Schweißtreibende Suche nach Wildschwein und Co.

Eine Drückjagd mit riesigem Aufwand und wenigen Schüssen am Rande des Kreisgebiets

Zu seiner 18. und letzten Drückjagd hat Michael Kimmich eingeladen. Sein kleines Revier liegt in nächster Nähe zum Golfplatz Marhördt. Viele der Schützen und Treiber kommen aus dem Rems-Murr-Kreis, drunter auch Reiner Eblen, Sprecher der Kreisjägervereinigung Backnang. Ein Ziel ist es, Wildschweine zu erlegen, auch wegen der Angst vor der Schweinepest. Dass die Jagd nicht einfach ist, zeigt sich an diesem Tag.

Von Florian Muhl

 

BACKNANG/OBERROT. Es ist kalt. Der Nebel verzieht sich nur langsam. Zum Glück regnet es nicht. Vor knapp zwei Stunden haben wir unseren Stand eingenommen, Reiner Eblen und der Berichterstatter. Es ist kein Hochsitz, sondern ein sogenannter Bodenstand. Die anderen Schützen sind einzeln im ganzen Revier verteilt. Die Uhr zeigt kurz nach elf. Um 12.30 Uhr ist das offizielle Ende der Jagd. Fast noch anderthalb Stunden. So lange heißt es: keine lauten Geräusche machen, wenn überhaupt notwendig nur flüsternd unterhalten, kaum bewegen und den Stand auf keinen Fall verlassen.

Eblen steht mit dem Gewehr im Arm auf einer etwa ein Quadratmeter großen Holzplatte, die waagerecht auf einem Baumstumpf montiert ist. Darauf hat er eine Lodenfilz-Decke gelegt, dass die Kälte nicht zu ihm hochsteigt. Er trägt eine signalfarbene Warnweste, wie sie bei einer Drückjagd Vorschrift ist – für jeden Schützen und jeden Treiber. Selbst die Hunde tragen heute eine kräftig leuchtende Jacke. Das Wild erkennt diese Farben nicht als Warnsignal. Die Tiere können nur Kontraste erkennen.

Es ist still um uns rum. Wir hören in einiger Entfernung den Verkehr auf der Landesstraße. Kurz nach 9 Uhr unterbrach ein lauter Knall die Ruhe im Wald. Der erste Schuss. Wenig später: Hundegebell. Wiederum eine halbe Stunde später die ersten menschlichen Stimmen, noch weit entfernt. Treiber, die laut „hei hei hei“ und „hei-oohhh“ rufen. Dann wieder ein Schuss. Der Hall wandert durchs ganze Tal, von links nach rechts.

Wir sehen nichts. Tote Hose.

Weder Fuchs noch Has.

Und Wildschwein schon gar nicht.

 

Unser Bodenstand in Hanglage ermöglicht einen Panoramablick, der rund 100 Meter weit reicht. Weiter unten verläuft ein Weg. Dahinter wird der Wald so dicht, dass man nicht mehr hineinsieht. Eblen versucht, jede nur kleinste Bewegung auszumachen. Ist da gerade ein Bäumchen ins Schwanken geraten? Hat nicht eben ein Ästlein gezittert? Nein. Nichts. Tote Hose. Weder Fuchs noch Has. Und Wildschwein schon gar nicht. Als ob die Tiere des Walds riechen würden, dass heute die Zeitung zu Gast ist.

Mir kommt der Vergleich zu Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“ in den Sinn. Da warten zwei Landstreicher an einem kahlen Baum auf eine Person, die sie gar nicht kennen, von der sie nichts Genaues wissen. Das Warten auf Godot ist vergeblich, bis zum Ende erscheint er nicht. Der Titel ist inzwischen zur Redewendung geworden. Er drückt den Zwang zu langem, sinnlosem und vergeblichem Warten aus.

Dabei hat die Drückjagd heute Morgen so verheißungsvoll begonnen. 8 Uhr ists, als immer mehr geländegängige Autos vor dem Gasthof Wasserrad an der L1050 eintreffen. Insgesamt sind es 35 Schützen, von denen 10 ihren Hund mitgebracht haben, und 20 Treiber, die Michael Kimmich begrüßt. „Heute ist die definitiv letzte Drückjagd unter meiner Regie als Pächter“, sagt der Jagdherr, der von allen Michl genannt wird. 169 Hektar umfasst sein Revier, 130 davon sind Wald. Vor 18 Jahren hat er es vom Landkreis Schwäbisch Hall erstmals gepachtet, vor neun Jahren ein zweites Mal. Ein dritte Pacht ist nicht erlaubt. Nach 18 Jahren muss die Jagd neu verlost werden.

Es ist die 18. Drückjagd, die der technische Kaufmann aus Leinfelden-Echterdingen organisiert hat. Der 50-Jährige kommt in seiner Ansprache auch auf das derzeit heiß diskutierte Wildschweinproblem zu sprechen, die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest (wir berichteten): „Der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands, Werner Schwarz, hat gesagt, wir sollen 70 Prozent des Schwarzwilds erlegen. Das machen wir heute gschwind.“ Michl erntet Gelächter, das er selbst provoziert hat. Denn jedem der erfahrenen Jäger hier ist klar, dass das mit den Wildschweinen nicht so gschwind zu erledigen ist.

