Zwischen Idyll und Aufholbedarf

Familiencheck: Die Region bietet viel für Familien – Verbesserungspotenzial bleibt dennoch

Ein bisschen heile Welt, aber auch ein bisschen tote Hose – Pro und Kontra eines Lebens im ländlichen Raum sind uns bei unserer Familiencheck-Serie immer wieder begegnet. Alles in allembekommen Backnang und die zwölf umliegenden Kommunen, die wir unter die Lupe genommen haben, von jungen Familien aber gute Noten.

Von Bianca Walf

 

BACKNANG. Freizeit im Grünen, ein vielfältiges Bildungsangebot sowie Kommunen, die das Thema Familienfreundlichkeit allesamt für wichtig befinden und sich für Kinderbetreuung und flexible Arbeitsbedingungen einsetzen – kein Wunder, dass Backnang und die umliegenden zwölf Städte und Gemeinden sich bei jungen Familien wachsender Beliebtheit erfreuen. Das hat unsere Familiencheck-Serie deutlich gemacht.

Was zunächst positiv klingt, fördert in der Praxis jedoch auch einige Probleme zutage: Bauplätze sind in fast allen Kommunen Mangelware. Überall wird unter Hochdruck an der weiteren Erschließung geeigneter Flächen gearbeitet. Die Tendenz geht – ganz typisch für den Großraum Stuttgart – zur Nachverdichtung bestehender Wohngebiete.

Auch steigende Quadratmeterpreise sind eine logische Folge. Aktuell bewegt sich das Spektrum zwischen 100 Euro – etwa im Murrhardter Ortsteil Kirchenkirnberg oder in Großerlach – und bis zu 380 Euro pro Quadratmeter im Kirchberger Neubaugebiet Berg. Dort orientieren sich die Preise am Backnanger Stadtgebiet, aber auch am angrenzenden Landkreis Ludwigsburg. Inwieweit sich das hohe Preisniveau künftig noch mit den Lebensumständen junger Familien vereinbaren lässt, ist fraglich. Vorbildliche Lösungsansätze liefern hier etwa die Gemeinden Althütte, Auenwald, Sulzbach an der Murr und Oppenweiler, die Häuslebauern mit Kindern Rabatte auf Bauplätze gewähren.

Die Kleinsten spielen auch beim Thema Kinderbetreuung die ganz große Rolle. Alle 13 Kommunen haben hier in den vergangenen Jahren viel getan. Fast alle bieten mittlerweile eine Ganztagsbetreuung bis mindestens 17 Uhr an. Die maximalen Kosten pro Kind betragen zwischen 420 Euro in Althütte und 530 Euro in Sulzbach an der Murr. In Burgstetten orientieren sich die Preise am Einkommen der Eltern. Der monatliche Beitrag für ein einjähriges Kind schwankt so zwischen knapp 400 und 790 Euro.

Die einzige Ausnahme vom Ganztagstrend bildet bisher die Gemeinde Spiegelberg, wo Kinder nur zu den klassischen Vormittagszeiten betreut werden können. Laut Bürgermeister Uwe Bossert deckt dies den Bedarf. Allerdings begründen auch seine Kollegen aus den umliegenden Kommunen ihr Engagement mit der Nachfrage der Bürger. Immerhin: Lange Wartelisten sind in Backnang und Umgebung momentan nicht die Regel. Um den Anforderungen auch in Zukunft gerecht werden zu können, muss das Angebot jedoch weiter ausgebaut werden.

Etwas schwieriger gestaltet sich das Leben in der Region mitunter, wenn die Kinder dem Grundschulalter entwachsen sind: Wer in Weissach im Tal, Backnang oder Murrhardt wohnt, kann sich glücklich schätzen. Dort bieten weiterführende Schulen alle möglichen Bildungsabschlüsse an. Die Schüler aller anderen Kommunen sind bereits ab der fünften Klasse gezwungen, im täglichen Strom der Pendler mitzuschwimmen. Fast überall hagelt es Kritik am öffentlichen Personennahverkehr, der die Kinder zwar zuverlässig zur ersten und zur letzten Schulstunde befördert, dazwischen aber zu wünschen übrig lässt. Von unzumutbaren Wartezeiten, Randgemeinden, die gar nicht erst angefahren werden, und heillos überfüllten Bussen ist dabei immer wieder die Rede. Eine praktikable Lösung zeichnet sich in absehbarer Zukunft nicht ab. Eigene Beförderungssysteme sind gerade für die kleineren Kommunen nicht finanzierbar.

Auch in ihrer Freizeit müssen Jugendliche im Vergleich zu jüngeren Kindern oft zurückstecken. Zwar verfügen bis auf Burgstetten, Spiegelberg und Kirchberg alle Kommunen über offene Jugendtreffs oder Jugendhäuser, innovative Angebote wie etwa der Allmersbacher Sporterlebnispark oder die Parkouranlage im Backnanger Annonaygarten bleiben jedoch die Ausnahme. Die Folge: Die jungen Menschen zieht es vermehrt in die größeren Städte. Hier ist Backnang ein guter Anfang, aber auch Schwäbisch Hall und Stuttgart sind gefragt – die Verlierer sind wieder die kleinen Gemeinden mit schlechter Verkehrsanbindung.

Abschließend fällt beim Familiencheck vor allem eins auf: Obwohl die Kommunen sich einig sind, dass das Thema Familienfreundlichkeit auch in Zukunft zu den wichtigsten Standortfaktoren gehören wird, fehlt fast überall ein langfristig angelegtes Konzept, um die Lebensbedingungen für Familien zu verbessern. Statt auf nachhaltige Evaluationssysteme mit messbaren Qualitätsstandards und themenübergreifende Strategien zu setzen, berufen die Kommunen sich auf den Bürgerdialog und ihre unmittelbare Reaktion auf die Bedürfnisse der Menschen in ihrer Kommune. Familienfreundlichkeit bleibt dabei ein Stück weit eine Sache des Bauchgefühls.

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