Eine spannende Zwischen-Zeit

Naturparkführerin Michaela Köhler beschäftigt sich schon länger mit den Raunächten – Alte Bräuche bieten Anregungen

Wir befinden uns zwischen den Jahren. Große Feste, kurze, dunkle Tage. Weihnachten, Silvester, Neujahr, Dreikönigsfest. Es ist die Zeit der Raunächte. Um sie rankt sich so mancher Mythos, so manche Sagengestalt, das eine oder andere Ritual, aber auch viel Aberglaube. Naturparkführerin Michaela Köhler beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema. Sie sieht auch spannende Anregungen in den alten Überlieferungen.

Die Raunächte sind in der Kultur durchaus noch verankert. Die verschiedenen Facetten dazu hat Autorin Sigrid Früh zusammengetragen. Bei ihr schlägt Michaela Köhler (Foto) das eine oder andere Beispiel aus Märchen oder Brauchtum nach. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

GROSSERLACH/MURRHARDT. Michaela Köhler streut etwas von ihrer Kräutermischung auf ein Stövchen, unter dem eine Kerze brennt. Der unaufdringliche, wohltuende Duft entfaltet sich in ihrer gemütlichen, kleinen Wohnküche. „Ich verwende in der Regel sieben Kräuter, Rosmarin, weißen Salbei, Thymian, Duftrosenblätter, Lavendel, Wermut oder Beifuß und Alant“, sagt sie. Eine der Gewohnheiten, die sie nun in der Zeit der Raunächte pflegt. Den Keim für die Beschäftigung mit der Natur, der Region und letztlich auch Aspekten wie den Raunächten haben ihre Eltern gelegt, als sie in Michaela Köhlers Kindertagen aus Stuttgart hierhergekommen sind, um Urlaub zu machen. Später, als sie selbst schon länger im Schwäbischen Wald lebte, hat Michaela Köhler sich dann intensiver mit der regionalen Geschichte Großerlachs befasst. „Mit dem Barbarenland jenseits der römischen Herrschaft“, sagt sie mit einem Lächeln. Das ist im Zusammenhang mit den Raunächten deshalb von Bedeutung, weil für die Naturparkführerin vieles der alten Bräuche bei den Kelten ihren Ursprung hat. „Hier in dieser Region haben Helvetier gelebt.“ Die Zeitrechnung ist eine andere, das Jahr wird in vier Sonnen- und Mondfeste unterteilt. Die Logik solch eines Mondjahres werde später vom gregorianischen Kalender abgelöst. Insofern müsse einem bewusst sein, dass die Raunächte eigentlich zwei unterschiedliche Bezugssysteme hätten und deshalb manche Verortung nicht immer ganz exakt sei. „Nach keltischer Lesart erstrecken sich die Raunächte vom 21. Dezember bis zum 1./2. Januar, andere setzen die Spanne vom 24./25. Dezember bis zum 6. Januar an, was eher der christlichen Tradition entspricht“, sagt sie.

In den Raunächten ist Zeit, sich zu besinnen und Bilanz zu ziehen

Das zentrale Thema der Raunächte ist der Wechsel in ein neues Jahr, den man ähnlich dem Altjahrabend eines Kirchenjahrs handhaben kann. „Man blickt zurück, nimmt sich Zeit zur Besinnung. Das ist die Voraussetzung dafür, wirklich neu zu beginnen.“ Im Grunde geht es auch um eine persönliche Bilanz und Bewertung, was gut und was nicht so gelaufen ist. In abgewandelter, allgemeinerer Form begegnet uns dies in den vielen Arten von Jahresrückblicken. „Man muss das natürlich nicht in den Raunächten machen, eine andere Möglichkeit ist, den persönlichen Geburtstag dazu zu nutzen.“ Ebenso die Wegkreuzung beziehungsweise Wegkreuze, an denen man verweilen kann, stehen als Symbol dafür und laden zu einem Innehalten ein. Geht es doch darum, den richtigen Abzweig (im weiteren Leben) zu nehmen. Ein spezifisch regionaler Brauch im Zusammenhang mit den Raunächten sind die Perchtenläufe – Umzüge dämonischer Gestalten, die einen an die alemannische Fasnet erinnern – im süddeutschen Raum mit alpenländischer Tradition. Michaela Köhler zeigt das Bild einer kunstvoll gestalteten Maske. Auf der einen Seite blickt einen eine alte, auf der anderen eine junge Frau an. Ähnlich einer janusköpfigen Figur lässt sie nicht nur beides zu, sondern das eine scheint Bedingung für das andere: Der Blick in die Vergangenheit ist mit dem in die Zukunft verbunden. Es gibt auch Aspekte, die sich mit Disziplinierung verknüpfen lassen: „Die Maskierten sollen bei ihren Läufen diejenigen gezwickt haben, die nicht in der Kirche waren“, erzählt Michaela Köhler.

