Zwischen Zufall und Sichtung mit System

Serie: Zwei Generationen, ein Sport Jennifer Faber spielt in einem Alter Dritte Liga, in dem Birgit Sterzel mit Volleyball erst begann

Mit ihren 14 Jahren kämpft Jennifer Faber für den MTV StuttgartIII schon in der Dritten Liga um Punkte. Ein Alter, in dem Birgit Sterzel überhaupt erst mit Volleyball begonnen hat. Und das durch Zufall. „Ich wollte in der Schule eigentlich in eine Handball-AG. Das gab’s aber nicht, sondern nur Volleyball“, sagt die Person, die in Backnang wohl wie keine andere fürs Frauenvolleyball steht.

Vereint in der Liebe zum Volleyball, obwohl der jeweilige Weg dorthin höchst unterschiedlich war: Birgit Sterzel (links) und Jennifer Faber. Foto: A. Becher

Von Uwe Flegel

 

Jennifer Faber und Birgit Sterzel kennen sich gut. Schließlich hat die hoch talentierte 14-Jährige vor gut fünf Jahren bei der TSG mit Volleyball begonnen, als sie ihre Eltern zu den Übungsstunden in der Freizeitgruppe begleitete. Recht bald machte sie selbst im Training mit. Und als Kind oder Jugendlicher kommt im Backnanger Volleyball keiner an Birgit oder ihrem Mann Wolfgang Sterzel vorbei. „Ich engagiere mich in der Jugendarbeit vor allem so stark, weil es so etwas zu meiner Zeit nicht gab“, erklärt die mittlerweile 56-Jährige, die neben den U-15- bis U-17-Mädchen zusammen mit Pitt Richter auch noch die Regionalligafrauen trainiert. An ihre Anfänge in der Sportart erinnert sich Birgit Sterzel noch gut. Am Gymnasium in Heilbronn wollte sie sich in der Handball-AG anmelden. Eine solche kam allerdings nicht zustande, also ging’s 1974 zum Volleyball und danach schnell in den Verein. „Wir haben mit unserer Schulmannschaft das Frauenteam der TG Heilbronn gegründet“, erzählt Birgit Sterzel und muss selbst schmunzeln, wenn sie sich daran erinnert, mit welcher Entschlossenheit die Teenager die Sache damals anpackten.

Systematische Förderung

war in Siebzigern und

Achtzigern kein Thema

 

In der Kreisliga B ging es für sie mit 14 Jahren los. Und wie. „Ich habe im Prinzip alles mitgenommen, denn ich durfte bei den Jungs mitspielen“, erzählt Sterzel, die ihr Herz sehr schnell ans Volleyball verloren hatte. Dreimal pro Woche ging’s zu einem Training im Verein, zweimal wurde in der Schule geübt. „Ein gewisses Talent hatte ich“, sagt Sterzel, die das dann irgendwann in den Achtzigern nach ihrem Umzug nach Backnang bei der TSG zeigte. Immerhin bis zur Verbandsliga und im Seniorenbereich zu deutschen Meisterschaften hat’s gereicht. Vielleicht wäre gar noch mehr drin gewesen. Doch eine systematische Förderung wie heutzutage gab es bei der 1,68 Meter großen Sterzel nicht: „Ich hätte nur die Möglichkeit gehabt, ins Volleyballinternat nach Creglingen zu gehen. Doch wegen Volleyball in ein Internat zu gehen, das kam für mich nie infrage.“

Sätze, bei denen Jennifer Faber genau zuhört. Das 14-jährige Talent steht an der Schwelle eines solchen Schritts. Um Schule, Sport und die damit verbundene Förderung unter einen Hut zu bringen, besucht die Backnangerin in Stuttgart die Schickhardt-Realschule. Das heißt: Um 5.30 Uhr aufstehen, damit es auf die S-Bahn um 6.30 Uhr in die Landeshauptstadt reicht. „Die Hin- und Herfahrerei ist schon stressig“, bekennt die 1,86 Meter große Mittelblockerin, die es andererseits aber genießt, dass an einer sogenannten Eliteschule des Sports das Miteinander von Schule und Sport besser organisiert ist, dass es Unterstützung bei der Lernerei gibt, dass auch Nachhilfeunterricht ermöglicht wird. Immerhin acht Trainingseinheiten pro Woche im Verein und am Olympiastützpunkt gilt es mit dem Stundenplan in Einklang zu bringen. Den Schritt, wie die 16-jährige Murrhardterin Emily Günter ohne Eltern nach Stuttgart zu ziehen, hat sie zwar im Hinterkopf, doch gehen will sie ihn (noch) nicht. Das anfängliche Heimweh der einen oder anderen Mitschülerin ist ihr nicht entgangen. Vielleicht auch, weil sie in der Jugend sehr gerne dank Zweitspielrecht weiterhin für die TSG spielt. „Das macht am meisten Spaß. Man hat weniger Druck, ich kenne die Mädels und selbst die eine oder ander Gegnerin schon so lange. Da sind Freundschaften entstanden“, bekennt Jennifer Faber.

Vorgaben des Verbands

bringen Vereinen

durchaus auch Nachteile

 

Birgit Sterzel nennt noch einen Grund, weshalb sie Jennifer Faber gerne öfter bei der TSG sehen würde: „Wir könnten sie im Regionalligateam sehr gut brauchen.“ Der Verband will aber, dass seine Auswahlspielerinnen möglichst jung in oberen Ligen spielen. So wie die 14-Jährige in Stuttgart in Liga drei, während ihr Heimatverein eine Klasse tiefer gegen den Abstieg kämpft. „Ärgerlich“, urteilt Sterzel und weiß, dass für Klubs wie die TSG oder den TV Murrhardt von der Jugendarbeit oft nur die Arbeit bleibt, wenn sie ein großes Talent entwickelt haben. Wobei Birgit Sterzel in Sachen Training und Jugendförderung durchaus auch Vorteile erkannt hat: „Taktik oder Technik gab’s bei uns im Training ebenso wenig wie Sichtungslehrgänge.“

Ein Satz, bei dem Jennifer Faber lächelt. Auch dank ihrer Gesprächspartnerin kam die 14-Jährige von klein auf in den Genuss von fundiertem Training, das sich den rasanten Veränderungen im Volleyball angepasst hat. Zum Beispiel war das Tempo einst eher gemächlich und ist nun „brutal hoch“, wie die Trainerin des Regionalligateams weiß. „Die Zuspielerinnen passen so schnell, da kommst du fast nicht nach.“ Zudem: Eine Position, wie sie Mittelblockerin Jennifer Faber heutzutage innehat, gab es damals ebenso wenig wie einen Libero. Und auch in der Zählweise hat sich arg viel geändert. Was generationsübergreifend geblieben ist? Das heiße Herz fürs Hobby. Für Sterzel kein Wunder. Denn: „Wer vorbelastet ist, kommt an Volleyball nicht vorbei.“

 

  Im Rahmen dieser Serie bittet unsere Zeitung Vertreter verschiedener Generationen aus einer Sportart zum Erfahrungsaustausch.