Mößner lehnt einzelnes Windrad ab

Murrhardter Verwaltung sieht Vorhaben auf dem Zollstock-Springstein kritisch – Investor Wind Energien GmbH hält dagegen

Der Murrhardter Gemeinderat befasst sich in seiner heutigen Sitzung mit dem Bau einer Windenergieanlage am Standort Zollstock-Springstein. Anlass ist, dass die Stadt im Rahmen des Verfahrens zur immissionsschutzrechtlichen Genehmigung aufgefordert ist, Stellung zu den Plänen zu nehmen. Nachdem von zunächst sechs geplanten Windrädern nur noch eines gebaut werden soll, will Bürgermeister Armin Mößner das Projekt nicht mehr unterstützen.

Noch gibt es im Landkreis verhältnismäßig wenige Windräder – nun wird sich zeigen, ob der Zollstock-Springstein bald eine Ausnahme darstellt.Foto: Fotolia/Massimo Cavallo

Von Christine Schick

MURRHARDT. Ende November hat unsere Zeitung darüber berichtet, dass der Bau von Windrädern im Verhältnis zu den ausgewiesenen Vorranggebieten im Rems-Murr-Kreis aus verschiedenen Gründen vergleichsweise übersichtlich ausfällt. An vielen Orten wurden die Planungen wegen Konflikten mit dem Naturschutz oder der Flugsicherung zurückgezogen oder gar nicht erst aufgenommen. Zu den drei laufenden immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren gehört auch das für das Projekt Zollstock-Springstein. Auf dem Gebiet zwischen Murrhardt und Steinbach war ursprünglich ein Windpark mit sechs Anlagen geplant, wobei der Investor, die Wind Energien GmbH, fünf Anlagen aus dem Verfahren genommen hat. Hintergrund waren Bedenken der Deutschen Flugsicherung, die in Affalterbach ein Drehfunkfeuer (englische Abkürzung VOR, Funksignalanlage) betreibt und mögliche Störungen ausschließen will. Für das verbleibende Windrad auf Murrhardter Gemarkung hat sie aber keine Einwände und ihre Zustimmung erteilt.

Die Stadtverwaltung äußert sich in ihrer Vorlage dem Vorhaben gegenüber äußerst kritisch und empfiehlt, das Einvernehmen zu verweigern. Ein zentrales Argument dabei ist, dass man sich für den Standort deshalb ausgesprochen habe, weil dort mehrere Anlagen konzentriert werden könnten und man mit dieser Bündelung einer Verspargelung, sprich Einzelanlagen an vielen verschiedenen Punkten im Naturpark, entgegenwirke. Nun sei aber eine Anlage geplant, was dieser Zielsetzung zuwiderlaufe. „Man muss zwischen dem Eingriff in die Natur und dem Beitrag zur Energiegewinnung abwägen“, sagt Bürgermeister Armin Mößner. Für die Stadt sei die Landschaft auch ein Gut, mit dem sie in Bezug auf den Tourismus und Bauplätze werbe.

Umrüstung des Drehfunkfeuers
ist einer der Knackpunkte

Die Wind Energien GmbH macht wiederum deutlich, dass sie den ursprünglichen Plan, am Standort mehrere Windräder zu realisieren, nicht aufgegeben und dieses Ziel weiterhin vor Augen habe. Nach ihren Informationen plant die Deutsche Flugsicherung in den Jahren 2020/2021 die Modernisierung des Drehfunkfeuers (Umrüstung auf DVOR-Navigation), was den Bau weiterer Windräder ermöglichen könnte. Als Referenzprojekte zum Nachweis der Machbarkeit nennt Geschäftsführer Alexander Wiethüchter zwei Windparks mit insgesamt 13 Windenergieanlagen (Ellwanger Berge und Rechenberg) im Schutzbereich der DVOR-Navigationsanlage Dinkelsbühl, für die das Unternehmen grünes Licht bekommen habe.

