Lokalmatador geht zum ersten Mal fremd

Christopher Hettich wird Dritter beim Silvesterlauf in Berlin, während das Rennen in Backnang wieder viele Geschichten schreibt

Eine stolze Serie ist gerissen. Ein Lokalmatador, der seinem Heimrennen in den Vorjahren oft den Stempel aufgedrückt hatte, zeigte dieses Mal den Berlinern, wie schnell die Schwaben sind. Die schnellste Frau zeigte auch den meisten Männern die Hacken. Rund um den 32. Backnanger Silvesterlauf passierte wieder so manches, was die Ergebnisse nicht auf den ersten Blick wiedergeben.

Von oben blieb es beim Silvesterlauf zur Freude aller Sportler und Zuschauer trocken, diese Kinder freuten sich zumindest über einen Konfettiregen. Laufend-BKZ-Betreuer Achim Wöhrle, der als Orientierungspunkt für all diejenigen unterwegs war, die unter einer Stunde bleiben wollten, genoss derweil die Unterstützung der vielen Fans am Streckenrand. Fotos: A. Becher/T. Sellmaier

Von Steffen Grün

  2016 hatte Gernot Gruber in der M55 den dritten Platz belegt, nun kletterte der Landtagsabgeordnete der Sozialdemokraten in seiner Altersklasse auf Platz zwei, lediglich der Schwaikheimer Bürgermeister Gerhard Häuser war schneller. In die Freude über sein abermals gutes Resultat mischte sich höchstens eine Prise Enttäuschung, weil eine Serie zu Ende gegangen ist. Immer war Gruber in Backnang unter der magischen 40-Minuten-Marke geblieben und hatte vor zwölf Monaten verkündet, dass es sein „Traumziel“ sei, „dies bis 60, mindestens aber bis 55 zu schaffen“. Nun überquerte der Politiker die Ziellinie nach 40:38 Minuten – und das 15 Tage vor seinem 55. Geburtstag. Den Verdacht, sein hartnäckiger Kampf gegen die Verspätungen im Bahnverkehr könnte insofern abgefärbt haben, dass er sich nun eben auch um 39 Sekunden verspätet habe, zerstreut Gruber lachend: „Das hat damit nichts zu tun, ich habe einfach nicht mehr so viel Zeit fürs Training, wie ich es gerne hätte.“ Das soll sich wieder ändern, denn „mein Ziel ist es schon, beim nächsten Silvesterlauf wieder unter 40 Minuten zu bleiben. Auch dieses Mal war ich zur Halbzeit des Rennens nämlich noch auf Kurs“.

  2014 hatte Christopher Hettich den Silvesterlauf in seiner Heimat zeitgleich mit Rekordsieger Heiko Baier gewonnen, viermal war er in Backnang zuvor auch schon Zweiter geworden. Kurzum: Immer, wenn der Lokalmatador starten konnte, mischte er zumindest im Vorderfeld mit. Vor drei Tagen hielten die Zuschauer aber vergeblich Ausschau nach Hettich. Der 29-Jährige musste absagen, doch es war nicht etwa ein Infekt oder eine Verletzung schuld. Es hatte vielmehr mit dem Beruf zu tun, dass er sein Heimrennen verpasste. Vor einem guten Monat nahm der Triathlet ein Jobangebot in der Bundeshauptstadt an, wie er auf seiner Facebook-Seite mitteilt. „Ich habe mich mittlerweile dort sehr gut eingelebt.“ Für nur einen Tag die rund 600 Kilometer von der Spree an die Murr und wieder zurück zu fahren, lohnte sich nach dem Umzugsstress in letzter Zeit einfach nicht, deshalb blieb Hettich in Berlin und schaute sich dort nach einer Herausforderung für Silvester um. Er fand den sogenannten Pfannkuchenlauf rund um den Teufelsberg im Grunewald und zeigte den Hauptstadtern, wie schnell ein Schwabe trotz Trainingsrückstands rennen kann. Er brachte die 9,9-Kilometer-Strecke in 34:22 Minuten hinter sich und musste damit nur zwei Rivalen den Vortritt lassen.

  Praktisch konkurrenzlos war in Backnang die schnellste Frau. Es schien fast so, als würde Hanna Klein in Siebenmeilenstiefeln durch die Innenstadt jagen. Letztlich verbesserte sie den eigenen Streckenrekord um 45 Sekunden auf 32:28 Minuten und hatte damit einen Vorsprung von über sechs Minuten auf die Zweitplatzierte Alexandra Olpp (TC Backnang). Spannender war fast die Frage, wie viele Männer vor der WM-Elften über 1500 Meter das Ziel erreichen würden. Es waren fünf, neben ihrem Freund Marcel Fehr (30:22) noch Jens Mergenthaler (30:26), Johannes Bergdolt (31:23), Josef Katib (31:31) und Michael Wörnle (32:24). Oskar Klein auf dem sechsten Platz hatte in 33:59 Minuten bereits sehr deutlich das Nachsehen.

  Allesamt waren das Zeiten, die für Einsteiger wie diejenigen aus dem Laufend-BKZ-Kurs natürlich außer Reichweite liegen. Für Sportler, die ihre Premiere bei einem echten Wettbewerb feiern, geht es in erster Linie ums Durchkommen und vielleicht noch darum, ein selbst abgestecktes Ziel zu erreichen. Trotzdem sprangen sogar zwei Podestplätze in den Altersklassen heraus. Den einen räumte Kursleiterin Brigitte Würfel höchstpersönlich ab, die in 54:10 Minuten in der W60 die Nase vorne hatte. Als einzige W-70-Teilnehmerin war Hannelore Sindel der Sieg nicht streitig zu machen, ihre Zeit von 1:11:20 Stunden ist aber aller Ehren wert. Auf gutem Weg, den Lauf zu schaffen, war auch BKZ-Redakteurin Lorena Greppo, die in den vergangenen Monaten immer wieder über ihre Trainingsfortschritte berichtet hatte. In der letzten Runde musste sie aber wegen gesundheitlicher Probleme aussteigen. Für einige weitere Sportler, die im Zielbereich wegen kleinerer Blessuren oder Kreislaufproblemen behandelt wurden, gibt Jeffrey Grupp vom DRK-Ortsverein Backnang Entwarnung: Nichts Ernstes.

  Über 100 Helfer, die ein Lob von Organisationschef Georg Beïs ernteten (wir berichteten), hatten die unterschiedlichsten Aufgaben. Das beginnt beim Wettkampfbüro und in der Garderobe und führt über die Ton- und Videotechnik, den Dienst an den Verpflegungsständen für Zuschauer und Sportler sowie den Auf- und Abbau bis hin zu den Streckenposten, weil der Veranstalter selbst für die Streckensicherung zuständig ist. Neu war die Lautsprecheranlage an der Spitzkehre von der Uhland- in die Grabenstraße, die dafür sorgte, dass die Fans an einem beliebten Beobachtungsplatz nun ebenfalls über das Geschehen auf dem Laufenden waren.