Kreis-SPD tief zerstritten wegen S21

Parteitag offenbarte Gegensätze – Hestler: Sozialdemokratisch-schwäbische Eisenbahn leidet an schwindenden Fahrgastzahlen

SCHORNDORF (no). Speziell die SPD im Kreis kann sich nicht richtig freuen über die Tatsache, an der Regierung zu sein. Auch die geschickteste Parteitagsregie wie jetzt in Schorndorf konnte ihn nicht verdecken: den Riss wegen Stuttgart21. Der Graben ist so tief, dass eine Seite zwischendurch mal mit Auszug aus der Versammlungsstätte drohte.

Nein, an Jürgen Hestler, dem Kreisvorsitzenden, lag es nicht. Das nennt man eine geschickte Parteitagsregie. Er lud den jungen, in Backnang geborenen Politologen und Sozialdemokraten Erik Flügge in die Künkelinhalle. Auf dass er als Mitarbeiter des Sinus-Instituts mittels Milieustudien aufzeigt: „Wie ticken die Deutschen und was heißt das für die SPD?“ Eine Dreiviertelstunde Power-Vortrag, danach sollte es eigentlich genug Stoff geben für übergreifende Diskussion, wie sich die Sozialdemokraten nicht länger von den Grünen die Butter vom Brot nehmen lassen müssen.

Zuvor hatte Hestler in seiner Begrüßungsrede alles vermieden, was nach einer Standortfestlegung seinerseits ausgeschaut hätte. Er bediente sich nur rhetorisch beim Bahnhof: „Wer künftig mit einem SPD-Ticket fährt, endet nicht mehr automatisch im Sackbahnhof.“ Aber auch: „Es ist kein Geheimnis, dass die sozialdemokratisch-schwäbische Eisenbahn an schwindenden Fahrgastzahlen leidet.“ Viel Lyrik, aber keine Linie.

Das Gleisfeld ist nun mal vermint. Noch am Tag des kleinen Rems-Murr-Parteitags haben prominente Landes-SPDler einen Brandbrief an die Partei geschickt. Voran Peter Conradi und Peter Grohmann, aber auch die Rems-Murr-Projektgegner Klaus Riedel, Hermann Zoller und Karl Bickel gehören zu den Unterzeichnern. Viele SPD-Wähler, heißt es da, hätten darauf vertraut, dass es zu einer „vorurteilsfreien Prüfung der Fakten durch die Partei“ komme: „Heute müssen wir leider befürchten, dass die Spitze der SPD unverändert und ohne ein neues Nachdenken auf der Realisierung von S21 beharrt.“ Da fliegt er, der innerparteiliche Fehdehandschuh.

Der Sozialforscher Flügge wollte sich da nicht einmischen, aber seine Wählerstammzellen zeigen ihm, dass die SPD bei diesem Thema kaum etwas ernten kann. Die S-21-Gegner aus dem konservativ-etablierten Milieu, die Stuttgarter Halbhöhenlage, normal eine sichere CDU-Bank, ist gleich zu den Grünen übergelaufen. Und das „Milieu der Performer“, die „Adaptiv-Pragmatischen“, die es für die SPD zu erreichen gelte, „das will S21“, sagt der junge Politologe.

Frisch aus den Koalitionsverhandlungen kam Katrin Altpeter nach Schorndorf. Sie legt sich nicht fest. Wie auch, aus ihrem Waiblinger Ortsverband opponiert es stark gegen die Landeslinie. Sie versuchte, die Stimmung zu retten: „Verschiedene Meinungen kann man auch zulassen.“ Sie will deshalb den Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag. Und zwar nicht nur mit Ja/Nein zum Ankreuzen, „sondern auch, um Informationen zu holen und zu bekommen“. So weit, sie muss wieder nach Stuttgart. Die Lager aber graben sich tiefer ein. Zwei Exponenten sind zu nennen, beispielhaft: Klaus Riedel, Waiblingen, und Hans-Ulrich Schmid, Schorndorf. Es ist, als ob Waiblingen (Riedel) selbst eine kleine Halbhöhenlage der Intellektuellen und Gutsituierten bildet. Und in Schorndorf (Schmid) die Arbeitspferde stehen und für die SPD ackern. Lehrer (Riedel, Bickel) und Gewerkschaftsmänner (Zoller, Schwaikheim), täglich trainiert in der freien Rede, also gegen Männer der Tat? Gegen Männer, die es in ihrem Berufsleben hart beschleunigt hat und für die Zeit richtig Geld ist. Platzt S21, fürchten sie, braucht es wieder Jahre, bis etwas geht auf dem Stuttgarter Bahnhof und nach Ulm. Getrennte Lager. Und sehr verschiedene Milieus.