Hilfe nach einem kerntechnischen Unfall

In Backnang steht einer von elf Notfallcontainern für den Bevölkerungsschutz im Land – Die Experten bei der Feuerwehr proben

Im Fall eines kerntechnischen Unfalls ist der Rems-Murr-Kreis vorbereitet. Bei der Backnanger Feuerwehr ist jetzt einer von elf Notfallcontainern für den Bevölkerungsschutz stationiert, die es landesweit gibt. Sollte es zum Ernstfall kommen, können betroffene Personen damit in einer Sporthalle auf mögliche Kontamination geprüft und versorgt werden. Auch kann man so die Strahlenbelastung insgesamt einschätzen.

Daniel Köngeter (Mitte) und Marcel Langenstroer – beide in Kontaminationsschutzkleidung – demonstrieren, wie die Strahlenmessung funktioniert. Nachdem die zu überprüfende Person, hier gemimt von Feuerwehrfrau Anna-Lena Schmidt, den Portalmonitor (im Vordergrund) passiert hat, wird sie gegebenenfalls noch mit einem Handmessgerät „abgebügelt“. Fotos: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG. Keine Frage, zwischen Rems und Murr gibt es kein Atomkraftwerk und auch keinen Kernreaktor. Aber was ist, wenn so ein Unglück, wie es sich am 26. April 1986 in Tschernobyl ereignet hat, wieder passiert? Irgendwo in Deutschland oder im benachbarten Ausland? Und wenn dann die Wetterlage so ist, dass die radioaktive Wolke genau in Richtung Rems-Murr-Kreis zieht? Was ist mit den Menschen, die sich im Freien aufgehalten haben, vielleicht sogar in einen Regenschauer geraten sind?

„Ich hoffe natürlich, dass ein solcher Ernstfall nie eintrifft“, sagt Landrat Dr. Richard Sigel. „Aber wenn, dann sollten wir vorbereitet sein.“ Wie gut sie für den Katastrophenfall vorbereit sind, zeigen die Experten von der Backnanger Feuerwehr. Denn zu ihren Aufgaben gehört es nicht nur, Feuer zu löschen und Menschen aus verunfallten Fahrzeugen zu retten. Für rund 25 Frauen und Männer aus Backnang, Fellbach und Winnenden fand bereits ein spezielles Seminar bei der Feuerwehr Backnang statt.

Geprüft wird, ob die Strahlendosis gefährlich ist oder nicht

„Bei der Notfallstation handelt es sich um ein Konzept, das vom Land Baden-Württemberg aufgelegt wurde und bei dem Empfehlungen der Strahlenschutzkommission umgesetzt werden“, sagt Feuerwehrsprecher Jan Kusche. „Das Ziel ist, nach einem kerntechnischen Unfall Bürger aus kontaminierten und verstrahlten Bereichen zunächst zu überprüfen, ob sie überhaupt eine gefährliche Strahlendosis abbekommen haben, und sie dann gegebenenfalls zu reinigen.“

„Das Ganze findet in einer Sporthalle statt“, erklärt Michael Weitbrecht. „Dort, wo alle örtlichen Gegebenheiten stimmen, wie fließendes Wasser, Duschen und alles Drum und Dran“, so der Leiter des Backnanger ABC-Zuges und Zuständige für den Gefahrgutbereich. Welche Sporthallen infrage kommen, steht noch nicht fest. Die werden derzeit ausgesucht. „Die Fachbehörden der drei Landratsämter, die den Notfallcontainer betreiben, werden noch zwei Sporthallen pro Landkreis festlegen“, sagt Daniel Köngeter von der Stabsstelle Brand- und Katastrophenschutz am Landratsamt Rems-Murr, und zugleich aktiver Feuerwehrmann in Backnang.

Was im Katastrophenfall passiert, schildert Jan Kusche: „Wir, die Backnanger Feuerwehr, laden den Notfallcontainer, bei dem es sich um einen Abrollbehälter handelt, auf, fahren ihn zum Bestimmungsort, laden ihn ab und beginnen mit dem Aufbau.“ Die Feuerwehrleute sind dabei aber nicht allein. Kräfte von allen Organisationen, die beim Katastrophenschutz tätig sind, helfen mit (siehe Infokasten). „Insgesamt benötigen wir pro Schicht 198 Personen“, sagt Kusche. Und Weitbrecht ergänzt: „Insgesamt ist die Notfallstation ausgelegt für 24 Stunden. Eine Schicht dauert acht Stunden. Das heißt, für 24 Stunden brauchen wir fast 600 Einsatzkräfte. Auch Strahlenschutzärzte sind mit dabei. Insgesamt können wir in den 24 Stunden 1000 Personen überprüfen.“

Und wie funktioniert das Ganze? Zunächst durchschreitet die zu überprüfende Person am Eingang der Sporthalle den sogenannten Portalmonitor, ähnlich wie am Flughafen bei der Sicherheitskontrolle. Dabei soll festgestellt werden, ob die Person kontaminiert (verunreinigt), also mit radioaktivem Material beaufschlagt ist. Ein Feuerwehrmitarbeiter in Schutzkleidung sitzt an einem Tisch, vor ihm ein Anzeigegerät, das verrät, welche Strahlenbelastung gemessen wurde. Entsprechend ordnet er die Person einer von drei Kategorien zu: Bei geringen Werten ist keine Dekontamination, also keine Reinigung notwendig. Bei mittleren Werten erfolgt eine Nachkontrolle mit einem Kontaminationsnachweisgerät, umgangssprachlich „Bügeleisen“ genannt. „Die Person wird abgebügelt“, schmunzelt Weitbrecht. Dann reicht eventuell ein Ablegen der belasteten Kleidung. Bei hohen Werten ist eine Reinigung „vorrangig erforderlich“. Das heißt, die Person wird unter die Dusche geschickt und erhält eine Ersatzkleidung.

Der Zuständige für den Gefahrengutbereich betont, dass es im Katastrophenfall keinen Zwang gibt, sich untersuchen zu lassen. Bei diesem Bevölkerungsschutz handelt es sich um ein freiwilliges Angebot des Landes. Weitbrecht, Köngeter und Kusche sind sich einig: Sie hoffen sehr, dass es beim Proben bleiben wird und sie diesen Notfallcontainer nie im Ernstfall einsetzen müssen.