Aus 16 Jeans blaue Wunder gefertigt

Textildesignerin und Künstlerin Angelika Wolk-Gerche hat ihr 20. Buch herausgebracht – Leser zu eigenem Tun animieren

Bei Angelika Wolk-Gerche können sie ihr blaues Wunder erleben. In ihrem neuesten Buch hat sie ihrer Kreativität freien Lauf gelassen, um alten Jeans neues Leben einzuhauchen. Entstanden sind unter anderem Taschen, Kunstobjekte, Baby-Bälle und Tablet-Hüllen. Mit „Blaues Wunder. Alte Jeans – neues Leben“ möchte die 66-Jährige die Leser auch zum Selbst-kreativ-Werden anregen. Die Künstlerin lebt sich außerdem noch in weiteren vielfältigen Dingen aus.

Angelika Wolk-Gerche mit ihren „blauen Wundern“, die sie aus dem Jeansstoff gefertigt hat. Foto: A. Becher

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG. Eine Rosenkugel liegt auf dem Esszimmertisch. Sie duftet nicht, erstrahlt aber in abwechslungsreichen Blautönen. „Das hat mich immens viel Fleißarbeit gekostet“, sagt Angelika Wolk-Gerche und lacht. Dieses Deko-Objekt hat die Textildesignerin mit etlichen kleinen Jeansresten von Hosenbeinen gefertigt und dicht an dicht mit einer Heißklebepistole auf eine Styroporkugel gesetzt. Das sei eines ihrer Lieblingsobjekte aus dem neuen Buch „Blaues Wunder. Alte Jeans – neues Leben“.

An Kreativität ist die 66-Jährige kaum zu übertreffen: Sie arbeitet freiberuflich als Textildesignerin und Illustratorin, war Kunstlehrerin und Designerin für die Industrie, bevor sie einen Laden mit Waren aus der eigenen Pflanzenfärbeküche und dem eigenen Atelier eröffnete, in dem sie pflanzengefärbte Kleider, Handfilz-Objekte und Dinge aus Märchenwolle kreierte. Ihre Leidenschaft widmet sie den unterschiedlichsten Aufgaben.

In der Lüneburger Heide geboren, zog Angelika Wolk-Gerche mit ihrem Mann 1975 nach Allmersbach im Tal – ihr Mann arbeitete zu jenem Zeitpunkt bei AEG Telefunken (heute Tesat-Spacecom). Neben der Tätigkeit als Autorin hat sie auch immer wieder Workshops gegeben. „Wir sind in den vergangenen Jahren mehrfach umgezogen: Allmersbach im Tal, Korb, Winterbach und nun – seit 15 Jahren in Steinbach.“

Kreativ sei sie schon immer gewesen, sagt die Mutter von drei Kindern und Großmutter eines Enkelkinds. Freude an Herausforderungen habe sie, fasziniert sei sie davon, etwas Neues zu gestalten. „Und ich möchte die Lust wecken, etwas selbst herzustellen.“ Von Anfang an habe sie freilich keine Bücher geschrieben. Begonnen habe eigentlich alles damit, dass Wolk-Gerche in ihren Kursen oft Zettel verteilt hat, da Interessierte nach Anleitungen für das Hergestellte fragten.

Verschiedene Ausstellungen in Deutschland und private Illustrationsaufträge prägten und prägen ihr Künstlerleben. Seit 1996 ist sie Autorin beim Verlag Freies Geistesleben Stuttgart. 20 Kreativ- und Werkbücher sind bis dato erschienen. Spiel- und Erlebnisbücher hat sie ebenso verfasst wie Erzählungen und Bastelanleitungen – zu ganz unterschiedlichen Themen: Inspirierende Titel seien ihr wichtig, sagt Wolk-Gerche. Da-runter fallen beispielsweise „Elfenkinder“, „Märchenwolle“, „Blütenträume“ oder „Maschenglück“. Zuletzt „Blaues Wunder“ – ein Buch zum Thema Jeans-Upcycling, bei dem der Gedanke der Nachhaltigkeit im Vordergrund steht. „Für den Altkleidersack ist die Hose für alle Lebenslagen viel zu schade. Die abgelatschten Jeans haben so viele Geschichten zu erzählen“, findet Wolk-Gerche. Kurzerhand hat sie eine Art Aufruf gestartet und aus der Nachbarschaft, von Verwandten und Bekannten alte Bluejeans geliefert bekommen – und dann ihrer Kreativität freien Lauf gelassen.

