„Schaffe ich das?“ – „Warum nicht?“

Ängste abgebaut, Selbstvertrauen gestärkt: Erwachsene Nichtschwimmer erzielen beim Anfängerkurs schnelle Fortschritte

„Ich liebe das Wasser.“ Es klingt im ersten Moment überraschend, diesen Satz ausgerechnet von Frauen und Männern zu hören, die bislang kaum oder überhaupt nicht schwimmen konnten und deshalb im Wonnemar-Hallenbad einen Anfängerkurs für Erwachsene besuchen. Der Widerspruch löst sich aber schnell in Luft auf, sobald die Teilnehmer verraten, warum sie es nun unbedingt lernen wollen und weshalb das zuvor nicht geklappt hat. Die Gründe sind vielfältig.

Eine hervorragend harmonierende Gruppe, die sich gegenseitig anspornt: Johannes Guthardt (links) mit den Teilnehmern eines Nichtschwimmerkurses im Backnanger Hallenbad. Fotos: A. Becher

Von Steffen Grün

BACKNANG.Wenn ein neuer Kurs beginnt, ist Johannes Guthardt auf die erste Frage, die ihm seine Schützlinge stellen, bestens vorbereitet. „Sie lautet immer: Schaffe ich das?“, berichtet der technische Leiter der Murrbäder, der zugleich auch Kurse gibt. Seine Antwort: „Warum nicht?“ Er wolle damit „Mut machen und die Zweifel nehmen“, verrät der 46-Jährige. Es steckt aber auch pure Überzeugung dahinter, denn die Quote derer, die nach zehn 45-Minuten-Einheiten ordentlich schwimmen können, liege bei deutlich mehr als 90 Prozent.

Die Eindrücke am sechsten Kursabend stützen die Behauptung. Den schwierigen Wechsel ins Schwimmerbecken, in dem sie nicht mehr stehen können, haben die vier Frauen und zwei Männer im Alter von 20 bis 78 Jahren schon geschafft, die anfänglich eingesetzten Bretter und Gürtel sind längst im Materialschrank verschwunden. Nur die bunten Schwimmnudeln sind als Hilfsmittel noch übrig, bleiben aber schon des Öfteren am Beckenrand zurück. Passieren kann ohnehin nichts, denn es ist immer nur ein Teilnehmer im Wasser und Guthardt läuft mit der Rettungsstange nebenher, um jederzeit eingreifen zu können.

„Ängste abzubauen“, hält der Kursleiter für eine seiner wichtigsten Aufgaben. Wie die von Andrea Boano, der es auf Kindheitserlebnisse zurückführt, dass er zuvor nicht schwimmen lernte. „Ich wurde mit fünf oder sechs Jahren zweimal ins Wasser geworfen“, erinnert sich der 44-Jährige, „da hat sich im Kopf etwas festgesetzt.“ Mit dem Element an sich hat der Mann mit italienischen Wurzeln trotzdem keine Probleme, er geht sogar schnorcheln. „Bislang aber nur dort, wo ich stehen kann.“ Nun möchte er die nötige Sicherheit gewinnen, um dann vielleicht tiefer in die Unterwasserwelt eintauchen zu können. Und um es dem Sohn gleichzutun, der mit neun Jahren schon schwimmen kann. Auch die Frau könne es recht gut. „Ich bin das schwarze Schaf“, sagt Boano und lacht. Nicht mehr lange, denn obwohl ihm die Koordination zwischen Atmung und Bewegung noch etwas schwerfällt und „die Beine machen, was sie wollen“, sieht es schon gut aus.

Das gilt eigentlich für alle, so verschieden die Gründe dafür sind, dass sie zu den erwachsenen Nichtschwimmern gehörten, deren Größenordnung in Deutschland die DLRG im Juni 2017 auf mindestens ein Viertel bezifferte. „In der Türkei gibt es in der Schule keinen Schwimmunterricht“, erzählt die 20-jährige Ruziye, die erst seit zwölf Monaten hier lebt, das Wasser liebt und deshalb unbedingt schwimmen lernen will. Das ist auch Elenas großer Wunsch. „Wer will das nicht“, entgegnet die 39-Jährige. „Wir hatten als Kinder in einem Dorf in Rumänien kein Hallenbad, kein Freibad und keinen Schwimmunterricht.“ Den holt sie derzeit nach, um ihre Freude am kühlen Nass künftig nicht mehr nur im Kinderbecken oder in Begleitung ihres Mannes ausleben zu können. „Es ist schwierig, aber so langsam geht’s und macht großen Spaß“, berichtet Elena. „Ich will auch weitermachen, wenn dieser Kurs zu Ende ist.“

Vielfältige Motive: Für Kinder und Enkel, für sich, für die Gesundheit

Für sich selbst und für ihre zwei Kinder, die gerne schwimmen und mit denen sie mit Freunden oft das Bad besucht, will es sich Maureen aneignen. „Ich hatte einfach nie die Gelegenheit dazu“, erzählt die 30-Jährige und nennt es eine „Herausforderung. Schwimmen selbst ist nicht schwierig, aber man muss den Respekt vor dem Wasser ablegen und den Kopf abschalten“. Das kann Maria, die mit den Kindern und Enkeln schon immer oft ins Bad gegangen ist, „aber immer nur dorthin, wo ich stehen konnte“, bestätigen. „Ich schaffe es bis zum Ende der Bahn“, sagt die 64-Jährige zufrieden, „aber in der Mitte kommt noch Panik auf und dann vergesse ich kurz die Technik, aber es geht dann gleich wieder.“ Auf die Schwimmnudel will die Rentnerin, die seit dem Ende ihres Arbeitslebens diverse Sportarten für sich entdeckt hat, aktuell noch nicht verzichten. Es dürfte aber eine Frage der Zeit sein, die Enkel sind schon jetzt stolz auf ihre Oma. „Sie basteln mir ein Seepferdchen“, erzählt Maria.

Den Ratschlag von Johannes Guthardt, dass die Teilnehmer den geschützten Bereich des Kurses auch einmal nutzen sollten, über die eigenen Grenzen zu gehen, beherzigt Hans-Dieter sofort. Der Gruppenälteste, der wie die meisten Mitstreiter per Du angesprochen werden will, „weil das unter Sportlern so üblich ist“, stürzt sich mit dem Kopf voraus in die Fluten. Anerkennendes Nicken der Kollegen ist ihm sicher. „Ich mache es aus gesundheitlichen Gründen“, nennt er sein Motiv für die Teilnahme: „Ich möchte mir meine körperliche und muskuläre Funktionalität auch mit meinen 78 Jahren erhalten.“ Er könne es seinen Altersgenossen nur empfehlen, „vom Sofa aufzustehen und etwas für sich zu tun“. Der Zeitpunkt des Trainings am Abend zwischen 21.15 und 22 Uhr sei ideal – für ihn deshalb, „weil es der Abschluss des Tages ist“, für Andrea Boano vor allem, „weil es arbeitnehmerfreundlich ist“.

Einig sind sich die Teilnehmer in ihrem Lob für Johannes Guthardt, „der uns nicht über- oder unterfordert“, wie es Hans-Dieter ausdrückt. Aber auch untereinander ist das Klima hervorragend, jeder muntert jeden auf und am Ende gibt es sogar noch eine Überraschung: Unbemerkt hat Elena für alle einen kleinen Schokoweihnachtsmann in den Badeschuhen versteckt.