Dann wird der Ton des Jagdherrn ein wenig ernster: „Spaß beiseite. Anstatt uns richtige Werkzeuge in die Hand zu geben, haben sie uns jetzt erlaubt, mit irgendwelchen Taschenlampen im Wald rumzufunzeln. Ihr wisst das alle: Das ist einfach nur lächerlich. Es ist schon merkwürdig, wenn Leute, die keinen jagdlichen Hintergrund und keine Ahnung haben, uns vorschreiben wollen und Vorschläge machen, wie wir das Schwarzwild besser reduzieren können. Warum werden wir Jäger da nicht gefragt, wie wir das machen könnten?“ Michl nennt Beispiele (siehe Infokasten „Forderungen der Jäger“). „Wenn es in Zukunft darum geht, Schwarzwild effektiv zu bejagen, dann heißt es bei den Genehmigungen: Klotzen und nicht Kleckern“, sagt der Jagdpächter. „Schießt beherzt, greift zu, es ist Erntezeit heute“, fordert er seine Kameraden auf, um gleich noch die Sicherheitsbelehrungen nachzuschieben. „Es wird nicht in Richtung von Treibern geschossen, und auch nicht auf Wild, das von Hunden verfolgt wird.“ Auf den sicheren Kugelfang weist er ganz besonders hin, das ist nur der gewachsene Boden. „Den Stand nicht verlassen, es sei denn, man schießt früh, Stück liegt in Sichtweite, dann gleich versorgen.“ In diesem Fall soll das Gewehr auf dem Sitz bleiben und aufgemacht werden. Michl wörtlich: „Es stolpert niemand mit dem geladenen Gewehr durch den Wald.“ Es versteht sich von selbst, dass jeder Schütze einen gültigen Jagdschein besitzen muss und dass während der gesamten Jagd ein generelles Alkoholverbot gilt. Und: „Bitte keine Hunde füttern, außer seine eigenen.“

Bevor der Jagdherr die Gruppen einteilt und losschickt, gibt er noch letzte Infos: „Rot- und Damwild ist auf dem Abschussplan, kommt aber eigentlich nie vor. Sauen waren in den letzten Tagen eher nicht da oder nur sehr verhalten, man weiß es aber nie: Ran an den Speck. Rehwild: Die Böcke würde ich eher laufen lassen.“ Dann geht’s los, die Uhr zeigt halb neun. „Wenn ihr auf dem Stand seid: Feuer frei“, verabschiedet uns Michl. Auf der Fahrt dort hin sagt Eblen: „Das ist eine von ganz wenigen Jagden im Rems-Murr-Kreis, die so akribisch vorbereitet werden. Da fehlt keine Information. Sogar die Geländekarte ist eingeschweißt.“ Die letzten 800 Meter gehen wir zu Fuß. Dort, wo wir vom Waldweg in den Wald hinein abbiegen müssen, ist ein Baum mit einer weißen „10“ besprüht.

„Wenn mein Hund nicht gekommen wäre, hätten wir keinen einzigen Vierläufer gesehen.“

 

Die Zeit auf dem Bodenstand ist verstrichen. Nicht wie im Flug, aber doch recht schnell. Wenn man sich über Stunden nicht bewegt, siegt mit der Zeit die Kälte. Eblen hat Wärmepads verteilt. Eine gute Idee war das. Es ist kurz vor halb eins Mir kommt der Godot wieder in den Sinn. Der kam bei Beckett nicht, bis zum Schluss nicht. Und bei uns schaute keine Sau vorbei. Nur eine Gruppe Treiber. Die fragten: „Und?“ Eblen: „Total tote Hose. Aber komplett. Wenn mein Hund nicht gekommen wäre, hätten wir keinen einzigen Vierläufer gesehen.“ Aura, seine zehn Jahre alte Deutsch-Kurzhaar-Hündin, hat tatsächlich während der Jagd die Witterung seines Herrchens aufgenommen, kam zu uns zum Bodenstand angelaufen, hat sich ihr Leckerli abgeholt und verschwand wieder im Unterholz. – Punkt 12.30 Uhr. „Hahn in Ruh“, sagt Eblen. Das hat nichts mit dem Federvieh zu tun, sondern mit der Schusswaffe.

Wir brechen auf und sind auf die Strecke, auf das Ergebnis der Jagd gespannt. Es hat zwar einige Schüsse gegeben, aber im Vergleich zu anderen Jagden sehr wenige, sagt Eblen. Auf der Rückfahrt erklärt er: „Alles, was liegt, gehört dem Jagdherrn. Der Schütze hat auf jeden Fall das kleine Schützenrecht. Das umfasst die essbaren Innereien Herz, Nieren, Leber und den Lecker, die Zunge. Und er hat das Vorkaufsrecht.“ In der Regel sei es aber so: Wenn der Schütze sagt, er will das Wildbret, dann bekommt er’s auch.

Bei der Schwarzwaldhütte herrscht schon reges Treiben. BKZ-Fotograf Alex Becher ist auch da. Schweißgebadet. Denn er war als Treiber unterwegs. Ging Wege, die er bislang für unbegehbar hielt. Mit Fototasche. Hut ab. Michl ist mit der Strecke heute sehr zufrieden. Auch wenn es nur acht Rehe und ein Wildschwein sind. „Wir jagen ja das ganze Jahr aktiv und wir haben schon im November eine Drückjagd gehabt.“

„Am Ende der Jagd ehren wir das Wild, die Strecke wird verblasen, jedes Tier hat sein Signal“, erklärt Eblen. Der Jagdherr überreicht mit Waidmannsheil den Bruch, einen Tannenzweig, an den Schützen. Der steckt ihn sich an seinen Jagdhut und dankt: „Waidmannsdank“.