Strampelsack aus

Papas alter Jeans

Entstanden sind blaue Wunder – von Handtaschen über Tablet-Hüllen, einem Strampelsack aus Papas alter Jeans bis hin zu weichen Baby-Bällen, die mit Synthetikwatte gefüllt sind. Ein Jeans-Minirock, aus dem seine Besitzerin längst herausgewachsen war, hat die Designerin in eine geräumige Tasche verwandelt. Auch die abgetragenen Jeans ihres Sohnes hat Wolk-Gerche verwertet. „Jedes kleine Fitzelchen wurde benutzt, nichts weggeschmissen“, sagt die Künstlerin. Ein gutes Dreivierteljahr habe es gedauert, bis das Buch mit den Objekten fertig war. Drei bis vier Stunden täglich hat Wolk-Gerche an den neuen Jeanskreationen gearbeitet. Manch eine Tasche sei eine große Herausforderung gewesen, „weil sie so aufwendig war und das Ausgangsmaterial mit den Stickereien schon so hübsch war“. Auch alte Stoffturnschuhe hat Angelika Wolk-Gerche verwendet und mit dem Jeansstoff kombiniert – daraus sind Turnschuh-Täschchen entstanden. „Für alle Objekte habe ich 16 Jeans verarbeitet – es ist nichts mehr übrig“, lacht die 66-Jährige. All die entstandenen neuen Bluejeans-Dinge haben die Spender wieder zurückerhalten.

Angelika Wolk-Gerche steckt in ihre Bücher immer ein klein wenig mehr als reine Bastelanleitungen. Das wäre ihr viel zu wenig, sagt sie. Sie möchte die Leser auch zu eigenem Tun animieren und ermutigen. Die Steinbacherin ist immer wieder für Neues offen: Seit 2014 hat sie einen eigenen Internetshop – „DaWanda“. Und aktuell bereitet sie einen YouTube-Kanal vor: „Dort wird es Märchen und Geschichten von mir geben, untermalt mit eigenen Bildern, Collagen und Schattenspielen. Dazu Tipps zum Selbst-kreativ-Werden.“

Bei allem Wirbeln – auch eine Kunstschaffende muss mal abschalten. Wie sie entspannt, klingt zunächst unlogisch: Angelika Wolk-Gerche findet ihre innere Gelassenheit nämlich am besten beim Malen und Zeichnen. Also genau mit der Beschäftigung, die sie auch freiberuflich ausübt. Dennoch sei es eine andere Welt: So ist sie derzeit mit einem ganz besonderen Projekt beschäftigt: Sie hat sich vorgenommen, ein dickes Buch zu gestalten, mit den unterschiedlichsten Bildern, und dieses wird sie dann Bekannten und Verwandten geben, sodass diese Familien für vier Wochen ihre ganz eigene kleine Ausstellung haben, bis das Buch in eine andere Familie wandert.

Strickmützen auf den eisigen Köpfen der Claqueure

Komische Einfälle habe sie da bisweilen: „Da kann ich stundenlang abtauchen.“ Schnecken spielen eine tragende Rolle in diesen Zeichnungen, mal ist es „die kleine Schöne“, mal die „Twins“ oder mal die „Voyeure“, die zwei andere Schnecken beim Liebesspiel beobachten. Viele Bilder sieht Wolk-Gerche auch mit einem Augenzwinkern an, es mache ihr einfach Spaß, in einem Bild eine Geschichte zu erzählen oder nur einen Anschubs für die eigene Fantasie zu geben.

Übrigens: Liebe Leser, können Sie sich noch an die bunten Strickmützen auf den eisigen Köpfen der Claqueure (BKZ, Februar 2013, wir berichteten) erinnern? Diese Kunsteinlage geht auf das Konto von Angelika Wolk-Gerche. Sie wollte damals einfach mal beobachten, wie die Passanten reagieren und freut sich heute noch darüber.

„Blaues Wunder. Alte Jeans – neues Leben“

ist im Stuttgarter Verlag Freies Geistesleben erschienen. ISBN 978-3-7725-2826-2 (Preis

20 Euro).