. Wie 2016 müsse dafür einfach alles passen – vom Wetter über die Rivalen, die auch Tempo machen, bis zu den Überrundungen, die nicht allzu sehr in einen Slalom ausarten dürfen.

Wen wundert es, dass seit dem Rennen vor zwölf Monaten auch Hanna Klein im Besitz des Streckenrekordes ist. Ihr gelang es in 33:13 Minuten, die eigene Bestmarke aus dem Jahr 2015 noch einmal um fast eine Minute zu senken. „Das ist eine knackige Zeit auf der Strecke in Backnang und ich kann meine Form derzeit noch schwer einschätzen“, betont die 24-Jährige, die eines ahnt. „Ohne eine Rivalin wie Sabrina Mockenhaupt, die von hinten drückt, wird es sicherlich schwieriger.“ Schwieriger, den Rekord zu brechen, aber dafür leichter, als Erste ins Ziel zu laufen. „Ich will natürlich versuchen, zum dritten Mal in Serie zu gewinnen“, sagt die gebürtige Pfälzerin. Beste Karten hat sie, glaubt ihr Trainer Uwe Schneider: „Ich denke schon, dass der Sieg alleine über sie führt.“ Auch Fehr sieht er an vorderster Front, obwohl dieser „vielleicht nicht ganz so gut drauf ist wie im Vorjahr zu dieser Zeit, weil alle Planungen auf die Sommersaison ausgerichtet sind“.

Sollte es zum Doppeltriumph für das schnelle Paar reichen, wäre es der perfekte Abschluss eines Jahres, das in sportlicher Hinsicht für beide kaum besser hätte ausfallen können, für Marcel Fehr aber auch einen Nackenschlag mit sich brachte. Ausgerechnet nach seiner bislang besten Saison, die im Team-Europameistertitel sowie dem dritten Platz bei der deutschen Meisterschaft über 1500 Meter gipfelte, kegelten ihn die Verbandsoberen aus dem Bundeskader. Rechnet man die fehlenden Fördergelder und die Kosten für Trainingslager und Unterbringungen zusammen, ergeben sich etwa 14000 Euro, die sich der Mittel- und Langstreckenläufer nun zum Beispiel über Sponsoren beschaffen muss. „Ich bin immer noch enttäuscht und kann es auch nicht nachvollziehen“, sagt Fehr zu der sehr umstrittenen Entscheidung, „aber ich richte den Blick nach vorne.“ Aufzuhören sei nie eine Überlegung gewesen, „weil es mir einen Riesenspaß macht“ und weil große Herausforderungen anstehen. „Es ist mein großes Ziel, bei der EM 2018 in Berlin über 5000 Meter am Start zu stehen“, verrät der Athlet: „Das ist die realistische Variante, über 1500 Meter wird es schwieriger.“ Fehr will seine Bestzeiten über die beiden Strecken von 3:40,06 und 13:31,29 Minuten weiter verbessern, damit die beiden EM-Normen (3:38 und 13:40 Minuten) knacken und sich letztlich einen von jeweils drei deutschen Startplätzen sichern – und das, ohne Kadermitglied zu sein.

Hanna Klein will ihre Leistungen

bestätigen und in Berlin dabei sein

Hanna Klein ist das natürlich weiterhin, zumal sie dieses Jahr mächtig für Furore sorgte. Siegerin bei der Universiade über 5000 Meter, Neunte bei der Hallen-EM über 3000 Meter, Team-Europameisterin und als finaler Höhepunkt der elfte Rang über 1500 Meter bei der WM in London – die Sportlerin ist in der Weltklasse angekommen. „Ich kann mich über 2017 nicht beschweren“, sagt sie. „Ich bin sehr dankbar für das, was passiert ist und was ich erleben durfte.“ Weil Hanna Klein klar ist, dass die Messlatte nun hoch hängt, bleibt sie selbst auf dem Teppich und steckt sich erst einmal vorsichtige Ziele: „Ich will gesund und verletzungsfrei bleiben, ordentlich trainieren, meine Leistungen bestätigen und die EM-Qualifikation schaffen.“ Letzteres wird weder über 1500 noch über 5000 Meter ein Selbstläufer, doch wenn das erledigt sein sollte, „will ich schauen, wo ich die besten Chancen habe“. In Backnang stellt sich die Frage nicht – sowohl sie als auch ihr Freund gelten am Sonntag als allererste Kandidaten auf den Sieg.