Gericht verurteilt Fleischsommelier zu Bewährungsstrafe

Rühriger Kfz-Mechaniker kassiert Arbeitslosengeld, spart am Unterhalt und lebt auf großem Fuß – Geständnis bewahrt 44-Jährigen vor der Haft

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Er passt so gar nicht in das Klischee, das man von einem Angeklagten hat. Der im Büßergewand, sprich in abgetragener Kleidung, am besten noch eskortiert von seinem Verteidiger, in den Gerichtssaal schleicht. Gesenkten Hauptes gibt er einsilbig auf die Fragen des Richters Antwort. Nein. Aufrechten Ganges betritt der 44-Jährige den Gerichtssaal, trägt zur legeren Jeans ein gediegenes Sakko, dazu Hemd und Krawatte! Wie sich im Laufe der Verhandlung herausstellt: „Savoir-vivre“ könnte sein Lebensmotto sein. Der Beschuldigte liebt schicke Autos, hat sich eine hochwertige Fotoausrüstung zugelegt. Er pendelt gerne zwischen dem kleinen Großdubrau unweit seiner Geburtsstadt Bautzen und dem berühmten Wien. Und wenn er in Diensten eines Reiseveranstalters ganz kostenlos eine Reise nach Australien oder Kanada machen kann, greift er gerne zu. Er hat ursprünglich Kfz-Mechaniker gelernt. Aber mit ölverschmiertem Blaumann unter einem Auto liegen ist nicht sein Ding. So hat er sich anderes gesucht. Und erweist sich als ungemein anpassungsfähig. Erst arbeitet er im Verkauf von Haushaltsgeräten, dann betreibt er ein Fotostudio. Schließlich macht er eine Ausbildung als Reiseberater. Als dies nicht so recht funktionieren will, avanciert er zum Grillexperten. Auch da: Backhäuschen und hochwertige Grillanlagen inklusive. Und was den Umgang mit den neuen Medien angeht, Homepage erstellen und anderes, auch hier hat sich der Beschuldigte in kurzer Zeit kundig gemacht und versteht die Dinge zu handhaben. Warum um alles in der Welt steht er nun vor dem Amtsrichter? Nun, weil es leider diese etwas unproduktive Phase gegeben hat, in der er zwei Jahre lang, angeblich in Backnang wohnend, Unterstützung des Jobcenters bezog. Insgesamt 17500 Euro. Dabei hatte er in dieser Zeit längst das schöne Wien kennen- und lieben gelernt und hielt sich die meiste Zeit dort auf. Zudem hatte er sich in dieser Zeit mit seiner Partnerin überworfen und die Frau mit drei gemeinsamen Kindern sitzen lassen. Ohne Unterhalt zu zahlen, versteht sich.

Via Facebook fordert der Angeklagte zur Vertuschung des Betrugs auf

Der Richter wird gleich zu Beginn der Verhandlung überdeutlich: Die Freiheitsstrafe, die aufgrund der Schadenshöhe droht, wird nur bei einem Geständnis zur Bewährung ausgesetzt. Und ein Geständnis ist umso schlechter, je später es erfolgt. Das Zeugenprogramm ist umfangreich. Acht Personen sind geladen. Sprach’s – und entließ Angeklagten und Rechtsanwalt zu einer Beratung. Zurückgekehrt gibt der Rechtsanwalt für den Angeklagten eine Erklärung ab. Siehe da, die in der Anklageschrift aufgeführten Delikte werden eingeräumt.

Die Ermittlungen, so berichtet der mit dem Fall befasste Polizeikommissar, kamen durch eine Strafanzeige der Ex-Partnerin in Gang. Als Segen erweist sich für die ermittelnden Beamten das Internet. Über Facebook-Chats gibt der Beschuldigte Anweisungen zur Vertuschung seiner Betrügereien. Über die Banken verschaffen sich die Beamten eine Übersicht über die Geldbewegungen auf dem Konto des Angeklagten. Die österreichischen Kollegen werden um eine Hausdurchsuchung gebeten. Die Eltern des Angeklagten wie auch die neue Freundin, mit der er auch wieder ein Kind hat, unterstützen den Lebenskünstler nach Kräften. Er muss sich kein eigenes Auto leisten. Das der Freundin oder der Eltern steht zur Verfügung. Er betont sogar: Er dürfe es mit leer gefahrenem Tank wieder abstellen. Darüber, wie es mit ihm, dem Angeklagten, weitergeht, macht er sich keine Sorgen. Dank seiner großen Anpassungsfähigkeit hat er sich erst vor Kurzem zum Fleischsommelier ausbilden lassen, ist nun „Botschafter für gutes Fleisch“. Der „Stern“ machte mit ihm ein Interview. Und wenn die Saison wieder anfängt, dann ist auch wieder mächtig was zu verdienen.

Das Urteil des Amtsgerichts? Könnte man fast vergessen angesichts so viel Unternehmensgeistes. Ein Jahr auf Bewährung befindet der Richter. Dazu kommen Auflagen: zweieinhalb Jahre Bewährungszeit, 80 Stunden gemeinnützige Arbeit. Ab Rechtskraft des Urteils 200 Euro monatlich an seine Ex-Freundin für den Unterhalt der drei Kinder. Der Unterhalt für die Kinder, so betont der Jurist, ist eine Selbstverständlichkeit.

Der Angeklagte hört’s und nimmt das Urteil an. Er hat es eilig und verlässt als Erster den Saal. „Auf Wiedersehen“, ruft er dem Richter zu. Der meint: Besser nicht. Ein „Tschüss“ wäre angebrachter.