Der Schimmel ist des nassen Wertpapiers größter Feind

Hochwasser: 14 Tonnen geschädigte Archiv-Akten der Volksbank landeten in Kornwestheim – Firma Schempp ist spezialisiert aufs Gefriertrocknen

Nach dem Hochwasser gab es für die Volksbank ein Gebot: Schnell handeln. Ein großer Teil des Archivs in der Tiefgarage war abgesoffen; 2000 Aktenordner vom Murrwasser durchtränkt. Schimmelpilz drohte. Innerhalb von drei Tagen wurden die Papiere zum Sanierungsspezialisten, der Firma Schempp, nach Kornwestheim gefahren.

Sublimation: In diesem Schrank wird gefrorenen Dokumenten die Feuchtigkeit entzogen. Bei rund minus 50 Grad Celsius und Vakuum – dafür sorgt das kleinere Aggregat (links) – wandelt sich Eis in Wasserdampf um, der abgesaugt wird. Foto: Schempp

Von Florian Muhl

BACKNANG. Noch immer gleicht die Grabenstraße nach dem Hochwasser am 12. Januar einem Sanierungsgebiet. Die Volksbank ist eines der größten Opfer der Wasserfluten. „Das Wasser stand bei uns im Untergeschoss bis zur Decke“, sagt Vorstandsmitglied Gerhard Zanker. Im UG befindet sich nicht nur die Tiefgarage, sondern auch der Tresorraum. Wie dort das Wasser hineinkam, war erstmal fraglich. Aber es kam. Sämtliche Kunden wurden sofort angerufen, sie sollten nach ihren Schließfächern und deren Inhalt schauen. Vorstandsmitglied Jürgen Beerkircher stand stets zur Verfügung, wenn betroffene Kunden Fragen hatten, sagt Zanker. Ob Schmuck oder Münzen, Uhren oder Dokumente – Beratung wurde immer angeboten.

Vom Hochwasser im UG war aber auch ein großer Teil des Archivs betroffen. In so einem Fall ist der Schimmelbefall die größte Gefahr. Der kann nach kurzer Zeit einsetzen. „Wasserschäden erfordern unverzügliches Handeln, um die Folgeschäden, besonders die Schimmelbildung, zu begrenzen. Alle betroffenen Materialien sollten möglichst schnell eingefroren werden“, sagt Dieter Hebig, stellvertretender Geschäftsführer und verantwortlich für den Bereich Bestandserhaltung und Schadensanierung bei der Schempp Bestandserhaltung GmbH, die Dienstleistungen für die Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut anbietet. „Durch das Frieren wird zwar nichts besser, aber auch nichts schlechter. Der Status quo wird einfach fixiert“, sagt Hebig. So schnell wie möglich, darunter ist ein Zeitraum von wenigen Stunden, maximal ein bis zwei Tage, zu verstehen, heißt es in einem Merkblatt des Sanierungsspezialisten. Hebig gibt Entwarnung: „Bei Wärme spielt sich das Schimmelwachstum wesentlich schneller ab.“ So sei es entscheidend, ob sich das Hochwasser im Sommer oder im Winter ereignet. Jetzt seien die Außentemperaturen sehr niedrig. Das heißt, dass der Spielraum bis zum Einfrieren etwas größer ist.

Wie Zanker sagt, haben viele Volksbank-Mitarbeiter mitangepackt, haben Aktenordner in Folientüten verpackt und dann in Umzugskartons liegend gestapelt. „Innerhalb von drei Tagen haben wir 2000 Archiv-Ordner verpackt und abtransportiert. Insgesamt waren es drei Lkw-Ladungen“, sagt der Bankvorstand. Bei dieser Aktion sei stets ein Prokurist sowie ein Innenrevisor anwesend gewesen.

Hebig hat die Ware von der Volksbank gewogen, denn nach dem Gewicht richten sich die Bearbeitungskosten. 14 Tonnen waren’s insgesamt. Schempp hat zudem noch weitere Aufträge aus Backnang, kleinere und größere. „Andere sind noch nicht so weit, wie die Volksbank, die sind noch mittendrin. Wir holen auch noch am Montag Dokumente ab“, sagt Hebig. Haben die durchnässten Papiere Kornwestheim erreicht, werden sie zunächst eingefroren. Das geschieht bei minus 20 Grad Celsius. In diesem Zustand sind die Dokumente erstmal geschützt. Es kann sich kein Schimmel bilden beziehungsweise Schimmel, der sich bereits gebildet hat, kann nicht mehr weiterwachsen. Und Tinte oder Stempelfarbe kann nicht mehr auswaschen.

In gefrorenem Zustand allerdings lassen sich die Dokumente nicht einsehen. Deswegen ist jetzt der nächste Schritt dran – das Gefriertrocknen, in der Fachsprache die Sublimation. Das passiert in einem etwa zwei Meter hohen Spezialschrank (siehe Foto). Ohne, dass das gefrorene Wasser in den Büchern auftaut, wird bei rund minus 50 Grad Celsius und bei Vakuum das Eis direkt in Wasserdampf umgewandelt, der abgesaugt wird. Der ganze Vorgang dauert – je nach Wassergehalt der Dokumente – eine halbe bis eine Woche. Anschließend sind die Dokumente komplett trocken.

Allerdings können die Papiere noch vom Wasserschlamm verschmutzt sein. Das heißt, bei jedem Dokument ist nun noch vom Auftraggeber zu entscheiden, ob es weiterbehandelt werden soll.