Backnang, die Handarbeits-Metropole

Erstes deutsches Ravelry-Treffen mit internationalen Gästen – „Wir verstricken uns nicht nur, wir spinnen auch“

Zwei Tage lang konnte man im Bürgerhaus Stricknadeln im Akkord klimpern hören. Ravelry heißt eine weltweite Handarbeits-Community im Internet. Das erste Treffen in Deutschland fand in Backnang statt und lockte rund 300 Teilnehmer aus dem In- und Ausland an.

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Die Skulptur vor dem Eingang des Bürgerhauses ist mit bunten Wadenwärmern, Mütze und Schal bekleidet. Im Foyer an der Kasse sitzt Alexander Maaß, gibt Eintrittskarten aus – und strickt. Ein mit Lochmuster durchzogener, grüngestreifter Schal mit Zickzack-Muster soll es werden. Zusammen mit seiner Frau Annette haben die Backnanger das erste „German Raveler Meeting“ organisiert. Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper sprach ein Grußwort „zu diesem Gipfeltreffen der deutschen Handarbeitsgemeinde im Handarbeitsparadies Backnang“.

Bei Ravelry geht es um das Thema Handarbeit auf vielfältige Weise, um Stricken, Häkeln, Filzen, Nähen oder auch Spinnen. „Wir verstricken uns nicht nur, wir spinnen auch“, sagt lachend eine Teilnehmerin. Über 400 000 Mitglieder hat die Online-Community, die in den USA von Jessica und Casey Forbes gegründet wurde. Zum ersten Treffen in Deutschland ist das Gründerpaar eigens aus den USA nach Backnang angereist.

Deutschland vertritt den größten fremdsprachigen Bereich in der Community, weiß die Organisatorin des Treffens. Es gibt Untergruppen in deutscher Sprache. Manche Mitglieder stehen regelmäßig miteinander in Kontakt. Das German Raveler Meeting soll die Möglichkeit bieten, sich persönlich kennenzulernen.

Die eine Teilnehmerin kommt aus Hamburg, eine andere aus Berlin, aus Österreich ist eine ganze Gruppe angereist, und die Heimat einer Besucherin ist Florida. Sie ist in Deutschland geboren und lebt seit über 30 Jahren in den USA. Über eine Strickanleitung für einen Hut ist sie mit Community-Mitgliedern aus Deutschland in Kontakt gekommen. Nun hat sie einen Besuch bei ihren Eltern in Darmstadt mit einem Abstecher zum Raveler-Meeting nach Backnang verbunden. Dafür hat sie extra ihren Aufenthalt um eine Woche verlängert.

Die Workshops im Fritz-Schweizer-Saal, mit Themen wie „Sockenkonstruktion nach Cat Bordhi“, einer ganz speziellen Strickweise des Fersenteils, oder auch „Spinnen mit der Handspindel oder am Rad“ sind gut besucht. „Wieder etwas Neues gelernt“, freut sich eine Handarbeit-Begeisterte. Im Walter-Baumgärtner-Saal können die Teilnehmer zusammensitzen, handarbeiten und plaudern. An Ständen präsentieren sich Hersteller und Einzelhändler mit ihren Garnen. Um die Einladung der Aussteller hat sich Renate Grunert-Paul von der Backnanger Wollstube Wollin gekümmert. Sogar ein Anbieter aus Italien und eine dänische Firma sind vertreten.

Die Teilnehmer informieren sich, tauschen Erfahrungen aus und geben sich gegenseitig Tipps. Männliche Handarbeitsfreunde sind nur wenige dabei. „Hin und wieder traut sich einer, sich zu outen“, schmunzelt Annette Maaß.

So, wie ein Teilnehmer, der aus München angereist ist. Mit Stricken beschäftigt sich der 41-Jährige schon seit seinem 8. Lebensjahr. Damals, als kleiner Junge, wünschte er sich einen Schal für seinen Teddy. „Das kannst du selber machen“, sagte seine Tante, brachte ihm kurzerhand das Stricken bei und entfachte damit eine Leidenschaft, die bis heute anhält. Zwei Tage lang konnten Gleichgesinnte ihr Hobby teilen. Und abends sah man sie noch allenthalben in und vor Backnanger Restaurants in geselliger Runde sitzen – und stricken.