Wenn man beim Namen Percht bleibt, ergibt sich ein weiteres Assoziationsfeld: Die Sagengestalt Perchta entspricht in Mitteldeutschland der Frau Holle, die man aus der Märchenwelt kennt. „Sie ist für alle Pflanzen zuständig, klopft Bäume wach, rüttelt an den Bienenkörben“, sagt Michaela Köhler. Frau Holle könnte auch als Gottheit oder Mutter Erde gesehen werden: Kinder werden (bei der Geburt) unter dem mit ihr verbundenen Holunderbusch gelegt, Tote finden dort ins sogenannte Hollenreich. Im Märchen sind die Symbole und Themen Leben, Sterben, Alt, Neu und Natur eng miteinander verwoben. „Ich finde die Idee aus den Geschichten faszinierend, dass in dieser Zeit die Dieswelt und die Anderswelt, wie sie manchmal bezeichnet werden, näher zusammenrücken beziehungsweise die Wand zwischen ihnen fällt.“

Nicht immer ist die Schwelle auf dem Weg in eine neue, ungewisse Zukunft angenehm, ist sie doch mit einer Art Schwebezustand vergleichbar. Das Alte ist noch nicht abgeschlossen, das Neue hat noch nicht begonnen. Insofern spielt möglicherweise auch der Wunsch eine Rolle, gewisse Vorhersagen treffen zu können. Michaela Köhler kennt beispielsweise den alten Brauch, dass ledige Frauen die Namen möglicher Kandidaten auf Zettel geschrieben haben, aus denen später einer blind gezogen wurde.

Raunächte werden für Vorhersagen und Orakel genutzt

Ebenso standen die zwölf Raunächte für jeweils einen Monat im Jahr, mit denen Landwirte die Entwicklung und das Wetter ablesen wollten. Mit der Christianisierung und einem strengen Glauben wurde manches auch umgedeutet und dämonisiert, sagt Michaela Köhler. Der Schritt zum Aberglauben ist nicht mehr weit. Jemand, der verschiedene Facetten in dieser Hinsicht zusammengetragen hat, ist die Autorin Sigrid Früh. Ihr kleines Büchlein „Rauhnächte – Märchen, Brauchtum, Aberglaube“ benutzt Michaela Köhler gerne als Nachschlagewerk.

Was sich in der einen oder anderen Variante gehalten hat: Die Idee, dass es gut ist, bis zum Ende der Raunächte alle ausgeliehenen Dinge den Besitzern zurückzugeben, alle Rechnungen und Schulden zu begleichen, das Haus oder den Schreibtisch aufzuräumen und eine wichtige Aussprache mit Menschen zu führen, die einem am Herzen liegen.

Wie dies im Detail für jeden auch genau aussehen mag, Michaela Köhler findet jedenfalls nichts Verwerfliches daran, die Raunächte zu nutzen, um innezuhalten, das Geschehene und vielleicht Erreichte Revue passieren zu lassen und sich neue Ziele zu stecken. „Das haben die Kelten vermutlich auch gemacht. Und ich stell mir dann vor, wie sie in ihren Langhäuschen saßen, geräuchert haben, was damals einfach auch ein Mittel zur Desinfektion war“, und im übertragenen Sinne gute Geister angelockt und böse vertrieben haben. Für Michaela Köhler trägt der Grundgedanke immer noch. Wenn man die Lebenszeit, die man geschenkt bekommt, schätze, sei es nicht falsch, sich zu überlegen, was man noch an Plänen verwirklichen wolle. „Das, was nicht in meiner Hand liegt, muss ich sowieso akzeptieren.“