Der „Rattenfänger“ ist sein Schicksalsbrunnen

Karl Ulrich Nuss feiert am 17. Januar 75. Geburtstag – Ein überaus produktiver Bildhauer gibt Einblicke in seine Arbeits- und Lebenswelten

„Ich bin ein alter Strümpfelbächer – mit dem Makel, hier nicht geboren zu sein und keine Wurzeln zu haben“, sagt Karl Ulrich Nuss, Ehrenprofessor des Landes Baden-Württemberg, mit einem Lächeln. Der weit über die Strümpfelbacher Grenzen hinaus angesehene Bildhauer feiert am 17. Januar seinen 75. Geburtstag. Als seine Eltern nach Weinstadt-Strümpfelbach zogen, war er gerade mal drei Monate alt. Die meiste Zeit seines Lebens wohnte und arbeitete er in der Kommune mit den vielen schönen Fachwerkhäusern.

Seit 1970 arbeitet Karl Ulrich Nuss als freischaffender Bildhauer in Strümpfelbach. Knapp 30 Jahre hatte er dort eine Ateliergemeinschaft mit seinem Vater Fritz Nuss. Fotos: I. Knack

Von Ingrid Knack

WEINSTADT. Über mangelnden Besuch kann sich Karl Ulrich Nuss nicht beklagen. Strümpfelbach ist ein Topausflugsziel für Kunstinteressierte. Ein Muss ist der Skulpturenpfad in den Strümpfelbacher Weinbergen mit Arbeiten aus Bronze und Stein. Bildhauerische Positionen von Künstlern aus drei Generationen, die alle zur Familie Nuss gehören: Neben Bronzearbeiten des bald 75-Jährigen gibt es Bronzeskulpturen von seinem Vater Fritz Nuss (1907 bis 1999) zu sehen. Christoph Traub, ein Enkel von Fritz Nuss und ein Neffe von Karl Ulrich Nuss, zeigt Steinskulpturen. Auch Felix Engelhardt ist vertreten, ebenfalls ein Neffe von Karl Ulrich Nuss. „Der Skulpturenpfad ist 2001 aus einer Art Platznot entstanden“, sagt Nuss schmunzelnd.

An manchen Tagen lädt Nuss zu bis zu drei Führungen in sein privates Areal ein, um die 100 sind es jedes Jahr. Die Kunstreisenden werden auf dem Skulpturenpfad, in Atelier-, (einstigen) Wohn- und Lagerräumen sowie auf dem privaten Freigelände in einen zuweilen an den Millesgården bei Stockholm erinnernden Kunstraum mit Groß- und Kleinplastiken mitgenommen, der von sinnlichen, mythologisch besetzten, mitunter bizarren Figuren bevölkert ist. So wie einige Figurengruppen von Karl Ulrich Nuss miteinander verschmelzen, scheinen auch Natur und Kunst eine Verbindung einzugehen. Ein Ausnahmeort ist dort entstanden, an dem es sympathisch entspannt zugeht. Stets mit dabei ist die quirlige Parson-Russell-Hündin Ella.

Nuss ist keiner, der über seine Kunst doziert. „Jeder sieht das, was er weiß“, entgegnet er auf einen Interpretationswunsch, der unerfüllt bleibt. Seine Werke seien für eine halbe Ewigkeit fixiert, er selbst dagegen stünde über kurz oder lang nicht in der Nähe, um sie zu erklären. Andererseits meint er: „Ich bin kein allzu kopfiger Typ.“ Karl Ulrich Nuss wird oft als sehr gesellig beschrieben, als hervorragender Gastgeber, Unterhalter und leidenschaftlicher Koch.

Wenn der Bildhauer Picasso zitiert, bekommen die Worte in besonderer Weise einen persönlichen Bezug: „Man gebe mir ein Museum und ich fülle es.“ Haben die Besucher dann noch die „Arche“-Halle und den Gewölbekeller im Ort gesehen, die ganz und gar von der Kunst besetzt wurden, ist vollends klar, was der Künstler mit diesem Zitat meint. „Mein Vater hat mir immer vorgeworfen, ich sei zu schnell mit der Arbeit. Da wo ich aufhöre, würde er anfangen“, erzählt Nuss. „Wenn ich mich zu lange damit auseinandersetze, wird sie nicht besser“, ist jedoch seine Erkenntnis.

