„Die Muslime gehören zu Deutschland“

Auftaktveranstaltung von Kirche im Dialog behandelt aktuelle Fragen – Professor Wilfried Härle spricht über Glaube und Toleranz

Wilfried Härle, ehemaliger Ordinarius für systematische Theologie an der Universität Heidelberg, verdeutlichte bei seinem Vortrag in der Markuskirche sein Verständnis von Toleranz: „Ich toleriere den anderen als Person, ich darf aber seiner Überzeugung sehr wohl widersprechen. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Die Markuskirche in Backnang als Veranstaltungsort für die Auftaktveranstaltung von „Kirche im Dialog“ ist ein besonderer Ort. Denn hier sind, sehr modern, Kirchenraum und Vortragssaal eins. So steht eine rote Kniebank vor dem Altar bereit, findet aber dann doch keine Verwendung. Während die Kanzel benutzt wird. Von Professor Dr. Wilfried Härle, seines Zeichens ehemaliger Ordinarius für systematische Theologie an der Universität Heidelberg. Im Rahmen des Jahresthemas „Religion, Kirche, Toleranz“, sprach der Vortragende über „Glaube und Toleranz“.

Aus dem lateinischen stammend bedeutet der Begriff „Toleranz“, so zitierte Professor Härle aus dem philosophischen Wörterbuch, „die Duldung von Personen oder Meinungen, die aus moralischen oder anderen Gründen abgelehnt werden“. Man könne meinen, so der Vortragende, der Begriff sei in der Epoche der Aufklärung in Gebrauch gekommen. Weit gefehlt. Der Philosoph Immanuel Kant lehnte ihn ab. Ganz in seinem Sinne meinte Jahre später Johann Wolfgang von Goethe, nur zu dulden sei eine beleidigende Haltung. Die Duldung müsse vielmehr zur Anerkennung werden. Ist folglich alles zu tolerieren? „Alle Dinge“, so der Theologe, „die moralisch oder rechtlich verwerflich sind, widersprechen von sich aus der Toleranz“. Anders gesagt: Das Strafgesetzbuch weist das Ende aller Toleranz aus.

Das Strafgesetzbuch, wohlgemerkt, eines demokratischen Staates. So ergänzte Professor Härle auf eine Anregung aus der Fragerunde nach dem Vortrag. Was in Deutschland unter Strafe stehe, mag in anderen Länder geduldet sein. Und umgekehrt. Toleranz ende dort, so der Vortragende, wo die Würde des Menschen tangiert sei. Und verwies dabei auf die ins deutsche Grundgesetz übernommenen Menschenrechte.

Letzteres wirft die Frage auf, wie mit dem umzugehen ist, der solche gesteckte Grenze überschreitet. Professor Härle erinnerte an das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Hier habe der Reformator Martin Luther auf einer wichtigen Unterscheidung beharrt, der von Person und Werk. Selbst der Versager behalte seine Menschenwürde. Gottes Liebe gelte dem Sünder, nicht der Sünde. Toleranz speise sich zudem aus der Toleranz Gottes. Diese sei freilich die Toleranz des Kreuzes: Gott nimmt das Böse in Jesus auf sich in der Hoffnung, es gerade dadurch zu überwinden. So sei der Reformator der Meinung gewesen, es sei eine Sünde gegen den Heiligen Geist, Ketzer zu verbrennen. Das erregte Widerspruch unter den Zuhörern. Man erinnerte an die unrühmliche Rolle, die der Reformator bei der Verfolgung der sogenannten Wiedertäufer gespielt habe. Härle ergänzte. Diese seien nicht wegen ihre Glaubens hingerichtet worden, sondern weil sich mit dem eine „aufrührerische Gesinnung“ verknüpft habe. Im Gegensatz zu Reformator Calvin habe Luther nie ein Todesurteil unterschrieben.

Toleranz, so ein weiterer Punkt des Vortragenden, speise sich in christlicher Ethik aus der Feindesliebe. Das heiße nicht, alles gut und richtig zu finden, was der andere meint, aber diesem anderen wohlwollend zu begegnen. Auch dies wurde dank aufmerksamer Zuhörer auf aktuelle Diskussionen angewendet. Gehört nun der Islam, so wurde gefragt, zu Deutschland oder nicht? Härle mochte es lieber mit Altbundespräsident Joachim Gauck halten, der den Ausspruch seines Vorgängers dahin gehend abgewandelt hatte, dass er gesagt hatte, „die Muslime gehören zu Deutschland“. Nähme man den Satz „der Islam gehört zu Deutschland“ ernst, könne man nicht verhindern, zum Beispiel islamische Feiertage zu gesetzlichen Feiertagen zu machen.

Toleranz endet dort, wo die Würde des Menschen tangiert wird.

Hier hakte wiederum einer der Zuhörer ein. Er erinnerte daran, dass früher das Jahresende im Rundfunk dadurch gestaltet wurde, dass erst Glockenläuten und dann der Choral „Nun danket alle Gott“ zu hören gewesen sei. Mit einem Mal sei das abgestellt worden. Auf Nachfrage habe er die Auskunft erhalten, dass dies anderen Rundfunkhörern nicht zuzumuten sei. Gehe hier nicht die Toleranz zu weit? Kurz brandete – ein Novum bei „Kirche im Dialog“ – Beifall auf. Ein typischer Fall vorauseilenden Gehorsams einer falsch verstanden Toleranz. Man verleugnet das Eigene. Professor Härle: „Ich toleriere den anderen als Person, ich darf aber seiner Überzeugung sehr wohl widersprechen. Und meinen eigenen Glauben bezeugen.“