Schöne Geste und gelungene Wiedergutmachung

Fußballfans der SG Sonnenhof Großaspach und des SC Paderborn sorgen nach dem Spiel im Fautenhau für Umsatz in der Backnanger Gaststätte „Zur Uhr“

Anhänger der SG Sonnenhof und des SC Paderborn haben am Samstag in der Backnanger Gaststätte „Zur Uhr“ für kräftig Umsatz gesorgt. Das ist an sich bei Fußballfans noch nicht bemerkenswert. In diesem Fall handelte es sich jedoch um eine Art Wiedergutmachung für das unterirdische Benehmen einiger Fans von Hansa Rostock. Diese hatten vor zwei Wochen unter anderem die Zeche geprellt. Jetzt hingegen bezahlten nicht nur alle Gäste artig ihre Getränke, sie übergaben Wirtin Despina Siasiakis auch noch eine satte Spende.

Große Freude bei Despina und Mitsos Siasiakis und super Stimmung in der Uhr. Selina Ille und Fanclub-Vorsänger Daniel Meyer übergeben 682 Euro, die während des Spiels gegen Paderborn von den Fans gesammelt wurden. Der Verein möchte auch noch ein Sümmchen überreichen. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Der miese Besuch der Rostock-Fans nach dem kurzfristig abgesagten Spiel im verschneiten Fautenhau-Stadion war für die 81-jährige Wirtin eine einzige Katastrophe. Nun, zwei Wochen später, hatten sich wieder Fußballfans angesagt. Die Anhänger der SG Sonnenhof und des SC Paderborn wollten nach dem Spiel für echten Umsatz sorgen. Das Motto der Aktion – es würde jedem Mitglied des Blauen Kreuzes die Nackenhaare sträuben lassen – lautet sinngemäß „saufen für einen guten Zweck“. Trotz der Fragwürdigkeit des Mottos, es trifft den Nagel auf den Kopf. Und die Umsetzung ist für echte Fußballfans ein Kinderspiel.

Hier folgt nun der Spielbericht der dritten Halbzeit im temporären Vereinsheim „Zur Uhr“.

Die lokalen Fans sind die ersten vor Ort, sie kennen die Laufwege. Den Heimspielvorteil der Aspacher machen trinkfeste Paderborner Fans jedoch mit dem unbändigen Drang zur Theke wett. Nur wenige Minuten später sind sie da. Unüberhörbar. Die ersten Ostwestfalen kommen singend zur Tür rein, „der SCP ist wieder da“, grölt einer und wendet sich gleich an Despina: „Ich hoffe, es geht Ihnen gut?“ Immer mehr treten ein, viele begrüßen die freundliche Gastgeberin mit Handschlag.

Die Wirtin ist gut vorbereitet auf ihr Heimspiel. In den Minuten vor dem Anpfiff zur dritten Halbzeit hat sie die Beine noch etwas hochgelegt, jetzt ist sie topfit und dribbelt konditionsstark durch die Reihen ihrer Gäste. Wie einstens Ente Willi Lippens, nur statt mit dem Ball am Fuß mit zwei Halben in der Hand. Die Kick-Experten machen sich derweil warm zum Fachsimpeln. Mit dem 1:1 sind die Anhänger des Dorfklubs zufrieden, einer erinnert an das 0:5 aus dem Hinspiel. Aber auch die Paderborner können mit der Punkteteilung leben. Sie sind zwar als Tabellenführer angereist, dürfen sich aber – so die einhellige Meinung – beim Schiedsrichter für das Auswärtspünktchen bedanken. Beste Voraussetzungen für eine geile Party. Und die kommt langsam ins Rollen.

Erst nehmen die Fans jeweils in ihrer Hälfte Platz. Doch das Abtasten dauert nur kurz. Ein Paderborner schnappt sich sein Bierglas, geht in die Offensive und setzt sich mitten in die Viererkette des SG-Tisches. Und schon ist das typische Fan-Spielchen am Laufen. „Hey, was hast Du mit Dortmund am Hut?“, will einer wissen und deutet auf den gelb-schwarzen Schal seines Gegenübers. Der klärt den Ostwestfalen beschwichtigend auf, dass es sich um einen Dresden-Schal handelt, was die Sache aber – so scheint’s – nicht besser macht. Er schiebt die Erklärung nach, dass zwischen der SG und dem Sachsen-Club eine Art Freundschaft besteht, „keine Freundschaft, aber so ähnlich“. Aus der Nummer kommt er nicht mehr raus... Ist aber egal, die Stimmung sonst ist gut. SCP-Fan Andrea wollte ursprünglich nach dem Spiel was essen gehen, „aber als wir von der Aktion gehört haben, sind wir natürlich hierhergekommen“. Kumpel Julian schimpft über „die miese Aktion der Rostocker“. Er wollte in der Uhr sogar was essen, „geht hier aber nicht. Egal. Trinken wir eins mehr“. SG-Fanbeauftragter Colin Huber freut sich über die gelungene Aktion, die beweist, dass Fußballfans auch anständige gesellige Genossen sind. „Man muss aus allem das Beste machen, ich glaube, das ist uns heute gelungen.“

Nach der miesen Aktion der Rostocker ist nun bewiesen: Fußballfans können auch anders

Despina hat ihre Sache zwar gut gemacht, jetzt wird sie aber trotzdem ausgewechselt und nimmt etwas außer Puste inmitten der Fans auf der Bank Platz, direkt unterm rot-schwarzen Schal, den ihr neulich SG-Präsident Werner Benignus geschenkt hat, und sagt fröhlich: „Früher war ich für den VfB. Aber jetzt bin ich Sonnenhof-Fan.“ Für sie eingewechselt ist nun Ehemann Mitsos, der am Tresen eine gute Figur abgibt. Die Laufarbeit ist aber nicht so sein Ding, auch er wird 20 Gläser später abgelöst von Hannah Gräter und Nadja Erlenbusch. Die beiden Bedienungen sind freiwillig gekommen. Üblicherweise bedienen sie samstags nicht, „aber wir haben erwartet, dass heute etwas mehr los ist“, erklärt Gräter.

Wie bei jedem anständigen Fight gibt’s am Ende auch eine Siegerehrung. Alle versammeln sich in einer Ecke, heben die Fanschals in die Höhe und singen aus vollem Hals. Despina kriegt keinen Pokal überreicht, wohl aber eine Geldkasse. Selina Ille und Fanclub-Vorsänger Daniel Meyer übergeben 682 Euro, die während der ersten beiden Spielhälften von den Fans im Stadion gesammelt wurden. Womit bewiesen wäre – hallo Rostock, herhören – Fußballfans können auch anders.