Für Bürgermeister Mößner wiederum ist die Umrüstung und Genehmigung seinen Informationen nach aber völlig offen, sodass man nicht mit einer Realisierung rechnen könne, und insofern möglich sei, dass es bei einem Windrad bleibe. In der Vorlage heißt es dazu: „Zu keiner Zeit ist die Verwaltung bei der Prüfung der Zulässigkeit von einer Einzelanlage ausgegangen.“ Und: „Im Planverfahren des Verbands Region Stuttgart wurde im Bereich des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald explizit darauf hingewiesen, dass Standorte, die zur Ausweisung von einer bis maximal zwei Anlagen führen, abzulehnen sind.“

Ein weiteres Thema ist die Frage, welcher Abstand der Anlage zur Wohnbebauung einzuhalten ist. Dazu teilt das Landratsamt mit, dass das Planungsinstrument von 700 Metern nach dem Windenergieerlass weiterhin gelte, da davon auszugehen sei, dass bei dieser Distanz die maßgeblichen Lärmwerte in der Regel eingehalten werden. „Ebenso werden in jedem Genehmigungsverfahren eigene Lärmprognosen gefordert, die die reale Bebauungssituation beziehungsweise -möglichkeiten berücksichtigen.“ Nach den bisher vorgelegten Unterlagen betrage der kürzeste Abstand zu den maßgeblichen Immissionsorten 725 Meter – am Standort Tiefenthal 3 in Auenwald.

Die Stadtverwaltung geht im Papier zur Sitzung ebenso auf Fragen zum Naturschutz und zu den Umsetzungsplänen (Wege/Transport der Anlage) ein. Thematisiert wird, dass am Standort bei der Heuernte verstärkt Rotmilane präsent seien und das Landratsamt dazu mitteile, dass sich Bauern und Betreiber entsprechend abstimmen sollten, um die Tiere zu schützen. Dazu lässt Alexander Wiethhüchter wissen, dass dem nichts entgegenstehe, es aber mittlerweile auch weitere Möglichkeiten gebe, wie Videoüberwachung und einen nachgeschalteten Anlagenstopp.

Unabhängig davon erläutert er zum geplanten Windrad, dass dessen Narbenhöhe durch einen Wechsel des Anlagentyps von 141 auf 159 Meter gestiegen ist: Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG 2017) müsse das Unternehmen beim Bieterverfahren für ein zielführendes Angebot anders kalkulieren, und der neue Typ ermögliche bei der Grundlast eine entsprechend größere Windausbeute. Weiter wird in der Vorlage bemängelt, dass die Baustellenzufahrt in den Unterlagen nicht erläutert ist. Die Verwaltung bezweifelt, dass die Erschließungswege geeignet sind. Für den Geschäftsführer der Wind Energien GmbH stellt sich dies nicht so dar. Er geht davon aus, dass man mit Selbstfahrern (Transport Rotorblätter) bis nah an den Standort kommt. Die Zufahrt müsse nur auf den letzten 100 Metern über einen Waldweg verlaufen. Aber auch diese Wege seien mit vier Meter Breite vergleichsweise gut ausgebaut.

Investor erinnert
an Klimaziele

Für Armin Mößner ist die Energiewende zwar gesellschaftlicher Konsens, man könne ihr aber trotzdem nicht alles unterordnen. Ihm fehlt bisher der Masterplan, zudem seien noch grundsätzliche Probleme wie die Stromspeicherung zu lösen. „In diesem Fall geht es aber darum, die richtige Entscheidung für Murrhardt zu treffen“, sagt er.

Alexander Wiethüchter führt an, er setze sich dafür ein, beim Vorhaben alle gesetzlichen Vorgaben einzuhalten, inklusive dem Schutz von Menschen und Tieren. Und er erinnert an das integrierte Klimaschutzkonzept (IKSK) Murrhardts von 2012, bei dem sich die Stadt das Ziel gesteckt hat, 2020 gegenüber 2008 eine CO2-Einsparung aller Sektoren (Strom, Heizenergie und Kraftstoffe, fossil) um 17 Prozent zu erreichen. Nach Berechnungen der Firma würde die Windkraftanlage auf dem Springstein mit zwölf Millionen Megawattstunden eine Stromversorgung von rund 3000 Haushalten und eine CO2-Vermeidung von rund 9300 Tonnen pro Jahr bedeuten, etwa 50 Prozent der IKSK-Minderungsziele. „Ich finde, es wäre nicht gut, diese Chance zu vertun und den Standort nicht zu nutzen.“ Zudem handle es sich auch um ein Projekt, das von der örtlichen Energiegenossenschaft (EGM) unterstützt und mitgetragen werde.

  Die Gemeinderatssitzung, bei der das Baugesuch auf der Tagesordnung steht, findet heute, 1. Februar, um 18 Uhr im Bofingersaal der Alten Post in Murrhardt statt.