Keine leichte Entscheidung für die Jury

Viele verschiedene Musikstile beim Nachwuchsfestival – Mit Jurorin Hannelore Berger geht ein Stück Straßenfestgeschichte

Von Marina Heidrich

BACKNANG. Ganz ungewohnt ist für Jurymitglied Hannelore Berger der Platz auf der Bühne. Die zierliche Lehrerin kämpft kurzfristig mit der Fassung, als sie von ihren Kollegen stehende Ovationen und aus der Hand von Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper einen Blumenstrauß erhält. Zum vierzigsten und letzten Mal hat Hannelore Berger Punkte verteilt, Pro und Contra abgewogen und mit den Kandidaten gebibbert. Mit ihr verabschiedet sich dieses Jahr ein Stück Straßenfestgeschichte. Ihre Mitjuroren werden vor allem Hannelores trockenen Humor und ihre direkte Art vermissen.

Ganz emotional und vor allem ganz knapp ging es beim 40. Backnanger Nachwuchsfestival zu. Für die Jury war das Finale 2010 eine echt schwere Aufgabe. Der Erstplatzierte Sebastian Schmidt aus Schrozberg begriff zunächst gar nicht, dass er tatsächlich gewonnen hatte. Der schmale 15-Jährige mit der schlaksig-androgynen Ausstrahlung interpretierte „Hot Fudge“ von Robbie Williams so locker und unverkrampft, frisch und ohne Stargehabe, dass er sich in der Gesamtpunktewertung der Jury schließlich an die Spitze schob.

Das Teilnehmerfeld war diesmal weit gesteckt, die unterschiedlichsten Musikrichtungen von Rap bis Liedermacherstil mussten bewertet werden, und die einzelnen Teilnehmer lagen in der Reihenfolge sehr dicht beieinander. Oft entschied nur ein halber Punkt über eine Platzierung in der Siegerriege.

Die Jury war nicht zu beneiden und machte es sich auch nicht einfach. Auf den zweiten Platz wählte sie das Duo Kennedy loves me aus Ludwigsburg; Steffen Geldner und Dominik Weber punkteten selbstbewusst mit ihrer wunderschönen deutschen Eigenkomposition „Sie lacht“. Ein echter Profi mit abgeschlossenem Musicalstudium ist Edita Abdieski, der man die Routine deutlich anmerkte. Ihre tolle Soulstimme kam bei der Eigenkomposition „Be friends“ voll zur Geltung. Die 25-jährige Wahlkölnerin aus der Schweiz wurde für ihre großartige Darbietung mit dem dritten Platz belohnt und freute sich sichtlich darüber.

Auch der Empfänger des Jury-Sonderpreises konnte sein Glück kaum fassen: Der Franke Matze Brietz (32), Liedermacher, kumpelhafter Bärchentyp mit Bart und langen Locken, Karohemd und stattlicher Statur hatte im Halbfinale noch seinen Text vergessen, konnte die Jury dann allerdings durch seine unnachahmliche Art überzeugen und kam auch beim Publikum gut an. Für die Wahl zur besten Eigenkomposition gab es gleich mehrere Kandidaten. 14 der 20 Finalbeiträge stammten aus der Feder der Interpreten, die Jury diskutierte hier am heftigsten. Den Zuschlag erhielt schließlich Vanessa Gentile aus Schwäbisch Gmünd. Die 17-Jährige war bereits beim Halbfinale mit ihrer komplexen und sehr ausgereiften Komposition „Sonne & Mond“ aufgefallen, ein Lied, bei dem man genauer hinhören muss. Die Mocca-Music-School aus Stuttgart hatte als Sonderpreise ein professionelles Gesangs- und ein Bandcoaching ausgeschrieben. Während der Erstplatzierte Sebastian Schmidt sich auch noch zusätzlich über das Gesangscoaching freuen konnte, ging der zweite Sonderpreis an die Lokalmatadoren Wombat goes !BAM! für ihr Lied „Been around me“. Am meisten und lautesten dürften sich an diesem Abend aber die Gewinner des mit 1000 Euro dotierten Wolle-Kriwanek-Förderpreises gefreut haben: Die vierköpfige junge Band Unrated aus Sülzbach hatte drei Tage an ihrem flockigen Midtempo-Song „Stay“ geschrieben, Sänger und Gitarrist Michael Böhringer hechtete am Schluss des Liedes noch schnell ans Keyboard und legte dort ein abschließendes Solo hin.

Wegen der Fußballweltmeisterschaft war das Finale dieses Jahr auf die Abendstunden verlegt worden, was sich sowohl von der Stimmung und dem Publikumsinteresse als auch von den Temperaturen her als positiv erwies.