Betrachtet man außerdem das Museum Sammlung Nuss mit Malerei und Plastik aus dem Südwesten in Zusammenhang mit der Bildhauerdynastie Nuss, wundert man sich nicht mehr, dass Strümpfelbach schon als „Nuss“-Dorf bezeichnet wurde.

Ach ja, auf dem Skulpturenpfad begegnet einem auch Frau Nuss. „Dort war ein Nussbaum gestanden“, erklärt der Bildhauer. Nun ist es der Platz der Nussfrau mit den im Haar verarbeiteten echten Nüssen und der Pflanze in den Händen. Ob da doch noch ein neuer Nussbaum wächst? „Ich bin ein Spieler“, kommentiert Nuss. Das Resultat dieser Herangehensweise kann auch eine von Skulpturenpfad-Besuchern viel beäugte, von Apollo verfolgte Daphne sein, die sich in einen Lorbeerbaum verwandelt – was die nach oben gereckten, in Zweigen übergehenden Arme anzeigen. In jüngster Zeit beschäftigt sich Nuss mit skurrilen Mischwesen, die etwa als Schlangen- oder Storchenfrau daherkommen.

Die Außenseiter

und die Unangepassten

Die Geschöpfe gehören offensichtlich zum Stamme der Außenseiter und Unangepassten. Wer sich schon mit der ägyptischen und griechischen Mythologie, Science-Fiction und Mischwesen anderer Künstler auseinandergesetzt hat, wird sich sicher gerne in diese Welten mitnehmen lassen. Doch das Gegenteil kann ebenso der Fall sein. Und da muss der Erfahrungshintergrund nicht einmal eine so große Rolle spielen. Man denke nur an Genmanipulationen... Karl Ulrich Nuss scheint neben seinem humoristischen und ungeschönten, aber nicht karikierenden Blick auf menschliche Wesen eine Art anarchische Lust am Schrägen auszuleben – bei vielen Skulpturen merkt man erst beim näheren Hinsehen, dass da eine Figur eine Haltung annimmt, die ganz gegen die Natur ist. Oder ein Hinterteil befindet sich dort, wo man den Bauch sucht. Zudem gibt es pikante Paarkonstellationen. Ganz anders wiederum die stark abstrahierten Skulpturen und die Arbeiten, in denen Zeichnung, Relief und Plastik kombiniert werden. Nuss hat außerdem ein feines Gespür für Situationen, was er immer wieder in Kombinationen mit einem realen oder bildnerisch geschaffenen Umfeld ausdrückt. Das Thema Figur ist für ihn noch lange nicht ausgereizt. In letzter Zeit richtete er sein Augenmerk beispielsweise auf die Alternden, die Gebrechlichen.

Dass Karl Ulrich Nuss in Strümpfelbach geblieben ist, hängt mit einem Zuschlag bei einem Wettbewerb im Jahr 1969 für die Stadt Hameln zusammen. Unter 150 Teilnehmern hatte er den zweiten Preis gewonnen und sollte sogar den Rattenfänger-Brunnen gestalten. Damals war er noch in Berlin Student. „Nachdem der Auftrag ins Haus stand, war das väterliche Atelier der einzige Platz, an dem ich es ausführen konnte. Der ,Rattenfänger’ ist mein Schicksalsbrunnen. Der hat mich hierher geführt.“ Knapp 30 Jahre unterhielt er mit seinem Vater eine Ateliergemeinschaft. Von seinen zahlreichen Arbeiten im öffentlichen Raum ist der Rattenfänger-Brunnen die berühmteste.

Von der Begeisterung für Plastiken und Malerei anderer Künstler ließ er sich von seinem Vater anstecken. Dessen Sammlung erweitert er bis heute und hat ihr vor 22 Jahren ein eigenes Museum in einem alten Wengerterhaus gewidmet, das er 1980 vor dem Abriss rettete. Das Gebäude überließ er der seit zehn Jahren bestehenden Kunststiftung Nuss.

Am Mittwoch gibt es einen Empfang bei der Stadt. Nuss ist Ehrenbürger.