Licht und Schatten im ÖPNV

VVS-Geschäftsführer Horst Stammler steht im „Backnanger Gespräch“ Rede und Antwort – Tarife sollen einfacher werden

Über Freud und Leid im öffentlichen Nahverkehr hat ein jeder etwas zu erzählen. Nur meistens kommt das Feedback nicht bei den Verantwortlichen an. Im „Backnanger Gespräch“ der SPD Backnang hatten die Besucher am Mittwochabend die Gelegenheit, sich mit VVSGeschäftsführer Horst Stammler darüber auszutauschen. Der gibt zu: „Es gibt Licht und Schatten.“

Die Fahrt mit der Bahn gehört für viele Pendler zum Alltag und birgt bisweilen ihre Tücken. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. „Zu kompliziert und zu teuer“ – das sind die Vorwürfe, mit denen Horst Stammler bezüglich des öffentlichen Nahverkehrs beinahe täglich konfrontiert wird. Nicht zuletzt der Gastgeber der Veranstaltung, SPD-Landtagsabgeordneter Gernot Gruber, schreibe ihm öfter einmal E-Mails, wenn etwas nicht klappt. Das System mit den insgesamt 52 Tarifzonen im Großraum Stuttgart sei schwer zu überblicken, gab auch der Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) zu. Allerdings nur für jene, die nicht regelmäßig mit der Bahn fahren. Denn wer ein Abo besitzt, müsse sich darüber wenig Gedanken machen. Es gehöre auch schließlich zur Strategie des VVS, mehr Stammkunden zu gewinnen. Doch immerhin zwei Millionen VVS-Kunden nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel unregelmäßig. Für sie hatte Stammler gute Nachrichten: „Wir werden die Tarifzonen reduzieren“, versprach er. Auf wie viele, sei noch nicht beschlossen, er selbst tendiere zu sechs.

Was die Kosten angeht, griff Stammler aus eine Anekdote seiner Jugend zurück. Er habe nämlich als Student selbst gegen die Fahrpreiserhöhung der Heidelberger Straßenbahn demonstriert. „Mit Erfolg“, verkündete er. Der Fahrpreis stieg nicht. Versäumt habe er hingegen, auf die Straße zu gehen, als die Bahn ihr Angebot in Heidelberg Stück für Stück zurückgefahren hatte. Stammlers Fazit: „Man braucht Geld, um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten.“ Dennoch sollen die Tagestickets deutlich günstiger werden.

Hoffnung schöpft der VVS-Geschäftsführer durch den Koalitionsvertrag. Er habe die Seiten, die sich mit dem Verkehr befassen, auf dem Weg nach Backnang gelesen, erzählte Stammler. „Allen Privatisierungsideen wird eine Absage erteilt“, freut er sich. Außerdem würden die Investitionen für den öffentlichen Verkehr verdreifacht. „Das hätte ich nicht gedacht“, gibt er zu. Das Geld werde dringend benötigt, denn Stammler räumte ein: „Die S-Bahn schwächelt.“ Das liege daran, dass die Infrastruktur in der Vergangenheit vernachlässigt wurde.

„Der Bus darf nicht mehr

im Stau stehen“

Für Stammler ist der öffentliche Nahverkehr die Rettung für all jene Probleme, die der Autoverkehr verursacht. Das betreffe Stauzeiten genauso wie die Einhaltung der Grenzwerte zur Luftqualität. „Wir werden an Fahrverboten nicht vorbeikommen“, sagte er. Um die Lebensqualität in der Stadt zu erhalten, brauche es Busse und Bahnen. Stammler nennt als Beispiele den Besuch im Milaneo, dass an einem Samstag bis zu 100000 Besucher aufweist, aber nur über 1200 Parkplätze verfügt. „Einkaufen ohne den öffentlichen Nahverkehr ist nicht auszudenken“, fand er. Genauso verhalte es sich mit Besuchen im Fußballstadion.

Alles schön und gut, aber was nützt der ÖPNV, wenn auf ihn kein Verlass ist? Mehrere der gut 50 Besucher des Backnanger Gesprächs erzählten von persönlichen Erfahrungen und häufig wiederkehrenden Problemen. Wenn etwa am Abend der Bus ins Weissacher Tal vor der Nase wegfährt und der nächste erst anderthalb Stunden später kommt. Oder wenn die S-Bahn derart verspätet ist, dass sie, anstatt nach Backnang zu fahren, in Winnenden wendet, um die Zeit wieder gutzumachen. Oder wenn die S-Bahn so oft verspätet ist, dass man, um ja nicht zu spät zu kommen, zur Sicherheit eine Stunde früher zu wichtigen Terminen fährt. Probleme, die Stammler ohne große Umschweife einräumte – aber auch auf neueste Entwicklungen hinwies. Denn bis Ende 2020 solle erreicht werden, dass alle Bahnlinien tagsüber durchgängig im Viertelstundentakt fahren. Wenn dann eine Bahn aufgrund der Verspätung in Winnenden umdreht, könnten die Kunden sicher sein, dass in Kürze die nächste komme. Dass ein Fahrgast der S-Bahn bei der Ankunft am Bahnhof „nur noch die Rücklichter des Busses“ sieht, wie es ein Besucher ausdrückt, sei ärgerlich und nur in Teilen nachvollziehbar. „Der Busfahrer müsste warten, er hat schließlich die Info“, äußert sich Stammler. Es werde vonseiten des VVS viel dafür getan, das Betriebsleitsystem auszubauen. Im Zuge der Neuvergabe der fünf Linienbündel, die Backnang tangieren, werde aber auch das Angebot ausgeweitet. „Es werden mehr Busse fahren, sodass es die Lücken von anderthalb Stunden nicht mehr gibt.“ Aber der Bus selbst müsse beschleunigt werden, da sei der VVS auf die Mithilfe der Stadt- und Gemeindeverwaltungen angewiesen. „Der Bus darf nicht mehr im Stau stehen.“ Zu den Forderungen des VVS gehöre deshalb, dass Busse nicht mehr in Buchten halten, weil das Einfädeln in den laufenden Verkehr zu Verzögerungen führe. Auch sollten nach Möglichkeit Busspuren geschaffen werden – beispielsweise in der Stuttgarter Straße in Backnang.

Eine Anregung nahm Stammler aus dem Publikum mit. Aufgrund der komplizierten Tarife seien vor allem Senioren an einem Fahrkartenautomaten oft restlos überfordert, brachte ein Besucher an. Ob es denn nicht eine Möglichkeit wäre, einen solchen Automaten in Seniorenheimen zu erklären. „Gerne“, antwortete der VVS-Geschäftsführer lachend. Er sehe aber diesbezüglich andere Chancen. Für Senioren sei dies ein Verbundpass – so müssten sie nur einmal unterschreiben, dann sei das Thema erledigt. Für jüngere Leute gebe es ja schließlich das Smartphone. Mit jenem ließen sich die nötigen Informationen in Windeseile in Erfahrung bringen.