Angst vor der Schweinepest geht um

Tierseuche breitet sich von Osteuropa her aus – Jagd auf Schwarzkittel wird forciert – Behörde kontrolliert Schutzvorkehrungen

Der Landkreis zeigt sich gerüstet: Um einem möglichen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest zu begegnen, haben die Behörden Vorkehrungen getroffen. Die Jagd auf Wildschweine wurde forciert, Schutzmaßnahmen der Schweinehalter wurden überprüft und ein Blutproben-Monitoring installiert. Auch Verwahrstellen für tot aufgefundenes Schwarzwild wurden eingerichtet.

Robust, gefräßig, vermehrungsfreudig: Das Wildschwein bereitet Sorge. Aus Osteuropa könnten Schwarzkittel die Afrikanische Schweinepest mitbringen. Foto: W. Rolfes/Deutscher Jagdverband

Von Armin Fechter

BACKNANG. Dass die Seuche, die schon seit Längerem in Osteuropa grassiert, inzwischen auch in EU-Ländern angekommen und jüngst sogar nur 300 Kilometer jenseits der deutschen Grenze ausgebrochen ist, hat die Alarmglocken schrillen lassen: Die Gefahr, dass sich die Schweinepest noch weiter nach Westen ausbreitet, wächst zusehends.

Bislang sind zumeist nur Wildschweine von dem Virus befallen. Die legen aber weite Wege zurück und machen nicht an Landesgrenzen Halt. Zudem wächst das Risiko, dass die Erreger von Reisenden oder auf Transportwegen verschleppt werden – und dass die Krankheit dann auch auf Hausschweine in Mastbetrieben überspringt. Das hätte gravierende Folgen für die Schweinehalter: Wie die Pressesprecherin des Landratsamts, Sandra Weiss, erklärt, müssten alle Tiere in betroffenen Betrieben getötet werden, um die Weiterverbreitung der Seuche aufzuhalten. Zusätzliche Schutzvorkehrungen müssten ergriffen werden, von den wirtschaftlichen Folgen für die Landwirte ganz abgesehen.

Vor diesem Hintergrund hat das Landratsamt alle Hebel in Bewegung gesetzt, um einem möglichen Ausbruch der Seuche an Rems und Murr zu begegnen. Erster Ansatzpunkt: die verstärkte Jagd auf Schwarzwild mit dem Ziel, die Bestände zu reduzieren, ein Wunsch, den Landwirte schon lange immer wieder vorbringen. Denn Wildschweine richten bei der Nahrungssuche auf Äckern und Wiesen beträchtlichen Schaden an. Das Kreisforstamt bläst deshalb zum Halali auf Sauen: Für den Zeitraum von November bis Ende Januar hat die Behörde rund 20 Drückjagden bis hin zur Vermarktung des Wildbrets organisiert. Dabei wurden die Drückjagden im Staatswald mit den Kreisjägervereinigungen und den Pächtern der privaten Jagdgebiete abgestimmt, um möglichst große Flächen gemeinsam zu bejagen.

Auch das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz hat reagiert. Um die Abschusszahlen zu erhöhen, können Jäger jetzt Taschenlampen und Handscheinwerfer einsetzen. Zudem wird der fahrlässige Abschuss von führenden Bachen bei Drückjagden nicht mehr als Ordnungswidrigkeit geahndet.

Schlaue Tiere, die ihr Verhalten

auf die Jagd eingestellt haben

Die Jagd auf die Schwarzkittel hat es freilich in sich, wie Reiner Eblen, Pressesprecher der Kreisjägervereinigung Backnang, aus eigener Erfahrung weiß. Denn Wildschweine sind schlau und haben sich in ihrem Verhalten auf die Jagd eingestellt. Wenn sie sich etwa in einen Brombeerschlag verzogen haben, sind sie so gut wie unsichtbar – und dort halten sie dann oft auch bei einer Bewegungsjagd still, bis die Gefahr vorüber ist. Andererseits braucht der Jäger auf dem Ansitz viel Geduld, ehe er einen Schwarzkittel ins Visier nehmen kann – und wenn der Wind plötzlich dreht, sodass das Tier den Menschen wittert, ist das Ziel sofort weg, und alle Mühe war umsonst.

Aber nicht nur das: Die Jäger beobachten auch, dass die Aggressivität der Wildschweine zugenommen hat. Sie werden, so Eblen, „zunehmend aggressiver und wehrhafter sowie standfester“ und greifen immer häufiger Hunde an, die bei Bewegungsjagden eingesetzt werden. Das belegen Zahlen der Hundeversicherung, die der Landesjagdverband im Rahmen eines Gruppenvertrags mit der Gothaer Versicherung abgeschlossen hat. Danach liegen die Fallzahlen laut Dr. Dirk van der Sant, Leiter Gruppengeschäft, zwischen 100 und 150 – mit einer Steigerung von 2016 auf 2017 um 20 Prozent.

