Die Konjunktur brummt, mit einzelnen Ausnahmen

Die meisten Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie im Kreis blicken optimistisch in die Zukunft – Tesat-Spacecom muss Auftragseinbruch verkraften

Wir befinden uns im Jahr 2018. Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie im Rems-Murr-Kreis blicken insgesamt optimistisch aufs neue Jahr. Alle Unternehmen? Nein! Die Backnanger Firma Tesat-Spacecom nagt noch immer am Auftragseinbruch 2016/2017 (wir berichteten). Zudem verfolgt der Arbeitgeberverband Südwestmetall mit Sorgen die aktuell laufenden Koalitionsgespräche zwischen Union und SPD und die Tarifverhandlungen mit der IG Metall.

Weltraumbedingungen im Labor: Tesat-Spacecom-Ingenieure bereiten einen Test in der Vakuumkammer vor. Archivfoto: A. Becher

Von Florian Muhl

 

WAIBLINGEN. Die selbe Prozedur wie jedes Jahr: Die Bezirksgruppe Rems-Murr des Arbeitgeberverbands Südwestmetall blickt Anfang Februar aufs neue Jahr. Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie (M+E) haben dazu keine Kristallkugel befragt, sondern ihre Mitgliedsbetriebe. Knapp 40 Prozent von insgesamt 83 angeschriebenen Unternehmen haben geantwortet. Und wieder – wie in den vergangenen Jahren auch – stehen die Vorzeichen auf Wachstum. Kurz: Die Konjunktur brummt.

Bezirksgruppen-Vorsitzender Dr. Michael Prochaska sagte es gestern so: „Unsere M+E-Unternehmen werden maßgeblich vom wieder schneller wachsenden Welthandel und der guten Konjunktur wichtiger Handelspartner profitieren.“ Das werde sich positiv auf das Exportgeschäft auswirken. Zudem ist Prochaska, der auch Vorstand bei Stihl ist, der Meinung, dass die gute wirtschaftliche Entwicklung „aller Wahrscheinlichkeit nach auch zu einem weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit in der Region führen“ werde. So gehen 63,6 Prozent der befragten M+E-Unternehmen von einer gleichbleibenden Beschäftigtenzahl im laufenden Jahr aus. Immerhin 27,3 Prozent planen, ihre Belegschaft zu vergrößern, während 9,1 Prozent Beschäftigung reduzieren wollen.

„Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung werden aber die Schwerpunkte einer künftigen Bundesregierung haben“, sagte Prochaska. Leider ließen die bisherigen Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD wenig Gutes erwarten. „Der Fokus des Programms liegt auf Ausgabensteigerungen, vor allem auf dem Ausbau von Sozialleistungen.“ Damit drohten von einer GroKo erneut Belastungen für die Wirtschaft. So wäre die geplante Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung ein teurer Rückschlag für die Unternehmen. „Die Frage, wie Deutschland durch Investitionen und Innovationen modernisiert werden kann, ist in den Gesprächen von Union und SPD bislang viel zu kurz gekommen“, kritisierte Prochaska.

Mit Blick auf die laufende Tarifrunde in der M+E-Industrie forderte der Bezirksgruppen-Vorsitzende die IG Metall auf, eine Lösung am Verhandlungstisch zu suchen, anstatt die Betriebe mit Ganztagsstreiks zu schädigen. „Die Streiks sind umso unverständlicher, da die am vergangenen Wochenende in Stuttgart abgebrochenen Verhandlungen bereits weit fortgeschritten waren“, erklärte er. „Die gegenwärtig gute Situation unserer Industrie und die damit verbundene Sicherheit der Arbeitsplätze darf nicht durch einen weiter eskalierenden Konflikt gefährdet werden.“

Prochaska sieht weitere Risiken für die künftige wirtschaftliche Entwicklung. Zwar seien die ersten Irritationen infolge der Brexitentscheidung und der US-Wahl inzwischen verflogen, trotzdem „stellen der bevorstehende Austritt von Großbritannien aus der EU und die protektionistische Politik des US-Präsidenten weiter erhebliche Gefahren für die wirtschaftliche Dynamik dar“. Hinzu kämen weitere Risiken etwa aufgrund der Spannungen rund um den Nordkorea-Konflikt. Selbst in Europa gäbe es viele Fragezeichen. Stichwort Katalonien oder politische Neupositionierung einiger osteuropäischer Länder.

Speziell zu Stihl konnte Prochaska nur Positives berichten. Das vergangene Jahr sei zufriedenstellend gewesen, die Mitarbeiterzahl sei auf über 15500 angestiegen, das Unternehmen blicke auf ein deutliches Absatzplus zurück, so der Stihl-Vorstand Personal und Recht. Neben den Geräten für Garten, Forst und Landwirtschaft mit Verbrennungsmotoren will man sich ein zweites Standbein mit dem Akkubereich schaffen.

„Tesat-Spacecom hatte nicht unbedingt Glück gehabt, am allgemeinen konjunkturellen Aufschwung teilzuhaben“, meldete sich Tesat-Geschäftsführer Andreas Hammer zu Wort. Der Markt habe sich für den Backnanger Hersteller von Satellitenkomponenten schlecht entwickelt. Hammer nannte Zahlen: Von den geostationären Satelliten, die zum Beispiel für die Übertragung von Fernsehbildern eingesetzt werden und bei denen Tesats Technik beispielsweise zum Einsatz kommt, werden immer weniger gebaut. Waren es im Jahr 2014 noch 24, reduzierte sich die Zahl in den Folgejahren über 16 und 12 auf nur noch 7 im vergangenen Jahr. Ein Grund dafür: „Bewegte Bilder werden immer häufiger per Streaming über Internetleitungen und nicht mehr via Satellit übertragen“, so Hammer. Der Absatz von Röhrenverstärkern sei deutlich gesunken, von 1300 Stück im Jahr 2014 auf nur noch 700 Stück im Jahr 2016. So sei der Umsatz von 350 Millionen Euro im Jahr 2015 auf zuletzt rund 250 Millionen eingebrochen.

Backnangs größter Arbeitgeber, der vor einem Jahr noch etwa 1200 Mitarbeiter beschäftigte, steuerte dagegen. Zunächst wurde zu Beginn des vergangenen Jahres für einen Teil der Beschäftigten Kurzarbeit angeordnet. Etwa 170 Mitarbeiter waren davon betroffen. Dann die mit Betriebsrat und Gewerkschaft abgesprochene Maßnahme der Beschäftigungssicherung. Die Wochenarbeitszeit wurde um jeweils fünf Stunden reduziert, von 35 auf 30 beziehungsweise von 40 auf 35. Dementsprechend wurde auch das Gehalt um rund 15 Prozent gekürzt, und zwar für 16 Monate. „Und zwar für alle Beschäftigten, auch für mich“, sagte Hammer. Die Beschäftigungssicherung gilt vom 1. September 2017 bis 31. Dezember 2018. Die Zahl der Beschäftigten hat sich auf derzeit knapp 1100 reduziert. Der Geschäftsführer findet es gut, solche „Tools“ in Deutschland zu haben, dass man also die Belegschaft halten und Krisen überwinden kann. Hammer sagte, dass man die Zeit inzwischen genutzt hat. Das Portfolio sei umgestellt worden und es habe Umorganisationen gegeben. Der Tesat-Geschäftsführer blicke nun mit mehr Zuversicht in die Zukunft. Bei den Verstärkern verspricht sich Hammer einen Mehrabsatz und vor allem auch ein besseres Geschäft im Bereich der Laserkommunikation.