Vom großen Unbekannten zum Glücksgriff

Backnangs Fußball-Oberligist verlängert Vertrag mit dem vor der Saison aus Nordhausen gekommenen Pascal Bertram bis 2020

„Für uns war’s ein Glücksgriff“, bekennt Marc Erdmann. „Alles super, ich bin sehr zufrieden“, erklärt Pascal Bertram. Ergebnis: Fußball-Oberligist TSG Backnang und sein Torhüter einigten sich darauf, die Zusammenarbeit zwei weitere Jahre fortzusetzen. Dabei hatten beide Seiten bis zum Sommer von der Existenz des anderen noch keine Ahnung gehabt.

Glänzte in der Vorrunde mit starken Paraden und hat seinen Vertrag in Backnang um zwei Jahre verlängert: Torhüter Pascal Bertram. Foto: A. Hornauer

Von Uwe Flegel

Um es diplomatisch auszudrücken: Wenigstens in den fünf Jahren vor Pascal Bertram kamen aufmerksame Beobachter nur höchst selten in Versuchung, einen Torhüter der Landes- oder Verbandsliga-Elf der TSG zum Matchwinner auszurufen. Grundsolide, aber nicht gerade überragend war der Etzwiesenklub auf der Position zwischen den Pfosten besetzt. Als sich nach dem Aufstieg dann auch noch der erst kurz zuvor gekommene und hoch talentierte 19-jährige Paul Kruse in die USA verabschiedete, drohte der Torwartjob gar zum echten Problem zu werden. Mittlerweile sind die Skeptiker eines Besseren belehrt. Zumindest in Sachen Schlussmann ist die TSG für Oberliga-Verhältnisse überdurchschnittlich besetzt.

Dabei war’s schon ein wenig eine Wundertüte, auf die Marc Erdmann und seine Mitstreiter in Sachen Personalplanung vor der Runde gebaut hatten. Mit Pascal Bertram kam ein 22-Jähriger, über den nicht viel mehr gewusst wurde, als dass er im Kader des Nordost-Regionalligisten Nordhausen stand, vorzugsweise aber in dessen Reserve in der Thüringenliga spielte. Zwar hatte sich Bertram im Training eine Woche lang präsentiert, doch irgendwie war der Neue, der in der Jugend der Braunschweiger Eintracht ausgebildet worden war, eine Unbekannte.

Dem Spieler selbst ging es nicht viel anders. Als er das erste Mal von der TSG Backnang hörte, „da musste ich mich über den Verein erst mal schlaumachen“. Was er in Erfahrung brachte, kann so schlecht nicht gewesen sein. Der gebürtige Braunschweiger wagte das Abenteuer beim schwäbischen Oberligisten fernab der Heimat. Mittlerweile sind beide Seiten glücklich mit ihrer Entscheidung. „Alles super, ich bin sehr zufrieden, sonst hätte ich nicht für weitere zwei Jahre unterschrieben“, sagt Bertram. Wobei er zu Beginn durchaus Probleme hatte. Weniger mit der Umstellung vom Profi zu einem Kicker, der vor dem Training nach dem Feierabend den ganzen Tag einer regulären Arbeit nachgeht. Schwierig war vor allem die Sprache. Worte wie „Schaffa“ oder „Veschbr“ sind für niedersächsische Ohren nicht unbedingt Deutsch.

Mittlerweile kommt Pascal Bertram im Schwäbischen gut zurecht und plant hier zumindest mittelfristig seine Zukunft. Derzeit sucht der Sympathisant der zwei Bundesligisten Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt nicht nur eine kleine Wohnung, sondern auch einen neuen Arbeits- oder am besten Ausbildungsplatz. Der Mann aus dem Norden hat Spaß am Dasein im Süden der Republik gefunden.

Das zeigt sich auch in den Leistungen auf dem Platz. Im Kampf um den Ligaverbleib ist Pascal Bertram ein echter Rückhalt für den Aufsteiger. Für den ehemaligen Spieler der niedersächsischen Nachwuchsauswahlteams ist der Nichtabstieg mit der TSG dann auch das wichtigste Ziel. Auch weil er festgestellt hat, dass die Oberliga im Ländle ein sehr hohes Niveau hat und manche Teams recht problemlos in den Regionalligen Bayern, Nord oder Nordost mitkicken könnten: „Ich habe mich aus sportlichen Aspekten durchaus bewusst für die Oberliga Baden-Württemberg entschieden.“

Der Weg des Torhüters, mal einen Schritt zurück zu machen, um mithilfe von mehr Spielpraxis in einer starken Liga vorwärtszukommen, scheint der richtige zu sein. Deshalb ist zu verschmerzen, dass die Familie und Freunde in der Braunschweiger Ecke weit weg sind und Kontakt dorthin fast nur übers Telefon möglich ist. Wobei seine Eltern in der Vorrunde bei zwei Backnanger Partien vor Ort waren und beim SSV Reutlingen (2:1) sowie zu Hause gegen 08 Villingen (1:0) zwei Siege des Tabellenelften aus dem Murrtal sowie starke Leistungen ihres Sohnes miterlebten. Entsprechend zufrieden traten sie die Heimreise an und legten kein Veto ein, als Pascal Bertram seinen Vertrag beim Etzwiesenverein nun bis zum Sommer 2020 verlängerte. Zwei weitere Jahre, die der Schlussmann nutzen will, seinen Ruf als „Glücksgriff“ zu festigen und sich gar für Einsätze „ein, zwei Ligen höher zu empfehlen“.