Backemer Leder – guat Leder

Ledermarkt erinnert an eine große Tradition– Gebet und Gottesfürchtigkeit spielten in Gerberfamilien eine große Rolle

Um an die Zeit Backnangs als süddeutsche Gerberstadt zu erinnern und das traditionelle Gerberhandwerk nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, veranstaltete die Techniksammlung der Stadt zum dritten Mal einen Ledermarkt mit Tag der offenen Tür in der Kaelblehalle.

So war das damals: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Techniksammlung demonstrierten die Lederverarbeitung früherer Zeiten.Foto: E. Layher

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Lederstücke in verschiedenen Größen, Sorten und Farben wurden auf dem Ledermarkt angeboten. Exotische Häute, etwa von der Schildkröte, dem Krokodil oder einer sechs Meter langen Anakonda wurden präsentiert. Auch verschiedene Felle gab es zu sehen, von Karakul-Lämmern, Waschbär, Bisam oder Seehund. Und natürlich Leder von heimischen Tieren.

Erster Bürgermeister Michael Balzer eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort. Im Jahr 1864 wurde erstmals in Backnang ein zweimal jährlich stattfindender Ledermarkt eingerichtet, informierte er. Hunderte von Käufern aus Württemberg und Baden, aber auch aus Österreich, Frankreich, Holland und der Schweiz kamen zu den Ledermärkten. Die besondere Qualität des Backnanger Leders war weit über die Grenzen hinaus bekannt. „Backemer Leder – guat Leder“. Der kleine Ledermarkt in der Kaelblehalle, der seit 2006 alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Oldtimertreff stattfindet, soll an die Tradition der Ledermärkte erinnern. Maximilian Räuchle, Geschäftsführer der Gebrüder Räuchle GmbH, der letzten produzierenden Lederfabrik in Backnang, gab Einblicke in das Leben der Gerber im 19. Jahrhundert und verlas einen Brief seiner Großtante Johanna Henninger, in dem sie ihre Jugenderinnerungen niedergeschrieben hat, kurz bevor sie 1944 starb.

Der Brief, in dem sie ihr Leben als Zehnjährige beschreibt, gibt interessante Einblicke in das Leben einer streng gläubigen, pietistischen Backnanger Gerberfamilie. Im Jahr 1867 wurde Johanna als 12. Kind des „Postgerbers“ Christian Breuninger und seiner Frau Luise Friederike geboren. Ihr Elternhaus, die sogenannte Postgerberei, befand sich in der Sulzbacher Straße auf dem Areal des heutigen Schweizerbaus. Der Eckartsbach führte vor dem Haus vorbei, der nach etwa 100 Metern in die Murr mündete. Das Totenkirchle wurde damals als Häutemagazin genutzt.

Hart war die Kindheit und Jugend in der Gerberfamilie. Johannas ältere Schwester Mathilde, Maximilian Räuchles Großmutter, musste schon als kleines Mädchen den Haushalt führen, nachdem ihre Mutter verstorben war, und auch Johanna hatte zahlreiche Aufgaben. Im Haus wurde auch für die Arbeiter der Gerberei gekocht. Morgens um 4.30 Uhr stand der Vater auf und weckte die Kinder. Das Familienoberhaupt war streng. Gottesfürchtigkeit und Gebet spielten eine bedeutende Rolle im Alltag der Gerberfamilie, geht aus dem Brief hervor.

Im Anschluss an den Vortrag gab es beim Ledermarkt zwei Kurzfilme zu sehen über die Geschichte der Lederfabrik Knoch in Hirschberg an der Saale und den Film „Lederfabrik Rehau – So wird’s gemacht“, der den heutigen Arbeitsablauf in der Lederfabrik Südleder in Rehau mit modernsten Maschinen zeigt.

Neu in der Techniksammlung ist eine Schautafel, auf der die Standorte der Backnanger Lederfabriken und Gerbereien ab 1824 entlang der Murr eingetragen sind, Fotos und geschichtliche Informationen ergänzen die Darstellung. Im Eingangsbereich der Kaelblehalle hat Antje Hagen, die bei der Stadt für die Techniksammlung zuständig ist, eine Ausstellung mit Portraits von Backnanger Gerbern und Lederfabrikanten zusammengestellt.

Beim Tag der offenen Tür konnten die Abteilungen Gerberei, Kaelble und Spinnerei besichtigt werden. Mitarbeiter der Techniksammlung führten Lederverarbeitungsmaschinen und Kaelblemotoren vor. Wie man mit dem Spinnrad Garn spinnt, demonstrierte Ute Egen vom Landfrauenverein Buoch den Besuchern.