Für die einen die Hölle, für die anderen das Paradies

Kindheit auf dem Bauernhof – Nachkommen waren unersetzliche Arbeitskräfte in Haus und Hof, hatten aber auch viele Möglichkeiten und Freiheiten

Kinder waren früher auf einem Bauernhof auf der einen Seite unersetzliche Arbeitskräfte und mussten fleißig mithelfen, auf der anderen Seite hatten sie Freiheiten und Möglichkeiten, von denen Stadtkinder nur träumen konnten. Und wie denken Erwachsene heute darüber? Die Unterschiede in der Wahrnehmung sind mit einigen Jahren Abstand gewaltig: Für die einen war die Kindheit auf dem Bauernhof die Hölle, für die anderen das Paradies.

Glückliche Kindheit in der Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Tom Gruber will den schweren Anhänger an seinen Traktor hängen. Janina Kugler reitet auf ihrem Holzpferd – inklusive Sattel – und darf sich fühlen wie in Bullerbü. Fotos: U. Gruber/privat

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Dass er nie Bauer werden wollte, war für Stefan Kübler (Name geändert) schon immer klar. Im Stall des kleinen Zuerwerbsbetriebes seiner Eltern am Rande der Backnanger Bucht standen 20 Stückle Vieh, 15 bis 20 Mastschweine, dazu 25 Hühner. Neben Streuobstwiesen wurden allerlei Feldfrüchte angebaut.

Was sich von außen nach Bauernhofidylle anhört, war dem heute 50-Jährigen als Kind ein Gräuel. Zwar gab es in den 70er-Jahren durchaus schon viele landwirtschaftliche Maschinen, die man sich aber als Kleinbetrieb nicht leisten konnte. So war das meiste Handarbeit: das Melken der sieben Kühe, das Unkrauthacken, die Obst-, Kartoffel- und Rübenernte, das Heuen, das Mistausbringen, Brennholzsägen – immer wurden die beiden Buben gebraucht. „Wenn meine Schulkameraden im Hochsommer ins Bad gingen, mussten wir in der Hitze Heu zusammenrechen“, erinnert sich der Bauernsohn – mit der Hand am Arm. Oder Kartoffeln klauben statt Fußball spielen. Einen gewissen Spaßfaktor hatte dagegen das „Angerschen-Kicken“: Die schweren, überirdisch wachsenden Futterrüben wurden zur Ernte mit einem herzhaften Fußtritt umgelegt. Allerdings hatte man seinerzeit noch keine Stahlkappen in den Gummistiefeln und „irgendwann taten dann die Zehen weh“.

Auf dem vollen Heuwagen stolz durchs Dorf nach Hause gefahren

Auch das Heruntergabeln des trockenen Heus vom Wagen auf den Häcksler war nicht vergnügungssteuerpflichtig, wenn der Heustaub mitsamt der heißen Luft unter dem Scheunendach wieder herunterkam und sich auf schwitzende Haut und keuchende Lungen legte: „Ich hatte jeden Sommer Heufieber“ – was nichts mit Leidenschaft zu tun hat – „und mein Bruder bekam Asthma.“

Freilich gab es auch schöne Momente, etwa wenn man nach erledigter Arbeit stolz ganz oben auf dem vollen Heuwagen durchs Dorf nach Hause fuhr oder wenn der Vater sonntags den Jungen zum Baden mitnahm, am besten hintendrauf auf dem Moped. Oder der Besuch des landwirtschaftlichen Hauptfestes, inklusive Bratwurst mit Salat.

Entwürdigend empfand Stefan besonders, dass er häufig dem Vater als Handlanger dienen musste, zum Beispiel beim täglichen Futterholen: „Da fuhr dann mein Vater mit dem Schlepper voraus und ich musste zu Fuß hinterherlaufen und den gemähten Klee beiseiterechen. Das hat mich immer gewurmt.“ Heute hat er mehr Verständnis für den Älteren, denn er weiß, dass jener selbst unfreiwillig Bauer wurde, nachdem sein älterer Bruder mit einem Holzfuß aus dem Weltkrieg zurückgekommen war.

Für jene Kriegsgeneration war die eigene Scholle ein hohes Gut, hatte man doch erlebt, wie reiche Stadtmenschen angebettelt kamen und Gold gegen Getreide tauschten. Im altwürttembergischen Realteilungsgebiet, wo der Grundbesitz seit Generationen gerecht unter allen, eventuell zahlreichen Nachkommen aufgeteilt wurde, waren Kinder wie Altenteiler mangels Personal als Arbeitskraft unersetzlich – nicht aus Prinzip, sondern aus Notwendigkeit. „Über unseren Vater haben sie immer gesagt: ‚Der schafft seinen Hof mit seinen sechs Kindern‘“, erzählt eine 76-jährige Bäuerin, die aus Lautern bei Sulzbach stammt. Futterkartoffeln kochen für die Schweine, Getreide schroten, Rinde klopfen für die Gerberei, Futterrüben mahlen, das Pferd führen beim Pflügen, Steine vom Acker ablesen waren noch in der Nachkriegszeit mehr oder weniger beliebte und übliche Kinderaufgaben nach der Schule, und „tagsüber ins Weiler schwanzen, das gab’s bei unserm Vater nicht“. Diese Haltung prägt bis heute ihr Leben als Altenteiler. Trotzdem hatte man auch damals Zeit zum gemeinsamen Baden im Bach und abendlichen Singen auf dem Bänkle vorm Haus, inklusive Ziehharmonika. Das jährliche Schützenfest nicht zu vergessen. Die Illegalität von Kinderarbeit war nie ein Thema.

