- Kultur 21.11.2009
Begegnungen mit einer Nobelpreisträgerin
Hellmut Seiler lernte Herta Müller Ende der 70er-Jahre in einem Literaturkreis kennen – Einsichten in Securitate-Akten
In der Karpaten-Rundschau vom 12. November 1982 rezensiert Hellmut Seiler Herta Müllers Prosaband „Niederungen“. Als er noch in Rumänien lebte, hat er die diesjährige Nobelpreisträgerin für Literatur kennengelernt. Sie war wie er Mitglied im Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis in Temeswar. Müller trat am 3. November 1983 mit anderen Kollegen aus dem Literaturkreis aus.
Von Ingrid Knack
BACKNANG. Rückblick ins Jahr 1982. Hellmut Seiler schreibt in der in Kronstadt-Brasov erscheinenden Karpaten-Rundschau: „Zu den hervorragenden Bucherscheinungen des vergangenen Verlagsjahrs gehört zweifelsohne Herta Müllers Prosaband ‚Niederungen‘, der dieses Jahr erst auf den Büchertisch gelangt ist. Bereits vor seinem Erscheinen war verschiedenerorts (nicht nur) von der Fachkritik auf ihn aufmerksam gemacht worden, unter Eingeweihten galt er als der ausgemacht wichtigste Belletristiktitel des Jahres. Mittlerweile konnten sich auch jene Leser, denen Herta Müller bis zum Erstehen ihres Debütbandes eine Unbekannte war, davon überzeugen, daß sie sich hier mit einem Autor konfrontiert sehen, dessen vorurteilsfreie Aufgeschlossenheit und Unbestechlichkeit in unseren literarischen Breiten seinesgleichen sucht.“ Der Verfasser der ersten Rezension zu dem Band macht ferner deutlich, wie sich Müller in ihren Texten „rücksichtslos selbst mit einbringt in die Schilderung, als lebendes Symptom“.
Zudem zitiert Seiler, der heute als Lehrer am Beruflichen Schulzentrum in Backnang arbeitet, aus einem Interview, das Herta Müller im Mai 1981 der Temeswarer Studentenzeitschrift Forum studentesc gegeben hatte. „Während ich schreibe, suche ich immer nach jenen Wörtern, die das scheinbar Normale, Geregelte, Geordnete um mich herum umstülpen und es als verzerrt, grotesk und pervers ausweisen.“
Hellmut Seiler ist am 19. April 1953 in Reps/Rupea (Siebenbürgen) geboren. Herta Müller am 17. August 1953 in Nitzkydorf, Rumänien – auch ihre Familie gehörte zur deutschen Minderheit in Rumänien. Dass sich ihre Wege kreuzen, erstaunt nicht. Seiler gehörte in den 1970er- und 1980er-Jahren zu den profiliertesten Lyrikern der damals jüngsten Generation rumäniendeutscher Autoren. Bei einer Lesung um die Jahre 1978/79 und der obligatorischen anschließenden privaten Diskussionsrunde lernte er die Autorin kennen. 1981 waren Müller und andere Mitglieder des Literaturkreises (AMG) mehrere Tage bei Seiler in Neumarkt, wo dieser als Deutschlehrer arbeitete. „Damals war die Wohnung noch nicht verwanzt, das kam später.“ Überschattet wurden selbst solche Treffen von Misstrauen. Ob da nicht doch ein Geheimdienst-Spitzel mitten unter uns ist? Diese Frage konnte nie befriedigend beantwortet werden. Verdächtig war zum Beispiel, wenn jemand nach einem Deutschlandaufenthalt wieder zurückkam. Seiler: „Es waren keine normalen Verhältnisse. Wer freiwillig zurückkam, hatte in irgendeiner Weise Dreck am Stecken, oder sie hatten etwas in der Hand“, war man überzeugt.
Nach der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Herta Müller kramte Seiler nicht nur in seinen Erinnerungen, sondern auch in seinen alten Fotos und fand, was er gesucht hatte. Eine Aufnahme, entstanden in der Zeit der 1.-Mai-Feierlichkeiten 1981 in Neumarkt. Und der Pädagoge und Schriftsteller erzählt von den Umständen, die dazu führten, dass Herta Müller und ihr damaliger Partner Richard Wagner aus dem AMG-Kreis austraten. Die Gruppe junger Schriftsteller um den Dichter und Zeitungsherausgeber Nikolaus Berwanger war nicht damit einverstanden, dass der Schriftsteller Franz Johannes Bulhardt aus Bukarest aufgenommen werden sollte. Durch ihn seien „mehrere Schriftsteller deutscher Nationalität ins Gefängnis gekommen“ (Wagner). Der einstige Vorsitzende und danach stellvertretende Vorsitzende des AMG-Kreises Richard Wagner beschreibt diese Umstände in der Zeitschrift „Spiegelungen“ (Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 3, 2009). Darin heißt es weiter: „Zunächst einmal fühlt sich die Securitate durch die unverhofft eingetretene Konfliktlage im Winter und Frühjahr 1984 zu Maßnahmen ermutigt, ermächtigt sowieso. Sie sammelt jetzt eifrig gegen Helmuth Frauendorfer, Herta Müller und mich. Über uns ist keine schützende Hand mehr, zumal im Dezember 1983 auch mein Weggang von der Karpatenrundschau (KR) besiegelt wurde. Ich war nun arbeitslos, was es offiziell gar nicht gab, im Sozialjargon eigentlich ein Parasit...“
Das gegen die Autorin geplante Verfahren wurde gestoppt
In dem Spiegelungen-Beitrag unter der Überschrift „Eskalation 84 oder Wie ich Adam Müller-Guttenbrunn den Bulhardt ersparte“ zitiert Wagner auch aus seiner Securitate-Akte. Etwa so: „Das gegen Herta Müller geplante Verfahren wurde nicht mehr durchgeführt, weil der Riesenerfolg der ,Niederungen‘ in der Bundesrepublik Deutschland und der damit im Zusammenhang stehende Preisregen die Securitate vorerst schachmatt setzte. Im Oktober 1984 durfte Herta Müller zur Buchmesse nach Frankfurt reisen.“ 1987 verabschiedeten sich Richard Wagner und Herta Müller endgültig aus Rumänien: Deutschland war nun ihr Zuhause.
Viele Berührungspunkte und Parallellismen gibt es in diesen Schriftstellerleben. Auch Hellmut Seiler hat mittlerweile in Bukarest Einsicht in seine 870 Seiten und viele Fotos umfassende Securitate-Akte genommen und war bass erstaunt, dass er 15 Monate lang rund um die Uhr überwacht worden war. Derzeit beschäftigt er sich mit der Aufarbeitung. Ihm geht es vor allem darum: „Wie hat dieses monströse System funktioniert?“ Und dass Herta Müller eine solch hohe Auszeichnung bekommen hat, freut ihn auch aus einem besonderen Grund: In der Vergangenheit sei ein Schriftsteller mit „Umsiedlerstatus“ immer mit einem Makel behaftet gewesen. Dass sich das nun ändert, das wünscht er sich.