Amtliche Zahlen über die Schwarzwildbestände gibt es zwar nicht. Aber allem Anschein nach haben sie in den letzten Jahren zugenommen. Das hat laut Eblen mehrere Ursachen. So kommt den Allesfressern der Klimawandel entgegen: Das ganze Jahr über finden sie Nahrung in Hülle und Fülle – Eicheln, Bucheckern, Kastanien, aber auch Maiskolben, Engerlinge, Blumenzwiebeln und Picknickreste füllen ihre Mägen. Gerade der vermehrte Maisanbau freut die gefräßigen Tiere: In den oftmals weit ausgedehnten Äckern finden sie nicht nur Nahrung, sondern auch Deckung und können sich tagelang ungestört ausleben. Die prächtige Ernährungslage sorgt auch dafür, dass sich die Tiere lustig vermehren. Früher galt, dass eine Bache vom zweiten Lebensjahr an einmal jährlich im Frühling Nachwuchs bekommt. Heute werden schon weibliche Tiere trächtig, die nicht einmal ein Jahr alt sind. Und sie können zweimal im Jahr Frischlinge bekommen. Eine Rotte kann sich so nach Expertenaussagen binnen eines Jahres problemlos verdreifachen.

Eblen ist deshalb überzeugt, dass man an verschiedenen Ecken ansetzen muss, will man der Wildschweinplage Herr werden und die Seuchengefahr bannen. Insbesondere deutet er auf die Landwirtschaft: Der Maisanbau, der zu einem großen Teil gar nicht der Lebensmittelerzeugung dient, sondern der Energiegewinnung in Biogasanlagen, sollte seiner Meinung nach zurückgefahren werden. Statt Mais könne man auch Elefantengras als Energiepflanze anbauen – dort finden die Tiere zwar auch Sichtschutz, aber als Futter taugt es ihnen nicht.

Die Zahl der erlegten Wildschweine schwankt. Im Jagdjahr 2014/2015 wurden laut Landratsamt kreisweit 1435, im Folgejahr sogar 2032, im Jagdjahr 2016/2017 hingegen 1479 Wildschweine erlegt. Der Blick der Behörden richtet sich aber nicht nur auf die Jagd, sondern auch auf die Landwirtschaft. Schweinehalter müssen laut Landratsamt in ihren Betrieben zur Vorbeugung gegen das Einschleppen von Tierseuchen besondere Hygieneregeln beachten. Konkret: Beim Betreten der Ställe müssen Tierhalter eine Hygieneschleuse benutzen, und auch Besucher müssen die Kleidung wechseln. Futter und Einstreu müssen wildschweinsicher gelagert und Schadnager wie Ratten regelmäßig bekämpft werden. Betreiber von Freiland- und Auslaufhaltungen müssen durch einen doppelten Zaun den Kontakt zwischen Wild- und Hausschweinen ausschließen. Die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen: von 339 im Jahr 2000 auf nunmehr 100. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Tiere gesunken: von 23000 auf 11000.

Veterinäramt nimmt

regelmäßig Blutproben

Das Veterinäramt nimmt zur Kontrolle regelmäßig Blutproben von Schweinen und Wildschweinen. In Freiland- und Auslaufhaltungen im Kreis waren es im vergangenen Jahr 41 Blutproben. Im Rahmen der Jagd und bei verendet aufgefundenen Tieren wurden 2017 insgesamt 96 Blutproben entnommen.

Zur sachgerechten Beseitigung tot aufgefundenen Schwarzwildes gibt es Wildsammelstellen. Im Bereich der Kreisjägervereinigung Backnang wird der gemeinsame Bauhof Sulzbach/Murrhardt genutzt. Zusätzlich wurden Standorte in Weissach im Tal und Aspach für sinnvoll erachtet. Dafür wurden aus Landesmitteln Kühleinrichtungen und an allen drei Standorten Rollcontainer beschafft. Die Fertigstellung steht witterungsbedingt jedoch noch aus. Alle Wildschweine, die unfall- oder krankheitsbedingt verenden, sollen an diese Stellen gebracht werden. Dort werden dann auch Proben genommen. Wildschweine, die typische Krankheitserscheinungen zeigen, sind unverzüglich dem Veterinäramt zu melden.