Bündnis entpuppte sich als Teufelspakt

Geschäftsbeziehungen von Kaelble mit Libyen waren folgenschwer: Gaddafi führte das Backnanger Unternehmen in den Ruin

Muammar al-Gaddafi hat auch in Backnang Spuren hinterlassen: In den 70er- und 80er-Jahren machte der Nutzfahrzeughersteller Kaelble dicke Geschäfte mit dem libyschen Diktator. Das Bündnis entpuppte sich als Teufelspakt: Er führte das Unternehmen erst zu einer Blüte – und dann in den Ruin.

Prachtstück aus der Glanzzeit: Kaelble-Zugmaschine beim Oldtimer-Treffen 2005. Foto: E. Layher

Von Peter Schwarz

BACKNANG. Das Kaelble-Desaster nimmt 1977 seinen Lauf – und beginnt als lukrativer Fischzug: In jenem Jahr erhält das schwäbische Traditionsunternehmen einen Großauftrag: Zu liefern sind 250 schwere Sattelzugmaschinen, jede mehr als 500 PS stark. Kunde: Die libysche Armee. Das Militär braucht die Wuchtbrummen für den Panzertransport.

So lohnend der Rüstungsdeal vorderhand ist – bald entpuppt sich der Geldsegen als Fluch. Nachdem der Auftrag abgewickelt ist, stellt sich heraus: Kaelble, massiv in Beschlag genommen durch die konstruktive und logistische Monumentalaufgabe, hat darüber andere Kunden vernachlässigt, und nun bricht die Auftragslage ein.

Kaelble befreit sich aus seinen Geldnöten durch eine folgenschwere Rettungsmaßnahme: Das Unternehmen holt sich einen potenten Gesellschafter ins Boot und verkauft Anteile an „Lafico“. Lafico ist eine Abkürzung für: Libian Arab Foreign Investment Company (übersetzt: „Libysch-Arabische Auslands-Investment-Gesellschaft“). Gaddafis Staatsholding kauft sich in jener Zeit auch bei anderen europäischen Betrieben ein. Der angeschlagene Autokonzern Fiat zum Beispiel überlässt Lafico ein 15-Prozent-Aktienpaket. Immer mehr Kaelble-Anteile erwirbt Lafico und ist 1983 Hauptgesellschafter. So glaubt das Backnanger Unternehmen sich fit für die Zukunft zu machen – und manövriert sich immer tiefer in die Abhängigkeit. Kaelble spezialisiert sich massiv auf die Produktion von Radladern und Muldenkippern und lebt vor allem von einem einzigen Riesenvorhaben: dem Great-Man-Made-River-Projekt (übersetzt etwa: „Ein großer Mann baute einen Fluss“). Gaddafi will in Libyen mit der weltweit größten Trinkwasser-Pipeline die Versorgungslage des Landes verbessern und sich selbst ein Denkmal setzen. Ab 1984 werden in der Sahara Bewässerungssysteme installiert. Sie pumpen Wasser, das seit der Eiszeit unterirdisch im Gestein, in natürlichen Speichern, eingeschlossen ist, über Tausende von Kilometern zu den großen Küstenstädten des Landes. Millionen Kubikmeter Sand und Geröll werden bewegt, Rohre mit mehreren Metern Durchmesser verlegt, gewaltige, kreisrunde Reservoirs in den Boden gefräst. All das mithilfe der schwäbischen Maschinen. Kaelble steht in saftstrotzender Blüte – und baut in der Sahara seine Zukunft auf Sand.

In der Nacht zum 5. April 1986 tanzen, feiern und trinken in der Berliner Discothek La Belle Hunderte in Deutschland stationierte US-Soldaten, als gegen 1.40 Uhr ein drei Kilogramm schwerer, mit Nägeln und Eisenstücken angereicherter Sprengsatz explodiert. Zwei GIs und eine türkische Besucherin sterben, 28 Menschen erleiden schwere Verletzungen, der Luftdruck der Bombe zerreißt 250 Discogängern das Trommelfell.

Wer als Drahtzieher hinter dem Anschlag steckt, ist ein offenes Geheimnis: Muammar al-Gaddafi gilt schon seit Längerem als Unterstützer antiisraelischer und antiamerikanischer Terrorgruppen – das Attentat dürfte ein Vergeltungsakt sein: Im März haben US-Streitkräfte zwei libysche Kriegsschiffe versenkt.

Auf Rache folgt Rache folgt Rache: Die USA bombardieren postwendend mit Kampfflugzeugen libysche Städte – und Gaddafi wiederum antwortet am 21. Dezember 1988: Die Boeing 747 der amerikanischen Fluglinie Pan American World Airways, unterwegs von London nach New York, befindet sich in 9400 Metern Flughöhe über Schottland, als eine Bombe ein Loch in den Rumpf der Maschine reißt. Sekunden später ist das Flugzeug in zwei Teile zerborsten. Alle 243 Passagiere und 16 Besatzungsmitglieder sterben beim Absturz, elf Bewohner der Ortschaft Lockerbie werden von Trümmerteilen erschlagen oder kommen in Flammen ums Leben, als freigesetztes Kerosin in Brand gerät und ein Wohnhaus förmlich explodieren lässt. Es folgt ein internationales Embargo gegen Libyen – und Kaelble, geschäftlich auf Gedeih und Verderb an den arabischen Staat gekettet, gerät ins Trudeln. Die Arbeit am Great-Man-Made-River-Projekt wird immer schwieriger, da die libyschen Fluglinien zum Transport von Ersatzteilen aus Deutschland nicht mehr nutzbar sind.

Mai 1991, Meldung im Spiegel: „Die US-Regierung beschuldigt libysche Firmen mit Sitz in der Bundesrepublik, das von Washington verhängte Handelsembargo gegen den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi zu unterlaufen.“ Das Nachrichten-Magazin nennt unter anderem ausdrücklich das „Unternehmen Kaelble-Gmeinder in Backnang“ – es stehe auf einer „erweiterten schwarzen Liste des US-Finanzministeriums“.

Das Ende der Geschichte steht im Internet-Lexikon Wikipedia – mit dürren, aber unmissverständlichen Worten: „Als Folge des Libyen-Embargos musste das Unternehmen 1996 Konkurs anmelden.“