Musikalische Perlen, hoch motivierte Pianisten

Beim ersten und zweiten Teilnehmerkonzert der Klavierakademie zeigten die Schüler echte Klasse

Viel Zeit hatten sie nicht: Nur zwei beziehungsweise vier Tage konnten sich die Teilnehmer der Klavierakademie nach den ersten Unterrichtstreffen mit ihren Lehrern auf ihr Konzert vorbereiten. Es war beeindruckend, zu erleben, was die Einzelnen dem Flügel abgewannen.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Manche Teilnehmer der Klavierakademie sind schon länger auf internationalem Wettbewerbs- und Vorspielparkett unterwegs, manche gehen mit einem Studienbeginn nun neue Schritte oder sind noch mitten in der Ausbildung. Allen gemein ist, dass sie sich dem Klavier, mal Freund, mal Feind, ganz und gar verschrieben haben. Neben dem intensiven Arbeiten mit Felix Gottlieb, Karl-Heinz Kämmerling und Stanislav Pochekin an ihren Stücken und ihrem Programm sind die Auftritte vor einem größeren Publikum ein wichtiger Teil der Internationalen Klavierakademie. Insofern dürften die vier Pianistinnen, die sich zum ersten Teilnehmerkonzert auf die Festhallenbühne wagten, auch nicht enttäuscht gewesen sein. Es waren so viele Besucher wie noch nie zuvor bei einem Auftaktkonzert, so die Einschätzung von Kulturamtsleiter Uwe Matti. Umgekehrt hatten die vier Frauen ihrem Publikum einiges zu bieten – einen Abend, der vor allem im Zeichen der Romantik stand.

Masae Nagasawa aus Japan eröffnete mit der Fantasia von Josef Haydn sowie der Sonate op. 90 e-Moll von Ludwig van Beethoven. Bei letzterer lotete sie die vielen Facetten aus – von dramatischen, widerspenstigen Passagen, über unerwartet entspannte Feierlichkeit und bis hin zu dem sich immer wieder neu Zusammensetzen der zentralen Motive. Es war herauszuhören, dass sie „Zeit und Charakter der beiden deutschen Komponisten sehr mag“, wie sie sagt. Nun wird sie weiter hart arbeiten, um sich für einen Konzertauftritt in Tokio vorzubereiten.

Robert Schumann ist für Maria Razumovskaya (Russland) zurzeit der Komponist, der ihr emotional am nächsten ist. Ausgesucht hat sie die Kinderszenen op. 15. Kleine, feine Stücke, die eine Idee vom Gefühlsreichtum Schumanns vermitteln und von Maria auch gespielt wurden, als fühle sie sich bei ihm sehr zu Hause. Danae Dörken (Deutschland) beeindruckte mit ihrer Interpretation von Schumanns Fanatasie C-Dur op. 17, einem Stück, „das man nie zu Ende ausgearbeitet haben wird, und an dem man immer wieder wachsen kann“. Für sie das facettenreichste Werk Schumanns, bei dem sie die Fülle der Empfindungen dem Publikum wie ein musikalisches Festessen servierte, ohne sich als Kellnerin in den Vordergrund zu spielen. Die junge Frau hat gerade ihr Abitur gemacht, wird aber seit 2003 von Kämmerling unterrichtet und nun in Hannover bei ihrem Lehrer ein Studium beginnen.

Auch Claudia Cordero Valetta (Spanien) genießt außerhalb der Klavierakademie namhafte Unterstützung – von Stanislav Pochekin in Barcelona. Sie verband die Stücke von Enric Granados (Quejas o La Maja y el Ruisenor), Isaac Albéniz (Cadiz, el Puerto) sowie Franz Liszt (Tarantella) zu einem äußerst stimmigen, romantischen Programm. Der Höhepunkt und gleichzeitig Abschluss des zweiten Teilnehmerkonzertes war der Auftritt von Gerhard Vielhaber. Der 12 Jahre jüngere Bruder von Björn Vielhaber, der an der Musikschule in Murrhardt sowie an der Musikhochschule Stuttgart unterrichtet, studierte bei Karl-Heinz Kämmerling und Jacques Rouvier, hat als professioneller Pianist viel internationale Erfahrung gesammelt und lehrt nun selbst an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Im Gepäck hatte er die Sonate Nr. 4 c-Moll op. 29 von Sergei Prokofjew. „Bisher habe ich mich wenig mit russischen Komponisten beschäftigt und wollte diese Lücke füllen“, sagt Vielhaber. Dass ihm die Arbeit am Stück auch jede Menge Spaß gemacht hat, wurde dem Publikum schnell klar. Passagen, die dröhnender, tiefer, grimmiger nicht hätten sein können, wechselten sich mit genussvollen Dissonanzen, grüblerischen und melodischen Einschüben und fulminanten Ausbrüchen ab, was ihm nach dem Schlussakkord einige Bravorufe einbrachte. Fast schon optimistisch dagegen wirkte in der Rückschau die Sonate G-Dur Hob XVI:6 von Joseph Haydn, die Daria Zemele (Lettland) in einer ebenso genussvoll spielerischen Weise präsentierte.

Außerdem bekam das Publikum drei Mal Chopin serviert. Jens-Hagen Wegner, der in Backnang aufgewachsen ist und seit 2009 in Freiburg bei Professor Tibor Szasz studiert, arbeitete sich sensibel durch die 3 Nocturnes – zwischen Fragen, Melodie und spielerischen Einschüben vermittelnd. Für Daria Zurawolowa (Polen) ist Chopin neben Rachmaninow ihr Lieblingskomponist. Der Barcarolle Fis-Dur op. 60 verlieh sie starke Akzente, bewegte sich makellos durch die dissonanten, ineinanderfließenden Elemente, beeindruckte durch ein präsentes Spiel.

Kiveli Dörken (Deutschland), die jüngere (geb. 1995) Schwester von Danae und ebenfalls eine Kämmerling-Schülerin, schloss den Chopin-Block mit der Ballade Nr. 1 g-Moll op.23 ab. Ein Spiel, das ihr technisches Können genauso zeigte wie die Lust, den vielen epischen, lyrischen und dramatischen Inhalten brillant Ausdruck zu verleihen.

Sang Eil Shin (Korea) stellte dem Publikum Variationen über „Unser dummer Pöbel meint“ KV 455 von Wolfgang Amadeus Mozart vor – mit einigen wirkungsvollen Akzenten. Er verriet nach dem Konzert, was die Klavierakademie und der Unterricht auch bedeuten: „Die Art wie ich das Stück ursprünglich gespielt habe, musste ich komplett umkrempeln“, sagt er, „schätzungsweise zu 90 Prozent.“ Harte Arbeit, Herausforderung und Chance zugleich.