Geschickte Eltern halten ihre Bauernkinder heute bei der Stange, indem sie ihnen neben der täglichen Arbeit Privilegien einräumen: Lukas Kugler (6) aus Grab darf öfter bei Papa auf dem Schoß den Schlepper lenken und ist dabei stolz wie Oskar: „Ich kann Bulldog fahren!“ Damit ist er auch in der Schule der King. Allerdings „will er jetzt schon ans Gaspedal“, seufzt sein Vater. Berufswunsch ist für Lukas, der in Stall und Feld überall gern dabei ist, neben Bauer und Fußballstar derzeit Häckslerfahrer: Je größer das Gefährt, umso besser.

Unerschöpfliche Möglichkeit, sich selbst und die Umwelt zu entdecken

Für Mama Yvonne bietet der Hof den Kindern unerschöpfliche Möglichkeiten, sich selbst und die Umwelt zu entdecken, zum Beispiel physikalische Gesetze – etwa: Wie weit spritzt der Schlamm, wenn man mit welcher Geschwindigkeit durch das Riesenmatschloch hinter dem Schuppen fährt? Die Erzieherin in Familienpause möchte ihren und anderen Kindern gern eine Astrid-Lindgren-Kindheit ermöglichen, „so wie ich sie dank unserer Nachbarin in Liemersbach erleben durfte“. Bullerbü in Grab.

Die anderen Eltern im Ort hätten inzwischen auch akzeptiert, dass der glückliche Nachwuchs anschließend nach Kuh stinke und dreckig sei. Neben einer strikten Kleidertrennung – Schul-kleider versus Stallgewand – empfiehlt sich da gelegentlich eine Entseuchung und Entwesung.

Wichtig ist ihr auch, dass die eigenen Tiere zuverlässig versorgt werden: Für seinen Hasen Pepper ist Lukas alleine verantwortlich. Bei kundigen Chefs sind Bauernkinder mithin beliebte Arbeitnehmer: geschickt, pflichtbewusst und zuverlässig. Lukas’ Schwesterchen Janina (4) wird sich noch gedulden müssen, denn ihr Tierwunsch ist ein Pferd. Einstweilen reitet sie daher auf ihren Holzpferd Sternenstaub – mehr Staub als Stern.

Für Magdalena Gruber (23) ist dieser Traum seit 13 Jahren Wirklichkeit. Inzwischen ist die angehende Landwirtschaftsmeisterin nicht nur für ihre Pferde verantwortlich, sondern bereitet sich auch auf die Übernahme des Milchviehbetriebes vor. „Meine Kindheit als Bauernkind? Das war das Beste, was ich mir überhaupt vorstellen kann“, schwärmt sie. „Wir konnten ja alles machen: Lägerle bauen, auf Bäume klettern, Kälbchen und Kätzchen zähmen, Feuer machen, Moped fahren.“ Man sei am Kuhschwanz durch den Stall gesurft und im überdimensionalen Schlepperschlauch durch den Schnee gerodelt. Für Tiere und Gefahren habe man gleichermaßen ein intuitives Gespür entwickelt.

Am Kuhschwanz quer

durch den Stall gesurft

Schon zu Jugendzeiten ihres Vaters in den 70ern „hatte jeder sein Mopedle“, wie Onkel André (49) erzählt. „Aber keiner Tüv oder Führerschein.“ Zur Mittagsschule musste man mit dem Rad, denn der Schulbus fuhr nur vormittags. Ätzend war der Rückweg mit 200 Höhenmetern Unterschied. Kumpels hat man vor Ort, heute hält man den Kontakt zu Freunden per WhatsApp. „In der Hauptschule war ich als Bauernkind eh der Außenseiter“, bekennt Magdalena heute.

Im Winter baute der Vater damals für alle einen mit dem Holderschlepper improvisierten Skilift an den großen Abhang hinterm Haus, im Sommer lagerte „das ganze Oberamt vorne am See“. Bis dort ein unbeaufsichtigter Junge ertrank.

Kehrseite der Medaille war und ist die Mithilfe im Betrieb. André: „Jeder hat da sein G’schäft. Die Kleinen müssen den Kälbern Heu aufstecken und einstreuen, ein Älterer kann den Hummel misten.“ Der tonnenschwere Zuchtbulle hat seine Privatbox im großen Laufstall der Milchkühe. Für Magdalena war das okay: „Da hast du dir deine Freizeit auch verdient: Gemeinsam eine Baumwiese rechen, dann guten Gewissens im Bach baden.“

Magdalenas Bruder Tom (19) aber war die Gratwanderung zwischen Pflicht und Spaß zu viel, er ist erleichtert, dass seine Schwester den Betrieb weiterführen will: „Es gibt keinen schöneren Platz, um zu wohnen, als hier. Aber es ist verdammt viel Verantwortung, so einen landwirtschaftlichen Betrieb am Laufen zu halten.“ Noch dazu eine schlecht bezahlte, wie die Jungbäuerin durch ihre Betriebsanalyse derzeit feststellt.

Wenn die Last der Verantwortung zu groß wird, dann holt sich Magdalena nach Feierabend ihr Pferd von der Koppel, schwingt sich auf dessen blanken Rücken und galoppiert sich die Sorgen von der Seele.