„Wie in einem Dampfkochtopf“

Klavierakademie: 12 Pianisten wohnen auf dem Wolkenhof – Für Gäste und Gastgeber vollgepackte Tage

Für die jungen Pianisten bedeutet die Klavierakademie, sich intensiv mit ihrem Spiel und der eigenen Person auseinanderzusetzen. Ob sie die zwei Wochen als Musik-Urlaub oder Chance für ihre berufliche Entwicklung sehen, anstrengend sind sie allemal. Dies merken ihre Gastgeber Gabi und Hannes Dietrich auf dem Murrhardter Wolkenhof schon allein daran, dass das Schlafbedürfnis von Tag zu Tag zunimmt.

Entspannen nach einem langen Klavierakademietag: Darja Zemele, Ye Rin Koh, Sabine Binder und Sonja Kochoutina im Wintergarten.Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Yuri Daniel van Nieuwkerk kommt die Holztreppe vom zweiten Stock heruntergetapert und blinzelt das Frühstücksbuffet noch ein wenig schlaftrunken an. Nach und nach treffen die Pianisten, die während der Klavierakademie auf dem Wolkenhof wohnen, im zum Speisesaal umfunktionierten Wohnzimmer ein, um sich vor dem nächsten Unterricht oder Übungslauf zu stärken. Yuri gehört sozusagen zu den alten Hasen. Er ist zum dritten Mal auf dem Wolkenhof zu Gast, die Klavierakademie besucht er im vierten Jahr. Warum? „Weil die Zeit und das Arbeiten hier intensiver ist, es funktioniert ein bisschen so wie in einem Dampfkochtopf“, sagt er. „Immer wenn ich auf der Klavierakademie war, habe ich auch in meiner musikalischen Entwicklung einen Sprung gemacht.“ Das hat für den Pianisten, der aus einer Künstlerfamilie stammt und schon als Kind auf dem Amsterdamer Konservatorium gefördert wurde, mit dieser besonderen Situation, mit den zwei vollgepackten, intensiven Wochen zu tun. In Amsterdam, dieser „schönen, chaotischen“ Stadt, gibt es im Alltag immer etwas, was organisiert werden muss. Während der Klavierakademie kann er sich nicht nur ganz auf die Dozenten und ihre Anregungen konzentrieren, er genießt auch „diese Oase der Ruhe“ in Murrhardt. Insofern hat er sich schon die Karte geschnappt, um einfach mal die Berge hinaufzuwandern und zu Fuß die Umgebung zu erkunden. Auch das Leben auf dem Wolkenhof genießt er und ist froh, dass er sich, anders als im Hotel, hier ein bisschen wie zu Hause fühlen kann. Gesprächsthema sind vor allem die Herkunftsländer der Teilnehmer. „Und gestern haben wir dann noch ein bisschen schreckliche, russische Musik gehört“, sagt er und lacht. Schrecklich ist in diesem Fall Ska beziehungsweise Hip-Hop, wobei Yuri erzählt, dass er selbst einmal zu Schulzeiten in einer Band Bass gespielt hat. Der Reichtum und die Klangwelt der klassischen Musik ist für ihn durch keine andere Musikrichtung auch nur im Ansatz zu erreichen. Er äußert dies mit einer leichtfüßigen Überzeugung, die kein bisschen altklug klingt.

Yuris Zimmergenosse Taiki Nakumura war der allererste beim Frühstück und ist schon fast fertig. Er wird am Abend im Konzert spielen. Taiki studiert in Kyoto City Klavier, und eigentlich würde bei ihm daheim zum Frühstück eine Portion Reis stehen. Gespannt verfolgt er all die neuen Dinge, angefangen vom Unterricht mit den drei Professoren bis hin zu den Kässpätzle. Bettina Binder wohnt mit drei Leuten auf dem Zimmer und schläft im Gegensatz zu Taiki unten im Stockbett. Auch wenn einer der Wecker aus Versehen zu unchristlicher Zeit klingelt und sie sich den Kopf schon mal am „Obergeschoss“ angehauen hat, ist sie froh, hier zu sein. Sie macht bald ihren Abschluss in Schulmusik (Freiburg). „Es ist gut, die vielen Anregungen zu bekommen. Man muss sich dann eben das raussuchen, was für einen sinnvoll ist.“ Zwei Frauen sind sogar mit familiärer Unterstützung nach Murrhardt gekommen. Lucyneh Abramian aus Armenien ist mit ihrem Mann Armen das erste Mal in Deutschland. Gemeinsam machen sie „musikalische Ferien“, sie besucht den Unterricht, und weil Armen auch Pianist ist, werden die Dinge anschließend diskutiert. Begierig sammeln auch sie die neuen Eindrücke und fühlen sich sehr wohl im lebendigen Haus der Dietrichs. Marta Podolkska (Polen) steckt schon im Berufsleben, tritt als Pianistin auf und unterrichtet an einer Musikschule. Sie hat ihre Schwester Klaudia dabei, die ebenfalls Lehrerin ist, allerdings nicht für Klavier, sondern für Mathematik. Während sich Klaudia in ihrem „begleitenden Kultururlaub“ auch mal ein Buch schnappt und lesen kann, muss Marta zugeben, dass so eine Klavierakademie nicht unanstrengend ist. Das können Gabi und Hannes Dietrich absolut bestätigen. „Man merkt genau, dass das Schlafbedürfnis bei den jungen Leuten mit der Zeit immer mehr zunimmt“, sagt Hannes Dietrich. Seit drei Jahren beherbergen sie in Zeiten der Akademie zahlreiche Pianisten, dieses Jahr ist es ein Dutzend.

Das Problem herauszubekommen, was den jungen Leuten schmeckt, die sich nur auf Russisch dazu äußern können, kennen sie genauso wie die Anspannung der Einzelnen, wenn sie abends vor Publikum spielen müssen. Und wenn ein Gast mit dem Laptop auf dem gelben Sofa oder der Zwischentreppe sitzt, kann es sein, dass er nach Hause skypt (Video-Telefonat über Internet) – oder vielleicht auch nach schrecklicher Hip-Hop-Musik sucht, um sich mit den anderen nach einem Konzert oder dem Unterricht ein wenig zu entspannen.